Lesarten

Selbstbewußte Demut

Autor: Peter von Matt

Ein Unterwerfungschoral? Eine Hymne der Kapitulation? Die Klassik auf dem Weg zur Fügsamkeit? Im Jahrzehnt der Revolution ein Kniefall vor der Hierarchie?

Die Frage muß gestellt werden. Denn allzu selbstverständlich hat das deutsche Obrigkeitsdenken die Klassik weit über ein Jahrhundert lang zum Arsenal der eigenen Parolen erniedrigt und daraus bezogen, was an Maximen des Gehorsams und der Liebedienerei von Fall zu Fall gebraucht wurde, als daß hier vergessen werden dürfte, zu was allem die poesiegesättigten Untertanen schließlich ja und amen sagten, „Kindliche Schauer/Treu in der Brust“.

Ein Unterwerfungschoral also doch? – Nur wenn man die triste Tradition der Vereinfachungen weiterführt.

Das Gedicht gilt allgemein als Gegenzug zu den lyrischen Verlautungen eigengesetzlicher Subjektivität, zum ungezügelten Ich der Kronos– und Prometheus–Hymnen und zur erotischen Ekstase des Ganymed. Gegenzug sicher, aber ob dieser Gegenzug als eine Aktion der Selbsterziehung begriffen wird- „Der Dichter geht in sich“ – oder als eine nochmalige Erweiterung des seelischen Erfahrens, darin trennt und entscheidet sich die Deutung. Prometheus steht zum Ich dieser Strophen nicht wie die Hybris zur Bußfertigkeit, sondern – um ein lebenslanges Ordnungsbild Goethes zu gebrauchen – wie das Einatmen zum Ausatmen. Eine Polarität bildet sich hier ab und nicht ein Reifungsprozeß. In der mythischen Demut, die sich unter Gottes Donnern neigt, steckt jener mythische Trotz als ihre Bedingung.

Kniefall und Auflehnung setzen einander gegenseitig voraus. Nur so nämlich wird das „Ganze“ gewonnen, um das es diesem Dichter zuletzt immer geht. Man muß zuschauen, wie dem Gedicht, das den Menschen so gebieterisch in die Schranken weist, die Zeichen der Ganzheit und Fülle eingewoben sind. Die vier großen Strophen stehen unter der Signatur der vier Elemente: Feuer, Luft, Erde, Wasser. Von jedem ist der Mensch bedrängt, durch jedes muß er hindurch wie die Liebenden in der Zauberflöte. Aber indem er erfährt, wo er niemals hinreicht, wird ihm zugleich das Ganze schrittweise zugemessen, genauer: mißt er sich selbst dieses Ganze in Ruhe zu.

Denn der da spricht und Schranken setzt, ist nicht der alte Gott, sondern der Mensch. Wohl erinnert der Anfang an Blitz und Donner und die „dicke Wolke“ auf dem hohen Sinai, aber hier diktiert kein Vatergott über alle Köpfe hin die Gebote, sondern aus der Erfahrung des zugemessenen Ganzen heraus - „was der ganzen Menschheit zugeteilt ist“, heißt es im „Faust“ – zieht der Mensch eigenhändig den Kreis seiner Existenz. Die grandiose erste Strophe, von der das ganze Gedicht poetisch lebt und deren Echo bis heute durch die deutsche Lyrik geht, zielt also nicht auf das unmündige Subjekt, sondern feiert die erfahrungsfähige Person, die den Schrecken aushält, die Schwäche und Gewissheit der Vernichtung, und die gerade darüber ihrer selbst gewiß wird.

Der vielumrätselte Schluß steht unter der Signatur des Rings, des ältesten Zeichen der Vollkommenheit. Das Bild entspringt aus dem Gedanken an das Allerflüchtigste, die Wellenkreise um den Wassertropfen, und biegt hinüber in die Vorstellung des ganz Dauerhaften, der Kette des Daseins. Einatmen und Ausatmen auch hier.

Peter von Matt, Wörterleuchten. Kleine Deutungen deutscher Gedichte
© 2009 Carl Hanser Verlag, München



 

Gedicht: Grenzen der Menschheit

Autor: Johann Wolfgang von Goethe

Wenn der uralte
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
Segnende Blitze
Über die Erde sät,
Küß ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
Treu in der Brust.

Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgend ein Mensch.
Hebt er sich aufwärts
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde.

Steht er mit festen
Markigen Knochen
Auf der wohlgegründeten
Dauernden Erde;
Reicht er nicht auf
Nur mit der Eiche
oder der Rebe
Sich zu vergleichen.

Was unterscheidet
Götter von Menschen?
Daß viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle
Verschlingt die Welle
Und wir versinken.

Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sich dauernd
An ihres Daseins
Unendliche Kette.

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