Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit dem Autor Stefan Schmitzer

Dein letzter Gedichtband heißt „denunziationen. haltlose gedichte“ (2015 bei hochroth erschienen). Inwieweit ist Schreiben für dich ein Denunzieren oder Geschriebenes eine Denunziation? Und ist Haltlosigkeit eine Zwangsläufigkeit, wenn man heutzutage Gedichte schreibt?

Zur einen Frage: Nicht im Allgemeinen, vielleicht mal im Speziellen.

Zur anderen: Nein, wieso?

Im Ernst: "Denunziationen" heißt das Buch, weil die Texte darin vom Gestus des habituellen Schimpfens in alle Richtungen leben, und davon, dass sich das Ich, das da jeweils schimpft, dabei gehörige Blößen gibt. Also: Der Denunziant findet irgendwas oder irgendwen in der sozialen Wirklichkeit scheisse (oft sogar zurecht), wie er sich aber darüber aufregt, das sagt uns mindestens so viel Unvorteilhaftes über ihn wie über den scheisse gefundenen Sachverhalt. "Haltlose Gedichte" wiederum steht erstens da, weil der Band mit exakt dieser Formulierung schon mal abgelehnt worden war – wobei ich bis heute nicht verstehe, warum die, eh korrekt diagnostizierte, "Haltlosigkeit" dieser Texte irgendwie schlecht oder un-unterhaltsam sein soll – und zweitens, weil es so viel an Bedienungsanleitung vielleicht braucht: Den Hinweis, dass es hier nicht um das Beschwören "sicheren Halts" durch richtiges Denken oder Weltauffassen geht, sondern um unterhaltsames auf-die-Schnauze-Fallen auf dem Untergrund einer Sprache, die zwischen Ideal (welchem Ideal auch immer) und Wirklichkeit holprig wird.

Welche Frage sollte man dir öfter stellen?

Sowas in der Art von: "Hier ist ein Haufen Geld, möchten Sie uns dafür ein paar Gedichte vorlesen?"

Sachen, die dir bei Texten von anderen AutorInnen auf die Nerven gehen?

Vorgeschützte Naivität. Will sagen:

Es gibt ja diese Textstellen, die nur funzen, wenn sich die Rezipienten dazu verführen lassen, Kontexte und Implikationen auszublenden und statt dessen zu unterstellen, es spräche da jemand "in aller Unschuld" "ohne Kontext" "von Innen heraus" … Als wäre es die Aufgabe der Empfänger eines Texts, sich  "richtig" zu ihm zu verhalten, sich "einzufühlen" –  was natürlich Bullshit ist, ersonnen und veranstaltet zu dem Zweck, dass die Textverursacher weniger Arbeit haben bzw. mit grenzwertigem Zeug durchkommen.

Das fängt bei Zeitungsglossen an, die vorurteilsbeladenes Blabla über z.B. jugendliche Afghanen oder, was weiß ich, alleinerziehende Mütter als "echt selber Empfundenes" verkaufen müssen, weil sich anders so viele Voraussetzungen auf so engem Raum nicht unterbringen lassen … und das läuft dann im High-End-Bereich z.B. auf solche Sachen hinaus wie dieses schreckliche Buphagus-Gedicht von Jan Wagner, das uns einlädt, "feinsinnig-originelle" Assoziationen eines deutschen Bildungsbürgers zur afrikanischen Savannenfauna unschuldig-kontextlos zu lesen … als wäre das Bild des blinden, riesenhaften Nashorns, auf dem das "Sèvrestäßchen" balanciert, nicht eine Brachialmetapher, an der sich das "für und wider" der ganzen Kolonialgeschichte Deutsch-Südwest festmachen lässt, in der Art eine argumentierenden Schulaufsatzes ca. 1950 – als könnte es da noch ein "für" geben; als würde da nicht mittels heiterer Naturmeditation so zartfühlend wie zugleich brachial das Gedächtnis am Mord und Totschlag entsorgt.

Wohlgemerkt: Gegen tatsächlich naive Setzungen in Texten habe ich nicht von vornherein einen Einwand, ebenso wenig, wie ich mich wehren werde, zur willing suspension of disbelief verführt zu werden. Doch wenn das einzige, was die jeweilige Setzung erkennbar zum Text beiträgt, seine Immunisierung gegen Kritik ist (ob Kritik an inhaltlich Unhaltbarem, an interner formaler Inkonsistenz oder was auch immer), dann gehen bei mir die Alarmglocken los, ich vermute zynisches Kalkül und verliere die Lust auf den Text.

