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Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit der Autorin Helene Bukowski

Derzeit bist du Mitherausgeberin der Bella Triste Literaturzeitschrift, einem wichtigen Medium für junge deutschsprachige Literatur, das dreimal im Jahr erscheint. Hast du das Gefühl, deine Beziehung zu literarischen Texten hat sich geändert, seit du in einer Redaktion sitzt? Wie erlebst du die redaktionelle Arbeit, wie den Kontakt mit so vielen verschiedenen AutorInnen?

Seit ich in der BELLA bin, nimmt das Lesen viel mehr Raum ein. Für PROSANOVA | 17 habe ich so viele Bücher wie noch nie gelesen. Hinzu kommt das ständige über Texte sprechen, sei es jetzt bei der Textauswahl für die nächste Ausgabe oder bei der Programmplanung für PROSANOVA. Man könnte sagen, dass ich inzwischen eine sehr intensive Beziehung mit literarischen Texten führe. Und dass es mir sehr viel Spaß macht, mich so ausführlich mit einer Sache zu beschäftigen. Anders wäre es auch überhaupt nicht möglich, eine Zeitschrift wie die BELLA triste mit herauszugeben. Marina Schwabe, Tatjana von der Beek, Zoë Martin, Ole Schwabe und ich sind eigentlich ständig am Rotieren. Während wir mit dem Großversand der einen Ausgabe noch beschäftigt sind, planen wir bereits die nächste. Wir würden sicher längst etwas anderes machen, wenn da nicht diese enorme Leidenschaft für literarische Texte wäre und wir nicht davon überzeugt wären, dass Literaturzeitschriften eine äußerst wichtige Plattform für junge Autor°innen sind.

Wenn es eine bekannte Persönlichkeit gäbe (nicht zwingend ein/e Autor/in; nicht zwingend real), mit der du einfach so auf einen Kaffee oder ein Bier gehen könntest – wer wäre das?

Tobias Zielony! Mir gefallen seine Fotografien ungemein. Deswegen würde ich gern sehen, wie er arbeitet. Den Kaffee oder das Bier würden wir dann einfach währenddessen trinken.

Was liest du gerade? Oder welches Buch liest du immer wieder? (+ deine Impressionen dazu?)

„So einfach war es also zu gehen“ von Laura Vogt und „Mein Vater war ein Mann an  Land und im Wasser ein Walfisch“ von Michelle Steinbeck haben mich 2016 besonders fasziniert. Beide Bücher werde ich deshalb auf jeden Fall irgendwann nochmal lesen. Mir gefällt es wenn Bücher eigenwillig sind. Außerdem haben beide Autorinnen einen besonderen Sound und arbeiten mit starken Bildern.

In der vierten Ausgabe der Jenny-Literaturzeitschrift ist ein Text von dir, Titel: metallregale, in dem ein/e namenlose/r Protagonist/in den Verlauf einer Beziehung zu einer Person namens Girl erzählt. Der Bericht wird oft von einer grandiosen, teilweise surrealen und widersinnigen, Metaphorik getragen. Was reizt(e) dich an dieser teilweise sehr heftigen, bildhaften Sprache? War es für dich die beste Art sich dem Sujet der Liebesgeschichte zu nähern? Würdest du sagen, dass der Text eine Liebesgeschichte erzählt?

Meine Texte gehen eigentlich immer von Bildern aus, die mich auf irgendeine Art faszinieren, die für mich eine Atmosphäre aufmachen. Es gelingt mir selten, im Vorfeld ein Thema festzulegen, eine Handlung zu planen. Ich brauche beim Schreiben das Assoziative, dass sich aus einem Bild ein anderes entwickelt oder sich unterschiedliche Bilder miteinander verknüpfen. 

Bei metallregale kann ich so eine Liebesgeschichte erzählen, die nicht über Handlung und Dialoge funktioniert, sondern über die Bilder, wodurch sich, meiner Meinung nach, beim Lesen ein viel größerer Interpretationsspielraum ergibt. Ich finde solche Leerstellen sind oft das Spannendste, denn vor allem da muss ich mich als Lesende selbst mit dem Text auseinandersetzen.

Wie ist dein Verhältnis zum Schreiben – treibt es dich täglich um?

Seit einem Jahr arbeite ich an einem längeren Projekt. Vorher habe ich vor allem Kurzgeschichten geschrieben, aber erst jetzt merke ich, wie unstrukturiert ich beim Schreiben vorgehe. Es gibt keinen festen Schreibthymus, kein sich täglich um sieben Uhr ran setzen, stattdessen habe ich immer mal wieder Schreibphasen. Dazwischen passiert auch mal für mehrere Wochen überhaupt nichts. Ich habe jetzt aber gemerkt, dass ich durch dieses Phasenschreiben bei dem längeren Projekt, nicht so schnell vorankomme, wie ich es gerne hätte. Dieses unbeständige Schreiben verhindert bei mir, das ich mich darin verbeiße. Texte, die über Kurzgeschichtenlänge hinausgehen, brauchen eine bessere Organisation. Es wäre somit gut, würde ich dem Schreiben am Tag zwei Stunden einräumen, aber BELLA, PROSANOVA, Studium und Jobben müssen ja auch noch irgendwie sein. Das kommt sich dann oft in die Quere.

Welche Geisteshaltungen hältst du in der Literatur für fehl am Platze?

Das junge Autor°innen nichts zu erzählen haben.

Ich verstehe überhaupt nicht, wie die Leute darauf kommen, dass man erst über fünfzig sein muss (und am besten auch noch ein Mann), um gute Bücher schreiben zu können.

Im Jahr 2017 wird in Hildesheim wieder das Literaturfestival PROSANOVA stattfinden, an dessen Vorbereitung du aktiv beteiligt bist. Wie würdest du jemandem, der noch nie da war, das PROSANOVA beschreiben? Auf was dürfen wir uns freuen?

Wenn ich Leuten von PROSANOVA erzähle, vergleiche ich es meistens mit Musikfestivals und nicht mit anderen Literaturfestivals, weil die Atmosphäre so besonders ist und es wenig darum geht, Schriftsteller°innen auf die Bühne zu setzen, die dann aus ihren Büchern lesen, während das Publikum andächtig auf den Stühlen sitzt und sich am Ende der Veranstaltung ein Autogramm abholt. Bei PROSANOVA geht es immer darum, Literatur auch anders erfahrbar zu machen, neue Lesungsformate auszuprobieren und natürlich ein Literaturfestival zu veranstalten, zu dem vor allem junge Autor°innen eingeladen werden. Außerdem ist es inzwischen auch ein Treffpunkt des Literaturbetriebs, ein Ort um sich auszutauschen, Freunde zu treffen, neue Leute kennenzulernen, Partys zu feiern.

Was eine der Besonderheiten von PROSANOVA | 17 sein wird, ist das Artist in Residence  Programm. Es ist eine Weitereinwicklung des bisherigen Wettbewerbs. Die Idee dahinter ist, den Austausch junger Autor°innen zu fördern, die Arbeit an den Texten in den Vordergrund zu stellen und die Konkurrenzsituation zu entschärfen, die sonst im Literaturbetrieb gängig ist.

Wer also noch keine Pläne hat für den 08. bis 11. Juni 2017, der sollte sich das Festival auf keinen Fall entgehen lassen.

 

 

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