Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Cross Over
Herausgeber: Johannes Beilharz

Ein Gedicht sagt über niemand die Wahrheit

Marian Raméntol  

 

Wozu an einem apathischen Verb herumflicken,
wenn uns das Gedicht bis zum Tode betrügen wird?

Hochspannung in einem feuchten Handtuch, ist uns
sein rhythmischer Puls geeigneter Einschub zwischen Leitsätzen,
ist uns das Beben seines Adamsapfels,
wenn es das Blau der Nomen zusammenfasst,
die phonische Betonung der Ozeane
oder irgendeine andere Nichtigkeit. So ist es immer,
mit gedunsener und runder Glaubwürdigkeit
überfliegt es in Unterwäsche oder Abendkleid
sämtliche Landschaften, die nach Tragödie riechen,
alle minderjährigen Selbstmorde,
und wie viele Sackgassen
verschlingt es mit seinem Trauermarsch!

Ein Gedicht sagt über niemand die Wahrheit,
es schlägt ganz einfach die Zähne in die Pfütze,
verdreht uns und proklamiert schreiend
seine literarische Befugnis und unseren poetischen Tod.

 

(Un poema no suele decir la verdad de nadie)

Aus dem Spanischen übersetzt von Johannes Beilharz mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Das Gedicht stammt aus dem Jahre 2015 und wurde im literarischen Blog der Autorin veröffentlicht.

Marian Raméntol Serratosa (geb. 1966 in Barcelona) schreibt und übersetzt Lyrik und ist Herausgeberin der Kulturzeitschrift La Náusea. Mitglied der Musikgruppe O.D.I., mit der sie auch auftritt. Bisher hat sie zehn Gedichtsammlungen veröffentlicht. Zuletzt erschien Mi nombre doblado sobre la cama (2014). Viele ihrer Gedichte wurden in Anthologien und literarischen Zeitschriften veröffentlicht.

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