Lesarten
Drei Stunden Anmaßung und Hochstapelei
Autor: Frank Milautzcki
Khun S’ra Prasôt’s „Siamsänge“ ist ein kleines, trotz zahlreicher Vorworte, Einleitungen, Erläuterungen, Nachworte und Anhänge gerade mal 85 Seiten starkes Büchlein, das 1955 in den Niederlanden erschien. Es beinhaltet 28 Seiten Gedichte, die Hellmut Draws-Tychsen in den Jahren 1924-1926 aus dem T’hai ins Deutsche übertrug, obgleich er selbst niemals in Siam gewesen ist und er sich deshalb angeblich „die Sprache selbst angeeignet hat“. Dabei habe er die Originalfassungen benutzt und auf englische oder französische Vorarbeiten verzichtet, um möglichst den ursprünglichen Ton zu erfassen. Wir können ziemlich sicher sein, daß Draws-Tychsens lügt und eigentlich nur und ausschließlich von solchen Vorarbeiten lebte – er war ein äußerst begabter und umfangreich in sich selbst verhedderter Hochstapler.
Seine großenteils mißlungenen Übertragungen fördern ein vorschnell negatives Urteil über Prasôts Dichtkunst. Ein Urteil, das wohl viele deutsche Verleger teilten, die es Jahrzehnte ablehnten, das bescheidene Werk zu drucken, so daß es erst 28 Jahre nach seiner Fertigstellung und dann auch nur im Ausland und wohl gegen Bezahlung erscheinen konnte.
Zwei vergessene Menschen treffen sich um dieses Buch herum – zum einen der Hofdichter zweier siamesischer Könige, Khun S’ra Prasôt, dessen hier versammelten Poesie ca. aus den Jahren 1860-1870 stammt. „Der Sklave mit Füssen von Lotosblumen“, wie er sich selbst bezeichnete, lebte sowohl unter der Regierung des Königs Mongkut (1851-1868) als auch unter der beginnenden des Königs Schulalongkorn (1868-1910), für den er seinen umfangreichen „Sang bei Einführung des Weissen Elephanten“ dichtete.
Prasôt, höfischer Gelehrter, bewohnte ein kleines Gartenhaus in einer abgelegenen Vorstadt der siamesischen Metropole Bangkok, ein Reservat des Geistes, in dem er viele seltene Bücher der älteren siamesischen Literatur aufbewahrte. Nach seinem Tod verging das alles unbeachtet. Lianen holten sich das Terrain zurück. So sind wohl seltenste Zeugnisse der ohnehin nahezu unbekannten alten siamesischen Literatur dem Tropenwald zurückgegeben worden.
Bücher, das waren in Siam viele Meter lange, aus der Rinde des Papierbaums durch Abkochen brauchbar gemachte Streifen, die mit einer Schabmuschel hart poliert und dadurch sofort beschreibbar waren. Die Papierbahnen wurden gefaltet und erhielten vorne und hinten steife Deckel, so daß harmonikaartige Klappbücher mit bisweilen gut hundert Meter Länge entstanden.
Und zum anderen: der zeitlebens weitgehend unbekannte, selbst ernannte „Ethnologe“ Hellmut Draws-Tychsen, der zur Zeit der Manuskriptabfassung – also um 1925 herum - Probleme erörterte wie „Die Wahrscheinlichkeit eines autothalattischen Ursprunges der polynesischen Rasse, erörtert an der Vokalfülle ihrer Sprachen“.
Die Themen seiner Auslassungen spiegelte er sich aus Büchern, die der Allgemeinheit kaum zugänglichen waren, heraus und zurecht – schwer erreichbare Universitätsbibliotheken im Norden und Osten Europas waren seine Anlaufstellen. Er schrieb ab und um, suchte abseitige, unauffindbare Quellen und tat als hätte er Ahnung.
Hellmut Draws-Tychsen, Lette von Geburt, wird Anfang der 30er Jahre dann doch in die Literaturgeschichte eingehen: als die unglückliche Liebschaft der Schriftstellerin Marieluise Fleißer, die seinetwegen zeitweise sogar in nationalistische Schwärmereien abgleitet und schließlich einen Selbstmordversuch unternimmt. Ihre fünfjährige Beziehung zu dem exzentrischen Draws-Tychsen, dem es nicht gelingt eigene Dichtungen irgendwo unterzubringen, hat Marieluise Fleißer in dem Buch „Avantgarde“ verarbeitet, wo sie ihr leidenschaftliches Abdriften in Hörigkeit und Verzweiflung eindrucksvoll wiedergibt.
