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Mirabilis Verlag, Arno Dahmer: Manchmal eine Stunde, da bist Du
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Mirabilis Verlag, Arno Dahmer: Manchmal eine Stunde, da bist Du
Kritik

You tell me, singing blackbird!

Die sieben Essays über Bergen-Belsen von Abel Herzberg sind wieder auf Englisch erhältlich
Hamburg

Amor Fati - das ist das lateinische Diktum vom Schicksal, dessen Widrigkeiten stoisch, „fatalistisch“ ertragen werden. Oder, in Umdeutung der eigenen Rolle, heroisch. Letzteres formulierte Nietzsche als "dionysisch zum Dasein stehen".

„Amor Fati“ ist auch der Titel eines Essays, der mit sechs weiteren Aufsätzen ab 1945 zunächst in "De Groene Amsterdammer" und 1946 in Buchform erschien. Sein Autor war Jude: (Abraham) Abel Herzberg hatte den Holocaust er- und überlebt, und seine Essays handeln von seinen Erfahrungen im KZ Bergen-Belsen.

Das Lager Bergen-Belsen im Kreis Celle, 1939 ursprünglich als Aufenthaltsort für Bauarbeiter eines Truppenübungsplatzes errichtet, diente nach Kriegsbeginn der Unterbringung von Kriegsgefangenen. Ab 1943 wurde es zusätzlich zum KZ umfunktioniert.

Mitte Januar 1944 gelangten auch Abel Herzberg und seine Frau Thea dorthin; ihr Weg vom niederländischen Durchgangslager Westerbork führte vermutlich in das s.g. "Sternlager" in Bergen-Belsen. Dort waren jüdische Häftlinge untergebracht, die man gegen deutsche Zivilinternierte im Ausland auszutauschen hoffte und deshalb von harter Arbeit freistellte. Ein solcher, fürs Frühjahr 1944 angekündigter Austausch fand allerdings dann doch nicht statt, und die Herzbergs wurden wieder ins "normale" Lager überführt. Zu diesem Zeitpunkt entschloss sich Abel Herzberg, ein Tagebuch zu führen. Seine Notate umfassen den Zeitraum vom 11. August 1944 bis 26. April 1946.

Entsprechend spiegeln sie die historischen, auch andernorts vielfach belegten Fakten von Bergen-Belsen. Josef Kramer ist als Lagerkommandanten erwähnt, ebenso auch das Mädchenorchester von Auschwitz, das das Durchgangslager Bergen-Belsen passierte; kurze Beschreibung findet das  Sonderlager einiger tausend „arischer“ polnischer Frauen, die, teils mit Kindern, auf einer Freifläche in Zelten untergebracht waren; geschildert sind die schikanösen Appelle; die enger werdenden Platzverhältnisse, als immer mehr „Evakuierungszüge“ mit Häftlingen aus frontnahen Lagern eintreffen und die sanitären wie Verpflegungs-Verhältnisse vollends zusammenbrechen.

Sehr eindrücklich liest sich die Passage zum s.g. „verlorenen Zug“, dem auch Herzberg selbst angehörte: Bei Heranrücken der britischen Truppen wurden zwischen dem 6. und 11. April 1945 drei Transporte nach Theresienstadt mit insgesamt mehreren tausend jüdischen Häftlingen zusammengestellt. Der letzte dieser völlig überfüllten Transporte kam nach 13-tägiger Fahrt beim brandenburgischen Tröbitz zu stehen. Die Rote Armee befreite die überlebenden Zuginsassen.

Wie ging Herzberg mit seinen Erlebnissen um, welcher Ton herrscht in diesen Texten, die ja so kurz darauf entstanden sein müssen?

Es sind reportagenhafte Momentaufnahmen und Reflexionen; Herzbergs Impetus ist eindeutig das Verstehenwollen auf Grundlage genauer Beobachtung. Dass seine Essays seinerzeit veröffentlicht wurden1, dürfte zum einen mit seiner für einen Überlebenden bemerkenswerten Distanzierungsfähigkeit zusammenhängen, zum anderen mit dem Publikationsorgan: "De groene Amsterdammer" gilt bis heute als intellektuelles, linksgerichtetes Blatt. Hätte Herzberg in Deutschland publizieren wollen, wäre er wie andere vermutlich mit fadenscheinigen Gründen wie Verweisen auf Papiermangel oder die schwere Verdaulichkeit der Texte fürs Publikum abgeschmettert worden.2

Darf man annehmen, dass Herzbergs so frühe Publikation zu den Geschehnissen im KZ die nachfolgenden „Lager“-Diskurse geprägt oder gar paradigmatisch beeinflusst hat?

Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Denn Herzbergs Buch war lange nur auf Niederländisch verfügbar, eine englische Version existierte (erst, aber immerhin) seit 1987 und jetzt erneut in gedruckter Form, die deutsche erschien 1997 und ist derzeit nur noch antiquarisch zu erwerben, die italienische kam 2004 und die hebräische 2005.

