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Wir reden über Literatur
Cross Over
Herausgeber: Johannes Beilharz

Die Magie der Zahlen

Kenneth Koch  

 

                      Die Magie der Zahlen – 1

    Wie seltsam es war, dem Herumrücken der Möbel in
            der Wohnung über uns zuzuhören!
    Ich war sechsundzwanzig, und du warst
            zweiundzwanzig.

                      Die Magie der Zahlen – 2

    Du fragtest mich, ob ich mit dir um die Wette laufen
            wollte, aber ich sagte nein und ging weiter.
    Ich war neunzehn, und du warst sieben.

                       Die Magie der Zahlen – 3

    Ja, aber mag uns X wirklich?
    Wir waren beide siebenundzwanzig.

                      Die Magie der Zahlen – 4

    Du siehst aus wie Jerry Lewis (1950).

                       Die Magie der Zahlen – 5

    Großvater und Großmutter möchten, dass du zum
            Abendessen zu ihnen kommst.
    Sie waren neunundsechzig, und ich war zweieinhalb.

                        Die Magie der Zahlen – 6

    Eines Tages, als ich neunundzwanzig Jahre alt war,
            begegnete ich dir, und nichts passierte.

                      Die Magie der Zahlen – 7

    Nein, natürlich war ich das nicht, der zur Bibliothek
            kam!
    Braune Augen, gerötete Wangen, braunes Haar. Ich war
            neunundzwanzig, und du warst sechzehn.

                       Die Magie der Zahlen – 8

    Nachdem wir uns eines nachts in Rockport geliebt
            hatten, ging ich ins Freie und küsste die Straße,
    so hingerissen fühlte ich mich. Ich war dreiundzwanzig,
            und du warst neunzehn.

                      Die Magie der Zahlen – 9

    Ich war neunundzwanzig, genau wie du. Wir erlebten
            eine sehr leidenschaftliche Zeit.
    Alles, was ich las, verwandelte ich in eine Geschichte
            über dich und mich, und alles, was ich tat, wurde zu
            einem Gedicht.

                      (The Magic of Numbers)

Kenneth Koch, The Art of Love, 1975

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Johannes Beilharz mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Das Gedicht stammt aus: Kenneth Koch, The Art of Love, 1975.

Kenneth Koch (1925-2002) gehörte mit seinen Freunden John Ashbery, Frank O’Hara, James Schuyler und Barbara Guest zur losen Gruppe der New York Poets. Er lehrte an der Columbia University in New York, wo seine Poetik-Kurse sehr beliebt waren. Seine erste Gedichtsammlung erschien 1953, einem breiteren Publikum bekannt wurde er jedoch erst mit dem Band The Art of Love von 1975, dem das übersetzte Gedicht entnommen ist. Neben Gedichten schrieb Kenneth Koch viele Theaterstücke, Kurzgeschichten und einen Roman.

Kurz vor seinem Tode im Jahr 2002 schrieb ich ihm, dass ich einige seiner Gedichte übersetzt hatte (weitere Übersetzungen sind hier zu finden), und bat um Erlaubnis, die Übersetzungen veröffentlichen zu dürfen. Diese gab er mir in einer sehr freundlichen Antwort.

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