Text des Tages, 09. Februar
Rainer Stolz
Alte Dias und Fragen der Geometrie
Du alte Trias, meine Unmenge: digital
erschein ich mir am Bildschirm noch einmal
so klein und dick, ein Fleck in heller Wäsche
und der winkt in Richtung Kamera – da
muss Mutter sein; und Vater, er bleibt
von jetzt an länger weg, er rückt
aus dem Zentrum der Bilder oder
nimmt er es mit? Wohin bloß
führt die Entfernung, die groß wird
gemeinsam mit mir? Im Winkel hier
läuft meine Aussicht schließlich über
den toten Punkt von Pythagoras hinaus.
Mutter sagt: „Ihr macht mich krank“.
Vater sagt: „Deine Mutter spinnt“.
Ergibt: a² - b² + b² - a².
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"Ein Bild von einem Gedicht"
Best of Poetryletter 2009
Fixpoetry Leseheft 14
Vorwort:
Poesie entsteht aus der Spannung, die zwischen Worten und
Sätzen auftaucht, wenn diese sich begegnen wie elektrische
Felder; sie überlagern sich, stoßen sich ab, verwehen ineinander,
erzeugen Raum und Landschaft, Unwetter und klare Sicht.
In Gedichten entstehen endemische Szenen und begegnen
sich Bilder.
Als ich für den ersten Poetryletter im September 2007 Bild und
Gedicht zusammenführte, damals noch nebeneinanderstellte,
begannen sich die jeweiligen Sprachen zu erweitern, das Bild
vibrierte unter der Anwesenheit des Textes und umgekehrt.
Wenn man die eine Kunst mit der anderen zusammenbrachte,
entstand eine lebendige Beziehung in einem potenzierten Raum.
Es war um so spannender, je mehr sich die poetischen Hand-
schriften voneinander unterschieden und doch in ihren Details
und Farben einander anzogen, etwas wirklich elektrisches
geschah.
Darum ging es im Poetryletter – nicht um die pure Illustration,
sondern um die Begegnung zweier von einander verschiedener
Hallräume, um jeden am anderen wachsen zu sehen. Klänge
verstärken sich, Farben verändern ihre Temperatur, Worte ihr
Aggregat.
In über 110 Poetryletter habe ich seit damals Begegnungen
komponiert, Geschehnisse zwischen Text und Bild angestoßen
und nun eine Auswahl aus dem vergangenen Jahr getroffen,
bei der diese Begegnungen nach meiner Meinung und
nachträglich betrachtet am spannungsreichsten gelangen.
Sie sollen mit und in diesem Buch Ausschau halten nach wieder
neuen Begegnungen.
Zuletzt gilt mein Dank allen Autorinnen und Autoren, den
Künstlerinnen und Künstlern und Korinna Feierabend, die das
„Bild von einem Gedicht“ immer spannungsreich grafisch
in Szene gesetzt hat.
Julietta Fix
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