Wörtmüsikler - Wortklavier und Tagebuchstaben vom Bosporus 3
Immer der Nase nach. Über die Galata Köprüsü. Mokkageruch zeigt den Weg zum ägyptischen Basar. Sollte so sein. Aber Blanka Beiruts Nase findet sich gar nicht zurecht, angesichts der olfaktorischen Übergriffe auf der Brücke. Und die war ihr ganz anders versprochen worden! Zufriedene Angler, malerische Möwen, sentimentale Musikspieler, sanfter Fischgeruch, melancholische Katzen, schwarze Frauenaugen von singender Meerenge. Vor lauter Katzenpippifisch und anderem Müllgestank, ...
Füßchentherapie
Februar | 2012 Neulich hatte meine katholische Freundin einen Mittelfußbruch. Sie bekam einen Gips, zwei Krücken, die man jetzt Gehhilfen nennt, ein Rezept für Thrombosespritzen, eine Krankschreibung, die sich endlich mal lohnte, und einen Abrechnungsschein für den Taxifahrer, der uns in der nächsten Zeit zwischen Wohnung und Klinik hin und her chauffieren würde. Zum Glück passierte der Fußbruch während der Arbeit, das ist preiswerter, als wenn man sich in der Freizeit verletzt. ...
Die anziehende, herausfordernde Wortlosigkeit der Tiere. Ulrike Draesner begibt sich in die Nachbarbereiche des Gedichts.
Februar 2012 | Tiere in Gedichten sind ein leidiges und herrliches Thema. Ich denke nicht an Rilkes Panther! Sondern an Gedichte, in denen Tiere selbst sehen, fühlen, sprechen. Nie werde ich vergessen, wie sehr mich Ted Hughes‘ Crow, ein Zyklus von fast 90 Gedichten, innerlich sprachlos ließ vor Aufregung, Staunen und Freude. Die Gedichte fassen das Leben Crows; sie erleuchten, was es heißt, ein Wesen vom Schlag „Krähe“ zu sein. ...
Wörtmüsikler - Wortklavier und Tagebuchstaben vom Bosporus 2
Der Winterwind rumpelt üngemütlüc in der Straße herum. Und treibt Schnee und Abfälle als gemeinsames Gestöber an Blanka Beiruts Fenster vorbei. Aber in der Wohnung ist alles still. Bis auf Tisch und Stuhl, die mit dem Heizer reden auf fünf und auf zwö. Aber wer soll das schon verstehen? Nur Piano kann das. Und will auch: Wörte und Töne und allerlei. Blanka knackt Tritonüsse von Poulenc, aber dann schreibt die Stille Bücher, und das ist praktisch. ...
Erinnerung an Hans Henny Jahnns "Fluß ohne Ufer" von Stefanie Golisch
28.01.2012 | Die Einsicht in fremde Schuld setzt im Wesentlichen zwei einander widerstrebende Reaktionsformen frei: zum Einen den Ruf nach Sühne und Vergeltung, zum Anderen den nach Vergebung und Gnade. Beide sind religiösen Ursprungs. Dominiert noch im Alten Testament die Vorstellung des zürnenden Gottes, so kommt mit Jesus Christus die Vergebung als universeller Wert in die Welt. Am Grund abendländischer Zivilisation stehen Härte und Milde. In der Vorstellung des Fegefeuers fallen beide zur wollüstigen Vision reinigender Bestrafung zusammen. ...
Aus Zeitblei. Grazer Erzählungen von Mechthild Curtius
Den Namen >Gsellmann< habe ich beim Herumfahren im oststeirischen Hügelland in Blockbuchstaben gelesen, senkrecht auf einem sehr hohen Fabrikschornstein, unerwartet, zwischen lauter Wäldern, Viehweiden und Weinbergen. Da ist mir Kameramann Ernst Möhles Empfehlung für die Grazreise eingefallen, unbedingt Gsellmanns Weltmaschine zu besichtigen. In einem kleinen Gehöft tief im Tal, wo es keiner erwarte. Er hatte als erster einen Fernsehfilm über die Erfindung des österreichischen Eigenbrötlers gemacht. ...