Draws-Tychsen ist jenen Lyrikinteressierten heute noch bekannt, die sich mit Paul Scheerbart oder dem wundervollen, leider im ersten Weltkrieg gefallenen expressionistischen Dichter Ernst Wilhelm Lotz beschäftigen, deren Nachlässe von Draws-Tychsen betreut wurden. Ein Hang zum Besonderen, zum Exzeptionellen, zum Vergessenen paart sich mit dem Wunsch nach einem eigenen besonderen Werk. Das eigene Übersehen- und Vergessen-Werden arbeitet er auf, in dem er sich in unbedrängten Randbereichen Randfiguren widmet. Wer Angst hat vor sich selbst, erklärt anderen die Welt. Damit sie stimmen möge. Draws Tychsen übersetzte Märchen aus der Südsee und Lyrik so unbekannter Schriftsteller wie des Spaniers Pedro Antonio de Alarcón und des Ungarn Béla Bibiczky. Und vermittelte das Gefühl: er wisse bescheid. Und war doch nur ein Hampel, der die Literatur mißbrauchte um selbst zu Geltung zu kommen.
Die Geschichte der „Siamsänge“ ist beispielhaft für viele mühsamen Anstrengungen in Draws-Tychsens Leben – nämlich das, was er einmal herausdestilliert hatte aus Bibliotheken, dann auch tatsächlich ins Licht zu stellen. Die Rechtfertigung sich mit diesem oder jenem Thema aufgehalten zu haben. Draws-Tychsen hält noch 1947 den Inhalt und die Probleme der Siamsänge für „jung und neu, unüberholt und zeitlos“, zu einer Zeit, als es in Europa ganz andere Probleme gab, als weit zurück in das entfernte Königreich Siam zu schauen. Und sich mit schlecht übersetzten Gedichten zu Gemüte zu führen, was der königliche Hofdichter dort zur Übergabe der Regentschaft in 46 Strophen zu sagen hat. „Der Sang bei der Einführung des Weissen Elephanten“ umfaßt mehr als die Hälfte der von Draws-Tychsen versammelten Dichtungen Khun S’ra Prasôts. Den wenigen (vier) enthaltenen Sinnsprüchen, denen man unzeitliche Aktualität zusprechen könnte, sollte man wirklich große Bedeutung nicht zumessen. Obwohl es – aus persönlicher Sicht - sehr schön war, bspw. den nachfolgenden Satz umzudichten und ihm fast schon klassische Gültigkeit zu geben.
Su p’hasit – Spruch
Glaub dich gross und glaub dich wichtig
und besser als die Welt und bist doch nichtig.
Vom Lichtkreis deines Auges lerne, wie man sich bescheidet, der alles schaut,
sich selbst jedoch dabei stets meidet.
Gedicht: Siamesische Nacht
Die Wellen des Menam, darin Strähnen aus Stahl,
wie frisch gegossen aus weiten Feuertoren,
zerlaufen im Schilficht, wo der schlanke Gavial
und Echsen Sternen nachstarren, traumverloren.
Vier Priester aus der Pagode dort schleichen
nachts zu den Tempeln, um in dieser Stunde
den Krallen und Schnäbeln der Geier zu reichen
menschliche Leichen wie tote Hunde.
Im Dschungel indessen dehnt sich der Panther,
schwarz durchtaucht er die Nacht ungesehn,
nach Beute hin, lechzend, wo auch sein Verwandter
- der Tiger - den Raub plant auf seidigen Zehn.
Irrlichter, die wie Vögel hoch auf Palmen hocken,
verzittern sich im Hauch der Luftspiralen.
Bananenfresser, die leise Junge locken,
blinken hell aus ihren schrägen Augovalen.
Der Mond beflutet schön die Blumenwiesen,
in Hütten lehmgelb ruhn die Weiber.
Als Schönstes soll in dein Erinnern fließen,
wie Siams Frauen lieben, das Mehr der Leiber.
(Nachdichtung von Frank Milautzcki)