Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Cross Over
Herausgeber: Johannes Beilharz

Ich liebe

Wladimir Majakowski

Erwachsene haben viel zu tun.
Ihre Taschen sind vollgestopft mit Rubeln.
Liebe?
Gewiss!
Für etwa einhundert Rubel.
Aber ich,
obdachlos,
schiebe
die Pfoten
in meine löchrigen Taschen
und wandere glotzäugig umher.
Nacht.
Du ziehst dein schönstes Kleid an.
Die Seele ausruhend bei Frauen und Witwen.
Moskau,
mit dem Ring seiner endlosen Gärten,
erstickte mich in seiner Umarmung.
Die Herzen
verliebter Frauen
machen tick-tack.
In einem Bett der Liebe die Partner in Ekstase.
Den wilden Herzschlag der Hauptstädte
erwischte ich,
die Lagerstatt der Leidenschaften.

(Люблю, Взрослое)

Wladimir Majakowski (1893-1930) war ein revolutionärer russischer Dichter und wichtiger Vertreter des russischen Futurismus.

Die vorliegende Übersetzung wurde ausgelöst durch die Wiedergabe eines Auszugs aus dem Gedicht Люблю (Ich liebe) Majakowskis von 1922 in englischer Übersetzung in Marjorie Perloffs Buch Frank O’Hara: Poet Among Painters (1977). Ziel des Zitats ist es, den Einfluss Majakowskis auf den amerikanischen Dichter nachzuweisen.

Da mir der Auszug gut gefiel, machte ich mich spontan an eine Übersetzung ins Deutsche. Natürlich interessierte mich auch das russische Original. Beim Vergleich stellte ich fest, dass sich der Übersetzer George Reavy ziemliche Freiheiten genommen hat – nicht nur in der Interpretation der Vorlage, sondern auch in Bezug auf Auswahl, Abfolge und Zeilenumbrüche. Allerdings schien mir, dass gerade die von Reavy getroffene Auswahl ein Gedicht ergeben hat, das gut für sich allein stehen kann, also ohne den Kontext des weit umfangreicheren Originals, aus dessen Abschnitt Взрослое (Erwachsenenalter) es stammt.

Wegen der ausgeführten Indirektheit und Abweichungen kann der deutsche Text natürlich nur sehr bedingt in Anspruch nehmen, Majakowski im Originalton wiederzugeben. Dafür jedoch hoffentlich im Geiste.

Der Abdruck einer neuen Übersetzung aus dem Werk Frank O’Haras in dieser Kolumne ist geplant. Einige Gedichte O’Haras in Übersetzung von Johannes Beilharz sind hier und hier zu finden.

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