Lesarten
Mit grauem Auge sieht das All – über ein unveröffentlichtes Gedicht von Reinhard Goering
Autor: Frank Milautzcki
Reinhard Goering (1887-1936) ist in der deutschen Literatur unvergessen als Dichter expressionistischer Dramen (seine Lyrik galt bislang als unergiebig und ist größtenteils unveröffentlicht), allen voran der SEESCHLACHT - gegen Ende des ersten Weltkrieges aufgeführt, zeigt sie den inneren Kampf der Soldaten im Geschützturm eines Zerstörers während der Schlacht am Skagerrak und erregte großes Aufsehen schon bei seiner Uraufführung 1918 in Dresden. Plötzlich war Goering bekannt und anerkannt. Das Stück selbst entstand schon im Jahre 1916 und sammelt eigentlich innerweltliche Erfahrungen von Reinhard Goering, die er im Jahr 1915 auf dem Monte Verità in Ascona gemacht hatte, als er flohzerstochen in einem alten Vogelfängerturm lebte.
„Im Sommer 1915 bewog mich eine Freundin meiner Kusine nach Locarno zu fahren anstatt nach Lugano. Ich hatte es nicht zu bereuen.“ erinnert sich Goering später. Nachdem er kurze Zeit zu Jahresbeginn 1915 als Arzt in einem Feldlazarett Dienst getan und sich dabei mit Tuberkulose angesteckt hatte, war Goering auf Staatskosten zur Heilung nach Davos geschickt worden. In Davos hatte er sich im Mai mit dem Komponisten Frank Wohlfahrt angefreundet, dem er von Locarno aus – es ist Juli - schreibt, er möge doch nachkommen. Nicht ganz ohne Hintergedanken. Wohlfahrt hatte in Davos Goering aus der allgemeinen Liegehalle zu sich herauf auf seinen privaten Liegebalkon geholt, war wohlhabend und nicht knauserig.
Für Goerings Aufenthalt in Davos zahlte der Staat, für eine Kur auf dem Monte Verità jedoch hatte er selbst aufzukommen und über Einnahmen verfügte er nicht (sein 1913 erschienener Roman „Jung Schuk“ hatte kaum Beachtung gefunden. Die nach Davos nachgereiste Familie, seine schwangere Frau Helene zusammen mit der erstgeborenen Tochter, hielt sich mit Rubeln aus Odessa, die der begüterte Vater Helenes schickte, über Wasser). Also kam ein wohlhabender Freund mehr als gelegen. Und er kam. Man zog hinauf auf den Monte Verità ins Sanatorium des Belgiers Oedenkoven.
Auf dem umgetauften Hügel oberhalb Asconas, eingerahmt von subtropischer Vegetation, begegnete Goering erstmals und überraschend einer Welt, in der man versuchte Reformen nicht politisch und lauthals und theoretisch (an immer den anderen und an der ganzen anderen Welt), sondern praktisch und eindeutig an sich selbst zu verwirklichen.
Goering kannte bislang ein studentisches, von der fernen Verwandschaft bezahltes Leben, hatte sich als Bidhauer versucht, schrieb Gedichte, bohèmisierte, er kannte und schwärmte für den georgischen Dichter-Geist und hielt diesen für den Sinn des Lebens. Als er nach Ascona kommt, kennt er natürlich auch das Lazarett und einige Grauen des Krieges, aber nur als kurzes Intermezzo – es nimmt ihm sofort die Luft – sein Ekel will die Tuberkel, sie übervölkern die innersten Kontakte zur Welt. Er kennt das morbide, in grauen Träumen oszillierende, tatenlose Davos und er kennt letzten Endes das Leben als erzwungener Familienvater, der glaubt seine Pflicht zu tun, indem er sich um eine ungewollte Familie halbherzig kümmert und für die er sich Ausreden wie die Kunst sucht.
Gedicht: Nacht
Nun ist mein Kammerfenster wie ein Auge,
Durch das zu mir hereinsieht ew’ge Nacht.
Und ich, mit dem vergänglicheren, sauge
Mich fest an diesem großen, das nicht lacht.
Auf mich mit grauem Auge sieht das All.
Enträtseln wird es nichts aus meinen Mienen
Als nur sich selbst – wie ich im gleichen Fall
Nur finde Licht, das ihm aus mir geschienen.