Gleichwohl lässt sich einiges über die „Lager“-Diskurse anhand des Kapitel über die weibliche KZ-Aufseherin ableiten. Bei Herzberg ist diese „blonde Irmy“ (übrigens nicht identisch mit der hingerichteten Irma Grese), als „bitch“ bezeichnet. Ihre Beschreibung erfolgt typologisierend. "Blonde Irmy" agiert ohne Reflektion und zutiefst mitleidslos, wie einige wenige Szenen verdeutlichen: Vernarrt in eines der jüdischen Lagerkinder, äußert sie: "Und wenn ihr alle ins Gas geht, den Kleinen hier rette ich!" Hat sie genug mit internierten Müttern geplaudert, wendet sie sich nahtlos wieder ihrer Aufsichtstätigkeit zu: "So, jetzt geh ich mal ein bisschen prügeln ins Frauenlager." Oder sie weint Tränen angesichts des Lagerelends: "Ach, ich kann euer Elend hier nicht mehr ertragen!" Doch darauf folgen keine Taten, das beklagenswürdige Geschick der Lagerinsassen zu erleichtern; die Klage gilt ihr selbst, denn ein solches Elend zu sehen ist Zumutung! Herzberg resümiert: "Irmy believes what she says. She is not even pretending, and that is the worst of all."

Jeder, der später gedrehte Dokumentar- oder Fiktion-Filme zum Holocaust gesehen oder Holocaust-Romane gelesen hat, kennt die Figur der gnadenlosen Lageraufseherin. Sie ist teils verbürgt durch die Biografien einiger Frauen; KZ-Verantwortliche dürften auch gezielt bestimmte Persönlichkeiten für diese Arbeit rekrutiert haben. Dennoch bleibt die leise Frage, ob solche Beschreibungen von Nazi-Funktionären die Realität in komplexer Gänze darstellen oder ob im Essenziellen des Versuchs, solche Menschen zu verstehen, ein Vorschub für Stilisierungen liegt, die ihrerseits seither in so gut wie allen späteren Romanen oder auch Filmen zum Holocaust aufgegriffen wurden – und so zu festen Diskursen geworden sind.3

Die Unmenschlichkeit ist das große Schatten werfende Thema aller Holocaust-Erinnerungen. Und die große Frage, wie Menschen angesichts ihrer die menschliche Würde behalten konnten, und zwar sowohl auf der Opfer- als auch auf der Täterseite.

Die Nazis jedenfalls, wie Irmy, blieben nicht Mensch. Herzberg hat kein Beispiel einer konturierten guten Persönlichkeit auf Täterseite. Deren Humanität ist kaum greifbar, allenfalls in Form eines vagen Raunens:  "Just occasionally, one might hear an ordinary soldier mutter: 'Junge, junge, das is doch ooch a Mensch.'"

Die Opfer aber, denen die Täter das Menschsein absprechen – wie können sie Menschen bleiben? Sinkt nicht die Ethik allgemein ab, wo das Fressen ums Überleben vor der Moral kommt? Hier liegen, bei Herzberg wie bei anderen, differenzierte Zeugnisse vor. So manches Opfer entschied sich zwecks minimaler Verbesserung der Konditionen für eine Existenz als „Kapo“;4 andere hielten in moralischen Grauzonen durch, weitere gaben sich und ihr Leben auf (die s.g. „Muselmänner“); einige behielten ihre Würde und ihren eigenen Sinn.

Ein Beispiel für Letztere ist der von Herzberg porträtierte Lehrer Labi aus Bengasi, dessen religiöse Vorschriften ihm den Verzehr von Pferdefleisch verboten. Er verzichtete auch dann darauf, als es im Lager nichts anderes Essbare gab. Angesichts der horrenden Versorgungslage eine heroische Leistung. Herzberg titelt den Aufsatz über Labi „Because of a sentence“. Und ein solcher Satz, eine solche Art (Glaubens-)Setzung wird zum Dreh- und Angelpunkt seiner Essays insgesamt. Denn in der Verweigerung des Genusses von Pferdefleisch liegt die Selbstbehauptung des Menschen und seiner Eigenmächtigkeit: Selbst unter Umständen größten Hungers behauptet er seine eigenen Maßstäbe und beugt sich nicht jenen, die ihm als Opfer andere auferlegen.

Das ist eine Umdeutung der Opferrolle – und zugleich die Umdeutung von 'schicksalergebener amor fati' zu 'sich des Schicksals ermächtigender amor fati'. Kurzum: Ein Jude im Holocaust wählt die Tendenz der Nietzscheanischen Deutung! In dieser Umdeutung der Opferrolle (ein durchaus nicht so seltener Überlebensmodus übrigens) sind die Opfer weitaus heldischer als die Täter, und also gehen hier die Nazis mit ihrem Schicksal unheldischer um als die vom Schicksal deutlich mehr herausgeforderten Opfer. Zugleich gerät Herzberg damit etwas in die Spurrillen gängiger Heldendarstellungen. Und diese Stilisierung hochmoralischer exzeptioneller Vorbilder wirkt ebenfalls bis in heutige Holocaust-Filme und -Romane.5

„Because of a sentence“ meint eine Überzeugung, eine eigene Ethik jenseits bloßer Instinkte. Ein weiteres Beispiel dafür ist bei Herzberg die von den Lagerinsassen selbst installierte Gerichtsbarkeit „Under the Linden“. Vor dieses (baumlose) Gericht wurden Häftlinge zitiert, die meist anderen etwas gestohlen hatten. Wer auf diese Weise straffällig wurde, hatte nach Herzberg oft schon aufgegeben – sich selbst und die Gemeinschaft. Die Folge: "the thieves of Bergen Belsen, they all died". Demoralisierung als Anfang vom Ende. Das Gericht löste sich nach einigen Sitzungen auf.

Warum also ist Ethik so wichtig?

Herzberg vermochte dies 1945/46 nur anzudeuten. 1977 bot Viktor Frankl in seinem Buch „... trotzdem Ja zum Leben sagen“ eine mögliche Ausführung dieses Diskurses: Der Mensch braucht Sinn-Setzung zum Leben und ist als zutiefst soziales Wesen dazu angelegt, Gemeinschaft zu tragen und von ihr getragen zu werden. Solange diese soziale Kohärenz noch vorhanden, solange die Kraft konkreter (Über-)Lebensmotivationen noch als sinnhafte Vision präsent ist, gilt Nietzsches: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Frankl beschwor sogar die Sinnhaftigkeit des Leidens, indem er „Leiden als Leistung“ deutete, als Aufgabe, die das Leben dem Menschen stellt und derer er sich als „würdig erweisen“ könne.

Herzberg sah dies 1945/46 weniger euphorisch. Zwar hoffte auch er auf etwas, das sich dem Animalischen im Menschen widersetzen könne – und zwar die bindende Kultur: „[Hitler] imagined that if man were to dig deep into his soul, he would encounter the heathen, his primeval father. But if a Jew were to dig deep into his soul, he would uncover a granite foundation of prophets, laws and standards.“ In dieser kulturellen Überlegenheit der Juden aber liege zugleich ihr Schicksal. Und dieses jüdische Schicksal sei unabwendbar,6 so Herzberg. „What are we left with?“ fragt er in seinem Schluss-Essay. Seine Antwort: „Amor fati“. Die Voraussage über das, was Menschen aus ihrem Geschick machen, stellte Herzberg lakonisch wie subtil skeptisch dem Symbol der Versuchung anheim: „You tell me, singing blackbird.“

  • 1. Ähnlich früh konnten nur wenige, darunter 1947 der italienische Schriftsteller Primo Levi, ihre KZ-Erfahrungen publizieren.
  • 2.

    Zum kontrastiven Vergleich: Nicht weniger leichte Inhalte erreichten mit den Landser-Heften seit 1957 eine Leserschaft von bis zu einer halben Million Menschen; allerdings kamen in dem darin verklärt geschilderten Kriegsalltag deutscher Soldaten weder die Verbrechen der Wehrmacht noch die Morde an Juden in den besetzten Gebieten zur Sprache. (Vgl. http://www.bpb.de/izpb/151963/verdraengung-und-erinnerung?p=all. / Abruf 24.11.2016).

    Und erst seit 1998 besteht in Deutschland mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen eine Stelle, die sich der Geschichte der ignorierten Holocaust-Literatur widmet und diese editorisch für die Allgemeinheit öffnet.

  • 3. Der holzschnittartige Prototyp hat das Zeug, zur einzigen Wahrheit zu werden. Dies wäre allerdings keineswegs Zeitzeugen wie Herzberg anzulasten, sondern spärlich informierten Rezipienten.
  • 4. Der italienische Schriftsteller Primo Levi betonte in der 1958 publizierten Überarbeitung seiner 1947 erstmalig erschienenen Auschwitz-Erlebnisse („Ist dies ein Mensch?“) die Notwendigkeit, ethische Grundsätze zugunsten des eigenen Überlebens zumindest temporär aufgeben zu müssen.
  • 5. Ein prominentes Beispiel wäre Jurek Beckers „Jakob der Lügner“.
  • 6. „Anhänglichkeit ans Lebenslos“ lautete bezeichnenderweise der niederländische Untertitel; "Schicksalstreue" jener der deutschen Übersetzung von 1997.
Abel Jakob Herzberg
Amor Fati
Seven Essays on Bergen-Belsen
Translated from the Dutch and annotated by Jack Santcross. With an epilogue by Thomas Rahe.
Wallstein
2016 · 104 Seiten · 9,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-1924-0

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