Lesarten

Erfahrungen mit einem unterschätzten Satiriker

Autor: Ursula Homann

In jungen Jahren, als ich mich literarisch noch nicht allzu weit über den schulischen Horizont hinaus bewegte, sah ich in Erich Kästner vor allem den Autor vergnüglicher Kinderbücher und heiterer Unterhaltungsromane, die wie "Drei Männer im Schnee" oder "Der kleine Grenzverkehr" oft in einer bürgerlichen, unpolitischen Welt spielten, in der allenfalls harmlose Missverständnisse für Irritationen sorgten. Um so erstaunter war ich, als ich mich eines Tages in den Roman"Fabian" vertiefte, den ich kurz zuvor zufällig in einer Buchhandlung entdeckt und von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte.
Gleich bei den ersten Seiten rieb ich mir verwundert die Augen und vergewisserte mich während der Lektüre wiederholt, durch einen Blick auf die Umschlagseite, ob ich es tatsächlich mit demselben Schriftsteller zu tun habe, der "Emil und die Detektive", "Pünktchen und Anton", "Das fliegende Klassenzimmer" und"Das doppelte Lottchen" schrieb, die allesamt gleich nach ihrem Erscheinen die Welt der Kleinen und Großen erobert hatten. Denn von ihren humorvollen Schilderungen, ihrer freundlichen Atmosphäre und ihrem Hang, den Alltag trotz realistischer Grundierung phantastisch zu verbrämen, ist in der 1931 veröffentlichten "Geschichte eines Moralisten" des "Fabian" herzlich wenig zu spüren. Im Gegenteil: satirisch und sarkastisch beleuchtet hier Kästner die inflationäre Welt Berlins kurz vor der braunen Katastrophe. Er geißelt die Verlogenheit und oberflächliche Hektik der Großstadt, die Verlorenheit der Menschen und zeichnet in vierundzwanzig pointiert zu Papier gebrachten Kapiteln ein umfassendes Bild von der materiellen und geistigen Lage der damaligen Zeit, wobei das "Positive" gänzlich auf der Strecke bleibt. Fabian, der Held, ein Moralist, ist Reklamefachmann, aber meistens arbeitslos, so dass er genügend Gelegenheit hat, beobachtend und resignierend durch das irrsinnige Treiben zu wandern. Am Ende ertrinkt er bei dem Versuch, ein Kind zu retten.

Über"Fabian" - den ursprünglichen Titel "Der Gang vor die Hunde" hatte der Erstverleger nicht zugelassen - urteilte Peter Flamm im "Berliner Tageblatt", es sei"ein unmoralisches Buch von höchster Moral". Der Roman sei, befand wiederum Kästners Freund Hermann Kesten, "einer der gescheitesten deutschen Romane der Weimarer Republik. Er hat die Poesie, das Personal, die Situationen der Gedichte Kästners und die Bildkraft seiner Balladen." Einige kluge Leute erkannten zudem, dass Fabian und andere Figuren in dem Roman wie Kästner reden: gescheit, lapidar und gewollt schnoddrig. Wie dem auch sei, feststeht jedenfalls, dass der ernste Kästner bei weitem weniger beliebt und bekannt ist als der erfolgreiche Kinderbuchautor und der Verfasser unterhaltsamer Filme. Wie mir in meiner Jugend so ergeht es heute noch manchen Lesern, die Kästners Kinderbücher schätzen und lieben, ohne zu ahnen, wie erstaunlich vielgestaltig das Lebenswerk dieses scharfzüngigen Skeptikers und Moralisten im Grunde ist.

Später lernte ich auch Kästners frühe Lyrikbände kennen, wie"Herz auf Taille" (1928), "Lärm im Spiegel"(1929) und "Ein Mann gibt Auskunft"(1930), in denen er mit beißender Schärfe Snobismus, verlogene Spießermoral, Militarismus und Faschismus bekämpft. Sein Büchlein "Gesang zwischen den Stühlen"(1932) mit Versen, die überwiegend für die Weltbühne verfasst wurden, atmet deprimierende Untergangsstimmung. Kästners Chansons und Couplets für das Kabarett, frivol und unterkühlt, spießen ebenfalls Zeitprobleme auf und reflektieren das hemdsärmelig-sachliche Lebensgefühl der Ära zwischen der ersten Nachkriegszeit und der Machtergreifung der Nazis.