2009 erschien dein Roman „wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht“, laut Verlagstext eine „filmartig erzählte Comic-Ballade“. Wie kam es zu dem Buch und den darin aufgegriffenen Thematiken? Wie blickst du heute auf die experimentelle Erzählform des Buches zurück?

Die Idee, aus der dann "wohin die verschwunden ist…" wurde, bestand darin, aus einer simplen Erzählhandlung all die "üblichen" Funktionen eines weiblichen Gegenübers für den männlichen Protagonisten rauszustreichen, und zu sehen, was übrigbleibt – ein weibliches Gegenüber zu konstruieren, an dessen approval bzw. disapproval sich eben nicht geglückte oder missglückte Sozialisierung der männlichen Hauptfigur(en) erweisen darf. Ergebnis: Für eine solche Frau in einer solchen Story bleibt wenig zu tun; wenn es sich um Realismus handeln würde, würde man sagen, dass sie am Ende ziemlich fertig mit sich und der Welt ist; und den Männern, deren großes narzisstisches Ichfindungs-Abenteuer nach Joseph Campbell um diese Nichtfigur herum gebaut ist, bleibt nicht viel mehr übrig als in Dominanzgesten, Gewalt und Resignation umeinander zu kreisen.

Vielleicht kann man das ganze Buch als heiteres Dekonstruieren von ein paar Erzählklischees lesen – und zwar von Klischees aus jener Art pseudorealistischer, pseudoanspruchsvoller Erzählliteratur, die mir damals wie heute auf den Nerv ging und geht. 2008 und '09 dachte ich noch, und mit mir dachten das einige Rezensenten des Buchs, das wäre insgesamt ein feministischer Ansatz; das stimmt aber nur, wenn es bereits feministisch sein soll, den Nachweis zu leisten, dass doofe Erzählklischees evtl. zu sexistischen Ergebnissen führen.

Worauf ich fast noch ein bisserl stolz bin bei dem Buch: eine stilisierte Sprache durchgehalten zu haben, die der Behauptung von "wirklich echten Gefühlen" oder sonstigem Identifikationszirkus keinen Platz ließ und dabei (so hoffe ich zumindest) nicht gänzlich langweilig war.

Welche Themen(-felder) und Aspekte sind deiner Meinung nach in der zeitgenössischen Literatur und/oder im aktuellen literarischen Diskurs unterrepräsentiert?

Eh keine. Du wirst sagen können, was Du willst, worüber Du willst, auf die von Dir gewünschte Art und Weise. Ob Du gehört und ins 3sat-Studio, nach Klagenfurt oder aufs blaue Sofa gebeten wirst, hängt dann weder von deinen Inhalten noch von Deiner gewählten Form ab, sondern (a) von den Fragen, über die der Herr Bourdieu in "Die feinen Unterschiede" schreibt, und damit (b) davon, ob Du Dich "korrekt" zu verhalten weißt, also: Ob Du, was immer Du treibst, in genau dem richtigen Ausmaß warenförmig zurichten kannst.

Unterrepräsentiert sind also m. M. n. nicht so sehr die Themen, -felder und -aspekte. Unterrepräsentiert sind vielmehr zusehends die Leute, die auf richtiges Selbstvermarktungsverhalten entweder von Herzen pfeifen oder dazu unfähig sind. Das ist den Betriebsinsassen nicht individuell vorzuwerfen – warum auch? Wieso sollten sich die gestressten Verwalter eines so knappen Gutes wie der Leseraufmerksamkeit absichtlich mit komplizierten Geschäftspartnern belasten, wo es doch in fast jedem einzelnen Fall ein qualitativ gleich gut geeignetes Text- oder Diskursprodukt von jemandem anderen geben wird, der sich unkomplizierter und damit effizienter inszenieren lässt … (Anmerkung für die ganz Schlauen: Es gäbe auf dieses rhetorische "Wieso?" eine reale Antwort, aber die ginge undialektisch davon aus, dass wir uns die Welt machen können, widdewiddewie sie uns gefällt, und so ist das nun mal  nicht.)