Wörtmüsikler - Wortklavier und Tagebuchstaben vom Bosporus 1
Blanka Beiruts Jahr hat feucht und nymphensittichgrau begonnen. Und mit dem Gefühl, dass Hier immer woanders ist. Und mit Dort zusammenwohnt.
Sie reist an die Boase.
So wird der Bosporus auf Türkisch genannt. ...
Die verbo(r)gene Stimme trifft Gedichte. Ulrike Draesner dehnt und biegt sich im Gedichtflusskabelrohr.
Januar 2012 | Jeder kennt sie, jeder hat sie erlebt – auf oder vor der Bühne, oder als Veranstalter zwischen allen Stühlen. Für eine schlechte Lesung gibt es viele Gründe, sie ist kein Naturereignis: fehlende Werbung im Vorfeld, fast kein Publikum oder eines mit vollkommen anderen Erwartungen, der Veranstalter führt einen Autor ein, der man nicht ist („aber Sie haben ja gar keine schwarzen Haare!“), Hotel verfloht (dankenswerterweise handelte es sich um Hundeflöhe, die freiwillig ...
Impressionen einer Reise nach Marrakesch von Charlotte Ueckert
Überall in den Zeitungen lese ich, wie modern Marrakesch geworden ist. Eine Stadt, die auf Augenhöhe mit europäischen Metropolen kommen möchte. Treffpunkt des Jet Sets, Austragungsort internationaler Konferenzen. Luxushotels, in denen eine Nacht ab tausend Euro aufwärts kostet. Hollywoodstars, die ihren Dritt- oder Viert- Wohnsitz kaufen. Traditionelles Kunsthandwerk, aber auch moderne Kunst auf der Höhe von Tate und Sotheby’s. Ein König, ...
"Eingefrorene Momente" - Mit Julia Mantel sprach Bernd Leukert.
Wer Gedichte schreibt, will etwas anderes, als mit Prosa zu erreichen ist. Gedichte bieten Möglichkeiten, die die anderen Entäußerungen nicht bieten.
Ich glaube, Dichtkunst ist Konzentration auf das Wesentliche. Prosa arbeitet mit Personen, entwickelt einen Handlungsstrang. Lyrik ist für mich eher wie eine Form eingefrorener Momente, man nimmt die Realität und skizziert sie. ...
Geschmackssache
Daß ich zu Weihnachten krank werde, entwickelt sich inzwischen zu einer Tradition. Mein Körper hat diesem Fest nichts mehr entgegenzusetzen. Jahrelang gab es einen erbitterten Kulturkampf mit meiner Mutter auszustehen, weil ...
Ein Hinterstirnfilm von Mechthild Curtius
Eine schmale Frau im Strickkostüm sitzt in der hintersten Reihe des Warteraums, der sich gegen zehn Uhr immer mehr füllt, mit Menschen und Stimmen vielsprachig, Alt und Jung, Hell und Dunkel. Dicht unter der Fensterreihe vor Bäumen und Regenfäden lauscht sie eher als dass sie schaut, Kopf wie ein Vogel vorgesteckt und leicht seitwärts gelegt, wendet sich zu mir, als ich mich neben sie setze. Sind Sie bald dran. Ist es schlimm? Hier meine Idiosynkrasie ...
Angenehme Pfade am Hang. Jochen Arlt im Gespräch mit dem Übersetzer und Lyrikverleger Rüdiger Fischer.
Von bislang rund 300 Autor/inn/en übertrug er zeitgenössische Gedichte vor allem aus dem Französischen. Hinzu kommen seit Mitte der 1980-er Jahre kaum zählbare Poeme aus dem Italienischen, Griechischen, Englischen. Selbstredend, dass der 69-jährige überdies deutsche Dichtkunst in steter Folge für französischsprachige Zeitschriften übersetzt. ...
