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Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit dem Autor Marko Dinic

Am 01. März 2017 ist von dir eine Kritik zu der unlängst erschienenen Lyrik-Anthologie „Die leuchtenden Wurzeln von unten" erschienen“, die sich aus Beiträgen der 4 Literaturinstitute  (in Leipzig, Wien, Biel und Hildesheim) zusammensetzt, erschienen. Darin bemängelst du nicht nur die Unausgewogenheit in Bezug auf die Instituts-Herkunft der Beitragenden und weist auf die eigentliche Funktion einer anthologischen Sammlung hin, die du nicht erfüllt siehst, sondern bemängelst auch die Innovation der Texte und schreibst:

„aber über den Tellerrand der aktuell abzugrasenden Themenlandschaft hinaus mag niemand der hier Versammelten wirklich blicken. Vielmehr wird auf Altbewährtes gesetzt, wie man es beispielsweise schon von Anthologien wie Lyrik von Jetzt 3 her kennt.“

Könntest du genauer sagen, was du mit der aktuell abzugrasenden Themenlandschaft meinst? Gibt es Anthologien oder Lyriker*innen, denen die Überschreitung des Tellerrandes deiner Meinung nach gelungen ist? Ist diese Überschreitung mehr eine formale oder eine inhaltliche Angelegenheit?

Das sind jetzt mehrere Fragen in einer. Zunächst einmal fokussiere ich mich in meiner Kritik auf die Aussage, Literaturinstitute seien Orte der Radikalität. Angesicht der Texte, die ich in dieser Anthologie las, fiel es mir schwer, den Begriff Radikalität auszuloten, zumal ich mit einer Radikalität in der Literatur eine Grundsatzentscheidung verbinde, die sich im Zusammenspiel zwischen Inhalt und Form niederschlägt. Auf formaler Ebene kann diese Entscheidung alles Mögliche sein: Verknappung, Ausschweifung, formales Experiment, Lakonie. Der/Die AutorIn kann sich auch für ein Sonett entscheiden – ausschlaggebend ist meines Erachtens, wie dieser äußere Bau mit dem inneren Bau eines Gedichts korreliert. Was den inneren Bau anbelangt, so kann man sich streiten, was darunter alles fallen mag. Am Ende des Tages entscheidet auch der persönliche Geschmack vieles. Was mich aber an manchen Texten dieser Anthologie störte, war der Mangel an Bereitschaft, sprachlich ein wenig auszuscheren, sich aus der Komfortzone gängiger Sprachbilder fortzubewegen, ohne dass es aufgesetzt wirkt (natürlich nicht alle! Der Stille Ton von Özlem Dündars Texten beispielsweise in Kombination mit einer sehr bewussten Reduktion des Text- und Sprachbildes ist jene Radikalität, die ich meine. Oder Vricic-Hausmanns fast lautmalerischer Ansatz, bei dem jedes Wort auf der Goldwaage vermutet wird). Vielleicht war das Wort Themenlandschaft in diesem Zusammenhang auch der falsche Begriff. Mir ging es mehr um Tradition und das Aufbrechen derselben. Ich hatte das Gefühl, dass sich sehr viele in dieser Anthologie versammelten Leute nicht wirklich mit dem auseinandersetzten, was vor ihnen lag: ein Textkörper, der nicht immer nur gut gearbeitet sein möchte, sondern auch gefordert. In meinen Augen machen es sich manche Leute viel zu leicht, ohne jetzt darauf eingehen zu möchten, was dieses Sich-leicht-Machen zu bedeuten hat.

Was liest du gerade? Oder welches Buch liest du immer wieder? (+ deine Impressionen dazu?)

Ich lese gerade Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen. Ein sehr eindrucksvoller Roman, der wie ein Film daherkommt. Ich würde sogar behaupten, dass hier bewusst mit einer Filmmontagetechnik gearbeitet wird. Das verdichtet die verschiedenen Handlungsstränge ungemein. Im Zusammenspiel mit dem bedeutungsschwangeren Thema (deutsche, besetzte Großstadt nach dem Zweiten Weltkrieg und der Umgang ihrer Protagonisten mit der Schwere der Nachkriegs(un)situation) und der ungewöhnlichen Form bekommt dieser Roman etwas Essentielles, was mich beim Lesen sehr fesselt. Auf die zweite Frage: Immer wieder lese ich Ariel von Sylvia Plath, Der Fremde, Die Pest von Albert Camus, Tagebuch über Carnojevic von Milos Crnjanski (den ich auch übersetze), Garten, Asche von Danilo Kis (den ich getrost als einen meiner Lieblingsschriftsteller bezeichnen kann), Angst des Tormanns von Peter Handke, Neun Canti für die irdische Liebe von Marie-Therese Kerschbaumer (ein – meiner Meinung nach – Kerntext deutschsprachiger feministischer Lyrik, zugleich auch einer meiner liebsten Lyrikbände), Gesammelte Gedichte von Christine Lavant (noch so ein Liebling!), How much Schatzi von HC Artmann (Religion!)  

Was würdest du antworten, wenn man dir vorwerfen würde, nicht politisch genug in deiner Kunst zu sein?

Ich bin Anhänger der Idee, dass jede Aussage in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext politisch ist. Die Frage bezüglich der Kunst und der Literatur ist daher für mich primär eine der Form. Und wenn mir jemand nun vorwirft, nicht politisch genug in meiner Kunst zu sein, dann werte ich das als Kritik an der von mir gewählten Form, was immer eine legitime Kritik ist!

Was fällt dir zu dem Wort „Pathos“ ein, wie verhältst du dich zu diesem Begriff?

Das Pathos ist im Deutschen sehr verpönt, was ich aus dem historischen Kontext (Sprachkritik, Adorno, etc.) zwar verstehen, jedoch nicht teilen kann. Ich komme aus einem Sprachraum (ehemaliges Jugoslawien), in dem das Pathos untrennbar mit der Literatur vereint ist. Es ist aber ein anderes Pathos hier am Werke, als man es vielleicht von den deutschen Romantiker*innen her kennen mag (wobei ich auch deren Pathos sehr schätze). Das Pathos, das mir wichtig ist, ist jenes, das gleichzeitig zerschmettert werden möchte. Im Grunde möchte ich Bücher schreiben, wie Tarkowski Filme machte: Das Pathos als Tür zu einer Welt, die man früher stolz und gerne Heimat nannte – also das Pathos als Falle.

In welcher literarischen Form fühlst du dich am wohlsten? Arbeitest du viel mit Notizen?

Ich fühle mich sowohl in der Prosa als auch in der Lyrik sehr wohl. Ja, ich arbeite viel mit Notizen.

Wenn du die Hauptthemen, um die dein literarisches Schaffen kreist, benennen müsstest, wie würden sie lauten? Gibt es formelle Gesichtspunkte, nach denen sich dein Schreiben immer richten wird?

Also der Verlust der sogenannten „Heimat“ unter verschiedensten Aspekten ist definitiv eines meiner Hauptthemen. Diese „Heimat“ ist jedoch keine nationalistische Phantasterei, sondern ein gedankliches Konstrukt, eine überladenes und überbordendes Spiel, das mich als Migranten nur schwer loslassen kann. Es gibt so etwas wie eine Familie, und der kann ich nicht entkommen, also schreibe ich über sie. Dabei muss es sich nicht um meine Familie handeln. Die Aufgabe der erzählenden Literatur ist meines Erachtens vom Einzelnen aufs Ganze zu schließen. Ich folge zur Zeit dieser einfachen Prämisse, obgleich sie in einem Zeitalter, in dem Leute wie Thomas Pynchon oder Roberto Bolano mäandernde Monsterromane schrieben, altbacken daherkommt. Was die Form anbelangt, so bedingt jedes Thema, jeder Inhalt, den ich abzugrasen versuche (über den Versuch kann es ja nicht hinauskommen!) auch die Form. Das ist – meiner Meinung nach – die Aufgabe und auch die Unmöglichkeit des Schreibens, die Suche nach der Form (noch so was Altbackenes!)

Arbeitest du manchmal transdisziplinär, verknüpfst deine Texte mit visuellen oder auditiven Elementen? Oder würdest du es gerne einmal tun? Was könntest du dir in dieser Hinsicht vorstellen?

Ich selber arbeite sehr selten bis gar nicht transdisziplinär, da Transdisziplinarität sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, will sie denn gescheit gemacht werden. Der einzige mir bekannte deutschsprachige Lyriker, der ernstzunehmende, transdisziplinäre Werke schafft, ist ORAVIN. Bei vielen anderen Leuten bemerke ich immer einen Schwerpunkt: entweder Musik, Literatur oder Video. Die anderen Sparten verkommen so zum Beiwerk der Hauptsparte. Bei ORAVIN verkommt nichts zum Beiwerk, alles fließt ineinander, jede Sparte bedingt die andere. Das ist sehr beeindruckend. Dabei geht es nicht nur um die reine Verknüpfung von Text, Ton oder Bild. Es muss um die Bedingtheit der Sparten untereinander gehen. Dafür braucht man viel Zeit und Muße, die ich nicht habe. Wofür ich aber Muße habe, ist die Organisation eines Festivals, welches sich gerade dem Thema der Transdisziplinarität sehr stark widmet. INTERLAB heißt dieses Festival und findet seit drei Jahren in Salzburg statt.

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