… Es sind mit anderen Worten diejenigen Leute zusehends unterrepräsentiert, die den Diskurs- und Literaturbetrieb nicht hauptberuflich mit dem Ziel beobachten und analysieren, in ihm "weiterzukommen". Die Ungeschmeidigen sterben aus.

Neben der redaktionellen Tätigkeit, schreibst du auch Rezensionen für Fixpoetry. Was sind deine Ansprüche an diese Art von kritischem Text? Ist eine Rezension ein schlichter Support-Act für den potenziellen Lesenden oder eine literarische Gattung, die eigenständige Erkenntnisse vermitteln/erzeugen kann?

Ich begreife meine Aufgabe als Rezensent genau so, wie Du es mit dem Wort vom "Support-Act" andeutest: Leser_innenservice; Hilfestellung beim Verbraten endlicher Ressourcen (Geld, Lebenszeit) auf einem in alle Richtungen unendlichen Feld. Dass sich aus der Notwendigkeit zu solchem Service eine ganze Reihe von eigenständigen Textsorten ergibt, die wiederum als Text rezensierbar oder kritisierbar sind, gehört zu den Eigenheiten der Literatur vor allen anderen Kunstsparten: Das Reflektieren über die Sache findet in demselben Medium statt wie die Sache selbst …

Schwieriger ist für mich, dass unter diesen Bedingungen auch das wissenschaftliche Reden über Bücher bzw. Texte (also die an Erkenntnis oder an irgendwelchen praktischen Zwecken orientierte Leseweise) mit der reine Zuarbeit zum Marktgeschehen sich leicht vermischen lässt; dass es da kein klares intrinsisches Kriterium dafür gibt, welcher Rezeptionstext ersterer, welcher zweiter Ordnung angehört; dass es mithin ein Leichtes ist (und häufig genug vorkommt), in die eine oder andere Richtung hin zu fälschen (zu blenden; hochzustapeln …).

Nachdem du nun seit 10 Jahren veröffentlichst – gibt es einen Ratschlag, den du jüngeren Autor*innen geben würdest, was das Publizieren oder den literarischen Betrieb angeht?

Erstens: Lasst es bleiben. InstallateurIn soll auch ein netter Beruf sein. Oder GastwirtIn. Oder AutomechanikerIn.

Zweitens: Bitte hört auf, darüber zu schreiben, dass Ihr jetzt in Berlin lebt. Oder (für Fortgeschrittene) Zürich, Köln, St. Petersburg. Ich kann keine großen autobiographischen Stadtbewohnungs-Texte mehr sehen.

Drittens: Je mehr sich die KollegInnenschar so verhält, als wäre der Literaturbetrieb selbstverständlich ein Markt wie jeder andere – mit anderen Worten: je mehr sich die KollegInnen so verhalten, wie es ihnen von Agenturen und auf den Schreibschulen eingeredet wird, weil dieses Verhalten für die professionellen Zwischenhändler einfacher zu handhaben ist – desto eher wird er sich auch tatsächlich in einen Markt in diesem Sinn verwandeln. Wenn beispielsweise KollegInnen sich nicht zunächst fragen, was sie je individuell tatsächlich beizutragen haben, und dann mal sehen, wo die Leute sind, die das ggf. lesen wollen – sondern wenn man sich stattdessen zuerst fragt: "Wie oder was muss ich schreiben, dass ich bei Zeitschrift X, Jury Y, Velag Z ankomme?" – dann läuft etwas gravierend falsch.

Viertens: Kein Text, kein publizierter Gedanke und schon gar kein publiziertes Emotionssurrogat sind unpolitisch oder allgemeinmenschlich. Wenn in deutscher Sprache zu einem gegebenen Zeitpunkt eine bestimmte Menge an Texten publiziert und rezipiert wird, so ist die Menge und Art der darin enthaltenen Leitbegriffe, Motive und Topoi nicht unabhängig von der Menge deutscher Soldaten am Hindukusch zu denken, oder von den Interessen der Deutschen Bank in USA (bzw. Zwergenversion: der österreichischen Raiffeisenbank in Ungarn und Kroatien), oder vom Exportüberhang zwischen Deutschland und Griechenland. Wenn wir wissen, dass das, was wir produzieren, notwendigerweise auch Ideologie ist, können wir wenigstens zum Teil beeinflussen, welche Ideologie.

Fünftens: Macht irgendeinen Sport. Von dem ewigen Rumsitzen an Schreibtischen und in Kneipen wird man dick, schwach, unglücklich.

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