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Essay

Das Kopftuch

Hamburg

Da Sebastian Kurz, den manche als das größte politische Talent Österreichs seit Haider bezeichnen, was hinreichend fragwürdig ist, unlängst meinte, er wünsche in der Schule keine Kopftücher, kein rein österreichisches Thema, sei hier kurz nachgedacht, ob dieser Wunsch sich denn vernünftig begründen lasse, ob dieses Ansinnen in irgendeiner Weise recht und billig sein kann, ob durch das Kopftuch in irgendeiner Form der Staat leide: Denn das Recht kommt ja „aus dem Leiden”, genauer daher, daß „dessen Behandlung das System performativer macht” (Jean-François Lyotard). Ansonsten bestünde der Eindruck, daß Kurz billig auf Zuruf von rechts agiere, also zu denen gehöre, die es der populistischen FPÖ gestatten, indirekt quasi zu regieren, während sie zugleich opponiert; oder, auch nicht besser: von dieser in seinem Populismus nur graduell sich unterscheide.

Schule ist ein Raum des Zweifelns, nicht der Überzeugung: und zwar dieser nicht auf Religion im engeren Sinne beschränkt, auch wenn das Kopftuch die Überzeugung einer Frauenrolle ausdrückte, wäre dies zu diskutieren – nein, erst recht dann, „Geschlechterapartheid”1 ist nicht anschlußfähig, wie der Islam es wenigstens wahrscheinlich doch ist.

Zweifel: In Schulen lernt man, daß Fakten oft nur Überzeugungen sind, wird man also Skeptiker, nicht Nachbeter. So war’s jedenfalls gedacht... Es ist darum zunächst plausibel, zu sagen, daß religiöse Symbole in ihr nichts verloren haben, wie auch Inszenierungen des Glaubens hier nicht her gehören. Mag das so sein, wirft das aber doch einige Fragen auf, nämlich zum Beispiel:

(1) Inwiefern drückt ein Kopftuch zwingend eine Überzeugung aus, inwiefern ist es nicht dem Habitus, der Mode etc. zuzuschlagen? Und wer schiede dann in der Praxis das Kopftuch, das aus diesem Grund getragen wird, von jenem, das aus anderen Gründen getragen wird?

(2) Warum zielt das Verbot auf das Kopftuch, nicht aber das Kreuz in der Klasse, die Tracht der Nonne? Und da könnte man endlos weiteraufzählen, was alles, wenn es christlich ist, Platz hat: ein Religionsunterricht, der nicht über Religion(en) unterrichtet, sondern zu Frömmigkeit erzieht, Schulgottesdienste, Entlohnung der dafür abgestellten Lehrkräfte durch die öffentliche Hand, ... – wieso aber? Die NZZ verwies darauf, daß ferner, wenn man den säkularen Staat wolle, man noch manch anderes abschaffen müsse.2

(3) Weshalb wird, um da nachzustoßen, dem Islam als Argument dann gerne abgesprochen, was man dem Christentum nicht abspricht, nämlich, daß es sich aufklärt? In der Tat spricht dafür wenig, zwar zu sagen, das Christentum sei schließlich Dekonstruktion seiner selbst (Jean-Luc Nancy3), aber diesen Weg der Exegese als dem Christentum (und dem in diesem Kontext derzeit kaum thematisierten Judentum) vorbehalten zu sehen.

(4) Wenn es darum ginge, wieso schiene dann aber die Auseinandersetzung mit einem Bekleidungsstück adäquat?

(5) Oder ginge es um die Tradition, ganz unaufklärerisch? Also um eine neue Form des alten Geredes, daß Europa „schon immer” christlich gewesen sei, am besten schon vor Christi Geburt? Das allerdings wäre einerseits unrichtig und andererseits unaufgeklärt –  und dann auch unchristlich. Denn das Christentum verstand sich zuvörderst als Bruch mit Traditionen, mit noch dem Gesetz des Vaters, dem als Prinzip, so Sloterdijk, Jesus sich ja geradezu als Präsenz von Sohn und Vater seiner selbst entgegenstellt.

(6) Inwiefern ist weiters, um zu dem „säkularen Raum” zurückzukommen, ein säkularer Raum nicht gerade dadurch gekennzeichnet, Diversität zunächst zuzulassen, und zwar nicht in dem Sinne, daß jeder Glaube hier das letzte Wort behalten kann – doch in dem Sinne, daß es tröge, einen Raum zu simulieren, worin jeder ohne Vorgeschichte und ohne Hypothesen über die Welt einträte?

(7) Wäre in eben diesem Sinne es nicht die quasi-religiöse Inszenierung eines dann nicht mehr aufgeklärten Atheismus, wenn man Schule als Raum darstellt, worin alles nach dem Maße einer Moderne standardisiert ist, die nicht mehr modern verfährt, sondern liturgisch?

Dies sind nur einige der Fragen, die sich stellen – wenn man denn verfährt, wie Kurz hier verfuhr – also zuletzt sprach. Er wird sie und noch weitere gut beantworten müssen, wenn er nicht zuletzt eben sein will, als was er einem im Moment ja vielleicht völlig zu Unrecht erscheint, nämlich ein Populist, wenngleich ein etwas eleganterer, als es Strache ist, quasi: der „Strache für Zusatzversicherte”4, wie es schon hieß.

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