Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit der Autorin Andrea Winkler

Du hast bisher fünf Bücher veröffentlicht: Drei Bände mit Prosa („Arme Närrchen“, „Drei, vier Töne, nicht mehr. Elf Rufe“ und „Hanna und ich“), außerdem einen Roman („König, Hofnarr und Volk“) und „Betrachtungen zu Literatur“ unter dem Titel „Ich weiß, wo ich bin“. Steht dir eine dieser Veröffentlichung heute näher als die anderen? Wie blickst du auf die zehn Jahre, in denen du publiziert hast, zurück?

Diese Bücher gehören zusammen, so, wie sie sind. Keines wäre ohne das andere entstanden. Vor zehn Jahren hatte ich keine Vorstellung davon, wie sich „Veröffentlichtwerden“ anfühlt, und das war gut so. Bis vor ein paar Jahren habe ich selber hin und wieder ein Buch besprochen; das habe ich sein lassen. Meine Erfahrung zeigt mir, dass es besser ist, die Arbeitsteilung zwischen Literatur und Kritik zu bewahren. Diese Dinge sind sehr verwaschen in unserer Zeit – alle machen alles, und dabei kommt nicht immer das Beste heraus. Vor ein paar Jahren bin ich in einem Brief von Čechov an einen Autor auf einen Satz gestoßen, der sinngemäß etwa so lautet: „Sie leiden darunter, nicht verstanden zu werden? Ach, das ist ganz normal.“ Da musste ich lachen.

Wie wichtig ist dir, dass etwas, das du geschrieben hast, rezipiert wird?

Es ist wunderbar, wenn jemand liest, was ich geschrieben habe und mit dem in Kontakt kommt, was darin ist – und wenn's nur eine/r wäre, der das tut – das ist Glück und Antwort. Ich glaub, dass das vorkommt. 

Hast du eine bestimmte Herangehensweise, wenn du einen neuen Text beginnst? Was gibt dir am ehesten den Impuls zu schreiben: eine Lektüre, ein Gespräch, ein sinnlicher Eindruck?

Das kann ich nicht trennen. Nur eines ist sicher: dass der Impuls plötzlich da ist und ganz von sich aus kommt, und ich Geduld brauche, ihm so lange zuzuhören, wie er will, bevor ich anfange. Manchmal ist der Text dann wie in einem Guss da, manchmal wächst er, vor allem zu Beginn, langsamer. Und er kommt immer aus der Wirklichkeit, aus etwas, was mich unmittelbar angeht: Begegnungen, ja Begegnungen aller Art.

Was würdest du antworten, wenn man dir vorwerfen würde, nicht politisch genug in deiner Kunst zu sein?

Dass man nicht gelesen hat, was ich geschrieben habe. Oder aber einen trivialen Begriff von „Politik“ hat – einen, mit dem man Politik auf das tagesaktuelle Geschehen, von dem Medien berichten, beschränkt.

Wovon wünschst du dir mehr/weniger in der Gegenwartsliteratur? Welche Themen(-felder) und Aspekte sind deiner Meinung nach in der zeitgenössischen Literatur und/oder im aktuellen literarischen Diskurs unterrepräsentiert?

Wenn  jemand das schreibt, und wirklich nur das, was er mitzuteilen hat, dann wird das Geschriebene für irgendjemanden auf der Welt wichtig sein – dabei ist es egal, ob es einer oder sechshundert oder zwanzigtausend sind, die es lesen, und ob die Lektüre heute oder morgen oder übermorgen stattfindet oder viel später. Wenn sich eine/r, der/die schreibt, fragt, was wäre jetzt für mich und die Welt ein gutes Thema, wovon müsste geschrieben werden, worüber sollten die Menschen jetzt nachdenken, womit könnte ich ankommen  – daraus wird nichts, was tiefer geht. 

Gibt es einen Rat, den du jungen Autor*innen geben würdest?

Nur, was mir selber, ob unbewusst oder bewusst, immer wichtig war, kann ich raten: In sich hineinzuhören, was aus dem alltäglich Erlebten nachklingt, und viel zu tun, was nichts mit Literatur zu tun hat, das Leben von Grund auf kennenzulernen, so, als würde es darauf unbedingt ankommen: kein sekundäres Wissen, das man verstanden zu haben glaubt, kann diesen Prozess ersetzen. Allein sein, mit andern sein, auch mit Dingen. Und sich nicht in spitzfindigen, nichtssagenden Diskussionen über Literatur zu verlieren.

Ist Schreiben vor allem eine Möglichkeit sich selbst zu begegnen? Oder auch eine Möglichkeit anderen zu begegnen?

Das kann ich gar nicht trennen: ich begegne mir selbst, indem ich einem andern begegne. Und ich begegne dem andern, indem ich mir begegne. Diese Begegnung ist keine Selbstverständlichkeit, nichts, was ich „machen“ kann, weder im Leben noch im Lesen noch im Schreiben. Ich kann nur versuchen, so zu leben, dass ich mich vor ihr nicht verschließe. Sie stellt sich oft auch dann als Notwendigkeit heraus, wenn sie gar nicht einmal glücklich ist – nicht im herkömmlichen Sinn glücklich. Gut ist schlichtweg, dass sie stattfindet und mich in Berührung bringt, womit auch immer. Ich glaube, dass diese Art der Begegnung immer wechselseitig ist.

„Das wahre und interessante Leben eines menschlichen Wesens spielt sich im Verborgenen wie unter dem Schleier der Nacht ab… Jede persönliche Existenz ist ein Geheimnis“, heißt es bei Čechov. Ist es die Aufgabe der Literatur, dieses Geheimnis greifbar zu machen, anzudeuten, wenn auch nicht freizulegen?

Wer schreibt, muss selber erkennen, was seine Aufgabe und die der Literatur ist; allgemein beschreiben kann ich sie nicht. Aber ich glaube, dass der Gedanke in Čechovs Satz wahr ist und dass es etwas unerhört Bereicherndes, manchmal auch Bestürzendes ist, dieses Geheimnis zu fühlen. Es verträgt sich übrigens sehr gut mit einer klaren Vernunft, dieses Geheimnis; nur ein einseitig arbeitender Verstand, der alles erklären und berechnen will, wird es nicht da sein lassen können. Bei Čechov spürt man es, es ist es da und tritt in keinerlei Widerspruch oder gar Konkurrenz mit der präzisen Beobachtung. In dieser Verbundenheit liegt das Geheimnis.

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge