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Wir reden über Literatur
Eingekreist

Wahlverwandtschaft

Ich saß mit meinen Eltern zu Mittag in einem Landgasthof, deutsche Küche, da mußte unser Gespräch ja auf die AfD kommen. Wer hat eigentlich angefangen? Das weiß man bei den Israelis und Palästinensern auch nicht mehr. Aber zwei Dinge will man wirklich nicht von seinen Eltern wissen, was sie im Schlafzimmer tun und was sie in der Wahlkabine treiben. Und dann erfuhr ich von meinem Vater, der immer die Linke gewählt hat, daß er sein Kreuz nun bei der AfD gemacht habe. Da waren sie wieder, die berühmten Informationen, auf die man gern verzichtet hätte. Psst, zischte Mutter so scharf, wie sie ihr Essen nie würzen würde. Er solle bitte nicht so laut reden, es müsse doch nicht gleich jeder wissen.

An dieser Stelle wäre es besser, meine Kolumne zu beenden, damit ich nicht noch enterbt werde. Mir geht’s aber gar nicht um Vorwürfe. Jeder macht mal einen Fehler im Leben. Truman ließ die Atombombe werfen, Ulbricht die Mauer errichten und mein Vater hat AfD gewählt. Das kann passieren. Ich war übrigens mit siebzehn ein Rechter gewesen, immerhin eine Sache, die ich mit Günter Grass gemein habe. Klar, der Nobelpreis wäre mir natürlich lieber. Aber ich war halt ein Uwe Mundlos für Schwiegermütter, ein Kleinstadtnazi mit Vertretergesicht. Im Nachhinein kann ich nur heilfroh sein, daß ich viel zu brav war, um irgendwas wirklich Schlimmes anzustellen.

Vater säbelte durchs Fleisch, ein zartrosiger Blutsaft trat aus, da legte ich wie ein Stück Tofu meine Wahlentscheidung auf den Tisch: Die Grünen. Ich wußte, die Grünen sind ein rotes Tuch für Vater. Das Armageddon für die Verdauung. Die Grünen wollen ihm sein Auto wegnehmen und das Steak vom Teller. Er sage nur „Veggieday“. Dafür sei er Neunundachtzig nicht auf die Straße gegangen.  

Jahrelang habe ich auch die Linke gewählt, die Rächer der enteigneten Ossis. Jetzt trinke ich immer mal einen guten Wein und kaufe ab und zu die edleren Produkte im Bioladen, schon mußte mir meine katholische Freundin auf dem Weg ins Wahllokal gar nicht mal mehr mit Liebesentzug drohen, damit ich mein Kreuz bei den besserverdienenden Ökolinken mache. Vielleicht hätte ich meinem Vater erklären sollen, daß man die Grünen auch dann wählen darf, wenn man Fleisch in rauhen Mengen ißt, keine Gendergaps in Kolumnen verwendet und manchmal sexistische Werbeplakate anguckt, da sie ja nun schon mal aufgehängt worden sind. Man muß es doch keinem verraten. Als ich in der Kabine saß, hätte ich auch klammheimlich die Magdeburger Gartenpartei wählen können oder aus Versehen mit dem Kuli abrutschend die NPD oder sogar, wenn ich einen totalen geistigen Aussetzer gehabt hätte, die SPD. Denn seit ich von der SPD nur noch das Schlimmste erwarte, kann ich von ihr auch mal wieder positiv überrascht werden. Schließlich hat sie noch keine Arbeitslager für Hartzvierempfänger eingerichtet mit dem Münteferingmotto am Eingangstor „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. Gute alte SPD, denke ich, so schlimm, wie manche behaupten, bist du doch gar nicht. Aber nein, ich hatte die Grünen gewählt, ein Kompromiß wie angegammelter Feldsalat ohne Pestizide.

Ich fragte Vater, ob er denn wenigstens das Parteiprogramm der AfD gelesen habe, was dort alles für einen Quatsch drin steht. Gut, ich habs zwar auch nicht gelesen, ich hab sie aber auch nicht gewählt. Und daß ich die Grünen gewählt habe, ohne ihr Parteiprogramm gelesen zu haben, muß ich meinem Vater ja nicht unbedingt auf die Nase binden. Es geht schließlich um die rhetorische Lufthoheit über dem Mittagstisch.

„Nein“, sagte Vater, müsse er auch nicht, er habe sie nur aus Protest gewählt.

„Na dann ist ja alles gut. Nur aus Protest, und ich dachte schon, du wählst die, weil du deren Meinung bist. Die NSDAP wurde wahrscheinlich auch nur aus Protest gewählt.“

„Psst, psst“, zischte Mutter erneut, als würde sie eine undichte Stelle haben, aus dem Dampf entwich. Ich sah, wie es in meinem Vater pumpte, Blut schoß in seinen Kopf, das im Bauch bei der Verdauung seines Steaks jetzt sicher fehlte.

„Genau diese Art von in die Naziecke gestellt werden, läßt immer mehr Leute die AfD wählen. Man muß die Leute ernst nehmen“, sagte er, und nahm einen großen Schluck Rotwein.

„Aber ich nehme sie doch ernst“, sagte ich. „Sonst würde ich sie nicht mit Nazis vergleichen, sondern mit Fips Asmussen.“

„Paß auf Sohn, morgen ändere ich das Testament, das Flüchtlingshilfswerk kann es bestimmt besser brauchen.“

„Müßt ihr euch denn immer streiten, die Leute gucken schon“, rief Mutter über den Tisch, sodaß sich einige aufgefordert fühlten, nun tatsächlich zu uns herüber zu gucken.

„Vater, bevor das Erbe weg ist, würde ich noch einen Rotwein nehmen.“

„Herr Ober, für den Frechdachs da und mich bitte noch’n Wein“, sagte Vater.

Ich leerte mein Glas und dann begriff ich. Als Jugendlicher hast du Tauben vom Dach geschossen und nebenbei die Dachrinne des Nachbarn durchlöchert. Bist mit Neonazis durch die Kante gezogen und hast deine Eltern mit rechtem Schwachsinn genervt. Aber je älter sie werden, desto mehr kehren sich die Verhältnisse um. Jetzt mußt du aushalten, daß dein Vater AfD wählt. Du könntest ihn ausschimpfen, das hat bei dir aber auch nichts genützt. Doch sei gewiß, es geht vorüber. Irgendwann bringst du ihn ins Bett und liest ihm noch eine schöne Gute-Nacht-Kolumne vor. Und er lächelt dich an wie in einem dieser kitschigen Filme, in denen sich Vater und Sohn am Ende doch noch vertragen.

 

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