Kolumne 44 / Blanka sucht den oder das Lux der Zeit und gerät an den Rand der Tagebuchstaben 2012
Morgens mittags abends Wörter und immer nur als Salat. Mag man’s? Blanka jedenfalls flieht ein Stündchen und sucht den oder das Lux der Zeit. Auf der kurzzeitig vereisten Fläche der Poesie. Mit Taschenlampe und Lupe bewaffnet geht sie vor die Tür und entdeckt eierrunde Hundeexkremente. Schneepfützen und Graues liegen daneben. Blanka schimpft mit dem Zufalle und stopft ihren Blick in eine Sternchendekoration. ...
Weihnachtskartoffelheld
Mein Freund A., der sich schon immer davor gefürchtet hat, in einer Kolumne von mir verwurstet zu werden, hatte mich letztes Jahr gefragt, ob ich am heiligen Abend gegen sechszehn, siebzehn Uhr schon etwas vor hätte. Ich könne mir zwanzig Euro verdienen, meinte er. Was sollte ich vorhaben, zu einer Zeit, da der Baum halbwegs gerade steht, die Geschenke fast alle eingewickelt sind, im Fernsehen „Drei Haselnüsse für Aschenputtel“ läuft, ...
Vogelchrist oder Die Revolution des Allahteilchens / 43/ tnen u arba*ein
Wer glaubt denn schon an den Urknall, wenn es das Gottteilchen gibt? Blanka Beirut jedenfalls nicht. An ihrer Tür steht eine Frau, die einen merkwürdigen Ring trägt, klobig oder üppig, überlegt Blanka angesichts des sektflaschenverschlussartigen Talmidiamanten. Klunkergeflunker. ...
"Weiß grüne Pfirsiche fallen" Hochzeitsreise nach Triest von Mechthild Curtius.
Im "Hotel di Teatro" beim alten Hafen von Triest haben wir vor zehn Jahren gewohnt und die Gassen bergab und bergauf abgesucht in dem Viertel, wo Italo Svevo gewohnt und James Joyce kennengelernt hat, der dort als Sprachlehrer lebte. Meterhoch sind die Hotelzimmer gewesen, Tanzsäle um ein quadratisches Bett, durchgelegen die Matratzen und voller graubrauner Flecken, das Doppelwaschbecken eine Meterspur nur. Nun sind die oberen Etagen zugenagelt, ...
FÜR DEN GEISTESGABENTISCH – Andreas Greve rät ab und zu
Zu Weihnachten darf man Bücher verschenken, die man selber nicht gelesen hat. Diese Erleichterung gilt leider nicht für den, der versprochen hat, sie zu besprechen. In diesem Fall waren und sind das drei Namen aus den Suchbereichen Theater, Satire und Legende. Die beiden ersten – Reza und Gsella – würde ich zwar sehr gerne empfehlen, allerdings nicht just die von mir zu besprechenden Bücher. Das kommt vor, gilt aber nicht für den dritten Fall, bei Benn. Hier gibt es ...
Weihnachtsenge und das tiefe C des dicken Pitter 42/ tnen u arba*ein
Ohne den Nymphensittich ist Blankas Tag liederlich aus Handlungsflicken zusammengesetzt. Oder Gedankenflicken. Die Nachrichten holen auch nur die letzten Tassen aus ihrem Schrank. Ist das wirklich richtig? Gegen die Rechten lässt sich nichts machen? Und ein Scheich mit Migrationshintergrund aus dem Morgenland fordert,...
Inspiration - ein in der Vorweihnachtszeit häufig benutztes, phathosverdächtiges Wort. Ein Geschenk aus Geschwindigkeit und Zeitlupe von Ulrike Draesner.
So geht es nicht. Es geht nicht. Ein Gedicht herzustellen wäre nicht so schwierig: „schreib doch mal ein Sonett“. Bitte sehr. Oder ein anderes Gebilde, das jedenfalls graphisch wie ein Gedicht aussieht. Das Handwerkliche beherrscht man, und doch bleibt das Produkt falsch: es wird nicht mehr als seine Form. Etwas läuft innerlich leer, zumindest für mich, ich würde diesem Gedicht selbst nicht glauben, kein Wort. ...
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