Lesarten

Mit ruhiger Hand. Zu einem Gedicht von Susanne Stephan

Autor: André Schinkel

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Das Leuchten der Vergangenheit ist ein trügerischer Grund, es mischt sich mit unseren Träumen von einer Zeit, in der alles anders war, ursprünglicher und, in ein romantisches Begehren verdreht, besser. Zugleich ist seine Ergründung eine Arbeit an uns selbst, unserer Herkunft, unseren Fehlern und Zufallstreffern, unserem, auch wenn er im Einzelnen kaum noch beeinflußbar ist, Umgang mit dem Fundament unserer Existenz auf diesem traurigen Planeten.

Das Leuchten der Vergangenheit vor der Zeit, in den Abgründen der mit jedem Recht archäologisch zu nennenden Epochen, ist dabei wohl am weitesten auf eine wie auch immer gewichtete Interpretation angewiesen, es beeindruckt unsere Vorstellung von einem hinter dem Ablicht der Gegenwart versenkten, fernen Paradiso, das es so wohl nie gab und das uns dennoch beschäftigt.

Es hat damit zu tun, daß in jenem am Horizont kaum noch auszumachenden Äon, in unserem Fall dem der letzten Blüte der Altsteinzeit, die vor 40.000 Jahren begann und vor 12.000 Jahren endete, unsere Spezies wie vollendet auftritt, die Konkurrenz ausschaltet, das Überkommene ein verfeinert und in den Sog einer bahnbrechenden Angelegenheit gerät, eine Revolution in der Erfindung der Kunst, die wie keine, nicht eine andere, irgendwann nicht mehr die Frage nach ihrem Sinn, ihrer Entsprechung in der Natur stellt. Wir spiegeln uns demnach in uns selbst und zugleich einem Zeitstrang, der uns völlig fremd ist, in dem wir jedoch in unserer Ausstattung bereits vollständig sind (wenn man denn von so etwas wie Vollkommenheit sprechen will im Angesicht des Kindchenschemas, das wir erfüllen), all dessen befähigt, womit wir heute Motorräder reparieren, unsere Lebensuhr zusehends im Cyberspace abspulen lassen und uns, glücklich oder unglücklich, verlieben.

In der großen, sich überschlagenden Hektik der Jahrzehnte, in denen wir leben, erscheint uns die unglaubliche Langsamkeit, mit der sich die Vergangenheit bewegt, wie eine Verheißung, wie etwas, über das wir wieder begreifen könnten, wie wir selbst, und sei es nur für die paar Sekunden, in denen der Leib oder der Geist sich für einen Moment in sich selbst zurücklehnt, zur Ruhe kommen und uns auf die Dinge konzentrieren, die so einfach sind wie der Wunsch, nicht zu verhungern … den Baum wiederzuerkennen, der die Richtung des Heimwegs anzeigt … oder auch nur, ohne Sorge an den symbolischen Feuern zu sitzen.
 
Ob wir den Grund dafür verstehen, weshalb sich die Alten der Kunst, die wir heute in den Tälern und Höhlen in Spanien, Frankreich und im eingeschränkten Maße auch Mittel- und Osteuropa bestaunen, bleibt dahingestellt und wird uns über das pure Faszinosum hinaus, zwischen den gewaltigen Ablenkungsmanövern der Neuzeit, die uns seit jeher vom Eigentlichen versuchen zu scheiden und darin (wir bemerken es kaum) erfolgreich sind, wohl immer beschäftigen.

zum Autorenbuch

Gedicht: In der Höhle des Löwen

Autor: Susanne Stephan

Wenn du mit uns hineingehen willst,
musst du dem Tier nahekommen wie nie:
musst du Augen haben für die Linien des Körpers,
der sich anschleicht, lautlos,
für das Muskelspiel unter der Haut,
für die Nüstern, die schon die Beute prüfen –

und deine Hand muss ruhig sein,
dass du im gestreckten Hals den Schatten triffst,
der im Fackellicht pulsiert,
den Augen ein Blitzen gibst,
dem geduckten Rücken einen letzten,
zärtlichen Kohlestrich.

Verlag Kloepfer & Meyer