Nach dem Krieg arbeitete der Schriftsteller in München für das Feuilleton der"Neuen Zeitung",hob die Nachkriegskabaretts "Die Schaubude"(1945)und "Die kleine Freiheit(1951) mit aus der Taufe, gab die Jugendzeitschrift "Der Pinguin" heraus und ersann zündende Texte fürs Kabarett, zum Beispiel das bekannt gewordene "Marschlied", das Ursula Herking in der"Schaubude"mit viel Verve vortrug,sowie den Text von der großen und kleinen Freiheit, beginnend mit: "Die große Freiheit ist es nicht geworden. Es hat beim besten Willen nicht gereicht..."

Kästner, der von 1951 bis 1960 Präsident des PEN-Clubs in der Bundesrepublik und dann dessen Ehrenpräsident war - 1957 erhielt er den Büchnerpreis -, schrieb auch weiterhin spannende Kinderbücher mit leicht moralischem Unterton, ohne indessen müde zu werden, die Missstände in der noch jungen Demokratie anzuprangern -die Wiederbewaffnung Westdeutschlands, die atomare Aufrüstung, den offensichtlich schwer auszurottenden Untertanengeist der Deutschen - in oft brillanten Texten, die bei allem kritisch-diagnostizierenden Spott stets federleicht, mit eloquentem Charme formuliert waren und deren Pointen nicht durch Übertreibung, sondern durch Präzision bestachen.
"Wir haben keine Zensur, weil wir keine brauchen. Wir haben, fortschrittlich, wie wir nun einmal sind, die Selbstzensur erfunden."Als selbst die Opposition keinen rechten Widerstand leistete,fürchtete er,"die SPD könnte eines Tages in die CDU eintreten". Dass selbst zwanzig Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft bei uns noch nicht alles zum besten stand, zeigte sich an einem Sonntag im Oktober 1965, als junge Christen, unter Absingen frommer Lieder am Düsseldorfer Rheinufer, zusammen mit in-und ausländischen Büchern, Werke von Kästner verbrannten - aus Protest, wie es hieß, gegen"Schund-und Schmutzliteratur".
Kästner war also nicht nur ein liebenswürdiger Kinderbuchautor, sondern auch ein unbestechlicher Zeitkritiker, sowohl in der Weimarer Epoche als auch in der Ära Adenauers, die er einmal als "motorisiertes Biedermeier" bezeichnet hat. In der Zeit des Nationalsozialismus freilich musste sich der unerschrockene Chronist mit stillen Beobachtungen und heimlichen Tagebuchnotizen begnügen. Waren doch seine Bücher gleich 1933 mit vielen anderen wegen "zersetzender und unmoralischer Geisteshaltung", wie es im Nazi-Jargon hieß, verboten und verbrannt worden. Unter Pseudonymen verfasste Kästner in der Hitler-Zeit Filmdrehbücher und Komödien, von denen viele im Ausland, vorwiegend in der Schweiz veröffentlicht wurden. Mit erzählerischen Gelegenheitsarbeiten wie der vergnüglichen Kriminalkomödie "Die verschwundene Miniatur" überstand der verfemte Autor die "innere Emigration". Obgleich er gleich zu Beginn der braunen Herrschaft auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht und später zweimal verhaftet worden war, schlug er die beschwörenden Warnungen seiner Freunde mit folgenden Versen in den Wind: "Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen./Mich läßt die Heimat nicht fort./Ich bin wie ein Baum, der,in Deutschland gewachsen,/ wenn's sein muss, in Deutschland verdorrt."

zur Interpretin

Gedicht: Was auch geschieht!

Autor: Erich Kästner

Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken!