Lesarten

Ein komplett anderes Licht

Autor: Frank Milautzcki

Typischerweise beginnt eine Schriftstellerkarriere mit einem Band Gedichte – das war vor 100 Jahren noch zutreffender als heute. Das mag daran liegen, daß in der Begegnung mit der Lyrik eine erste Faszination greift über das, was kunstvoll mit Sprache und im Falle des Gedichtes sehr rasch auf kleinstem Raum geschehen kann, eine Initialzündung in der Brennkammer der Poesie. Und viele Debütanten nutzen damals wie heute die Form des selbstverlegten Buches. So auch Wolf-Heinrich von der Mülbe (1879-1965), der es sich als Sprößling westpreußischen Adelsgeschlechtes zudem auch sicher leisten konnte.

„Sonne und Nacht“ nannte er seine „Jugendgedichte“, die 1902 in Krefeld erschienen und während ruheloser Studienjahre sein einziger Beleg eigener Dichtkunst blieben. München, Berlin, Göttingen, Zürich, Leipzig, Breslau, wo er 1904 seinen kunstgeschichtlichen Doktor macht, sind seine Stationen. Daran schließen an Lehrtätigkeiten in Hannover, Heidelberg. Er strandet – nach längeren Auslandsaufenthalten in Frankreich, Italien, Belgien, Holland, Skandinavien, Schweiz und Österreich – endlich 1915 in München, nun „Schriftsteller“ geworden, der in Zeitschriften Gedichte und Erzählungen unterbringen kann und in der Schublade reift bereits erste längere Prosa, die schon Vorlieben fürs Phantastische aufweist (sein größter Erfolg wird 1937 „Das Märchen vom Rasierzeug oder Die Zauberlaterne“ sein, auch heute noch bisweilen aufgelegt). Seine Brötchen allerdings wird er zunächst mit Übersetzungen aus dem Dänischen (Johannes Buchholtz, Ejnar Mikkelsen, Sven Elvestad) und später auch aus anderen Sprachen (Sigrid Undset, Tania Blixen, Roald Dahl) verdienen und nur zeitweise zu eigener Prosa, gar nicht mehr aber zu eigenen Gedichten zurückfinden.

Bis dahin liest sich sein Leben als typisch bourgeoises Phänomen der Zeit um die Jahrhundertwende 1900 – ein vom Geld unabhängiger, studentischer Bohèmien stößt sich nach geglücktem Abschluß die Hörner auf umfangreichen Reisen ab und träumt davon Schriftsteller zu werden. Ein nichtarbeitendes, verwöhntes Bürschchen, ein Schöngeist und Nichtsnutz, ein gebildeter Lackl. Man kann ihn damit in eine Schublade ablegen, die nicht ganz ungerecht ist, eine Schublade allerdings auch, die er sich tapfer erkämpfen muß, denn sein Vater war seines Zeichens General der Infanterie und als wilhelminischer Knochen wohl sicher nicht einverstanden mit der vom Sohn angestrebten Karriere.

zum Autorenbuch

Gedicht: Morgen

Autor: Wolf-Heinrich von der Mülbe

Es sind die morgensonnenhellen Zimmer
erfüllt vom Licht der jungbelaubten Bäume,
der grünen Frische spielendes Geflimmer

spinnt leichte Netze durch die kühlen Räume.
Grünsilbern rieselt es von allen Dingen,
die schimmernd sind wie kaum erwachte Träume, -

von einem weißen Tische aber schwingen
sich aus des Wassers spiegelklarer Reine
lichtrote Tulpen, deren Blüten singen.

Mit ihrer Farben leicht verwehtem Scheine
sind sie gleich zarten Flammen, die verfächeln,
und leuchten durch des Lichtes Schleierfeine

wie junge Lippen, die dem Morgen lächeln.