Lesarten
Der Wandel der Bilder des Glücks
Autor: Manfred Ach
Andreas Gryphius „An die Welt“ und Günter Kunert „Forschungsauftrag“ - eine vergleichende Interpretation
Gedanklicher Aufbau
Text A:
Die ornamentale Bilderfolge der ersten beiden Strophen stellt das Leben eines Menschen vor Augen, der, von Schicksalsschlägen schwer getroffen, sich schon frühzeitig dem ersehnten Jenseits nahe weiß. Das "bestürmte Schiff" entspricht dem Leben des lyrischen Ich, die Naturgewalten kennzeichnen die erlittenen Bedrohungen und Beschädigungen, die zu Orientierungslosigkeit (Z. 7) und Hinfälligkeit (Z. 8) geführt haben, wie der Rückblick in Strophe 2 bilanziert.
Spätestens in Z. 4 ("Port, den meine Seele will") wird klar, dass die Bilder des Gedichts zeichenhaften Sinn, also keine Gegenständlichkeit, sondern Gleichnischarakter haben. Am Ende der 1. Strophe ist das "Schiff" gestrandet, die Lebensreise zu Ende. Der ersehnte Zufluchtsort, die himmlische Heimat, ist erreicht.
Auch die Schlusszeile der Strophe 2 hat diesen abschließenden und zusammenfassenden Charakter, indem sie mit einer Aufzählung der Körperschäden (im Präsens) die Erinnerung an die unerwarteten und vorzeitigen ("Nacht im Mittag") Schicksalsschläge beendet und die Vergänglichkeit des Irdischen verdeutlicht.
Der Vergleich der beiden ersten mit den beiden letzten Strophen legt die antithetische Struktur des Gedichts offen: früher/jetzt - künftig, See - Land, Leiden an der Welt - Erlösung. Den klagenden Ausrufen der Strophe 2 und dem resignierenden Ton der Z. 8 folgen nun ermunternde Appelle (Z. 9) und eine erlösende Verheißung (Z. 10f.). Die materiell-weltlichen Un-Werte (jetzt zum Teil mit Abstrakta formuliert: "Angst", "Pein", "Schmerzen"), die auch den Geist schon angekränkelt haben ("müder Geist"), werden abgelegt. Und schließlich wird in Strophe 4 der "verfluchten Welt" mit einem antithetischen Willkommensgruß (Z. 13) das eigentliche (himmlische) "Vaterland" im Bild des unvergänglichen Schlosses gegenübergestellt, in dem die Seele "stete Ruh' im Schirme / Und Schutz und Frieden" findet. Die rhetorische Frage "Was graut dir für dem Port?" (Z. 10), die freilich deutlich macht, dass das Ziel nur durch den Tod hindurch erreichbar ist, wird mit dem "Glück" beantwortet, das im Bild "ewiglichtes Schloß" Höhepunkt und Abschluss des inneren und äußeren Gedichtaufbaus ist.
Text B:
Die bisherigen Bezeichnungen für das Glück wie Vollkommenheit, Fülle des Lebens, wundersame Fügung o. Ä. (im Bild der Kugel, des Füllhorns, des Kleeblatts) haben keine verbindliche Gültigkeit mehr, und mit den Namen ist auch das Bezeichnete verschwunden. Das Nichts und der Mangel sind dominierend, die Angst beherrscht den Menschen und die Welt. Aber Lücken und Risse in dieser Umschlossenheit lassen die Hoffnung auf ein Leben ohne Angst nicht ganz schwinden.
Der "Forschungsauftrag" (unklar bleibt, von wem an wen) besteht darin, das Glück ausfindig zu machen, obwohl es "heute" offenbar unsichtbar und unbenennbar ist (erster Textabschnitt). Wer es sucht, findet (entgegen der alten biblischen Zusage) "nichts". Diese 'Nullstelle' wird aber nun doch vorsichtig 'erweitert' durch "Lücke" und "Riß" und die Perspektive eines 'Dahinter'. Das Wort "Befinden" hat (neben der medizinischen Konnotation) eine ontologische Dimension, und das "Mauerwerk der Welt" steht für die bedrohliche Enge (=Angst) und ist zugleich von Menschen geschaffenes Antibild zu den mythologisch-natürlichen Bildern ("Kugel", "Füllhorn", "Kleeblatt"). Diese 'alten' Bilder werden in umgekehrter Reihenfolge negativ geladen wieder aufgenommen im zweiten Textabschnitt ("Kleeblatt" : "nicht finden"; "Füllhorn" : "Lücke"; "Kugel" : "Riß"). Auch die "Angstlosigkeit" soll wohl verdeutlichen, dass Glück nur ex negativo beschreibbar ist und dass für Kunert "vielleicht" ein Anfang jenseits der von ihm erlebten und vorgefundenen angstbesetzten Welt möglich ist. Die freistehenden beiden letzten Zeilen und der richtungsweisende Titel des Gedichts lassen einen Hoffnungsschimmer zu.
Gedicht: "An die Welt" & "Forschungsauftrag"
Text A:
Andreas Gryphius (1616-1664)
An die Welt
Mein oft bestürmtes Schiff, der grimmen Winde Spiel,
Der frechen Wellen Ball, das schier die Flut getrennet,
Das über Klipp' auf Klipp' und Schaum und Sand gerennet,
Kommt vor der Zeit an' Port, den meine Seele will.
Oft, wenn uns schwarze Nacht im Mittag überfiel,
Hat der geschwinde Blitz die Segel schier verbrennet!
Wie oft hab' ich den Wind und Nord und Süd verkennet!
Wie schadhaft ist der Mast, Steu'rruder, Schwert und Kiel.
Steig aus, du müder Geist! Steig aus! Wir sind am Lande!
Was graut dir für dem Port? Jetzt wirst du aller Bande
Und Angst und herber Pein und schwerer Schmerzen los.
Ade, verfluchte Welt: Du See voll rauher Stürme:
Glück zu, mein Vaterland, das stete Ruh' im Schirme
Und Schutz und Frieden hält, du ewiglichtes Schloß!
(Erstveröffentlichung 1650)
Zeile 4: Port: Hafen, Zufluchtsort
Zeile 10: für: vor
Zeile 13: Glück zu: ermunternder Zuruf, Grußformel
Text B:
Günter Kunert (geb. 1929)
Forschungsauftrag
Heute hat das Glück
keine Namen mehr
Es hat sein Ansehen
verloren
sein Aussehen Die Kugel
Das Füllhorn Das Kleeblatt
Wer es sucht
findet an seiner Stelle
nichts
eine Lücke im Befinden
im Mauerwerk der Welt
einen Riß
jenseits dessen vielleicht
Angstlosigkeit anfängt
(Erstveröffentlichung 1980)