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dtv, Jan Schomburg, das Licht und die Geräusche
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dtv, Jan Schomburg, das Licht und die Geräusche
Kritik

Eigensinniger Querschnitt

Hamburg

Die 22. Ausgabe des poet ist ein gehöriger Speicher. Auf 211 Seiten gibt es profund und breit zu jeweils interessant selektierten Gebieten eine Menge Entdeckungen zu machen. Allerdings auch eine Menge Kontroversen zu überstehen; aber ok das.

Vier Sektionen (Geschichten, Gedichte, Gedichte kommentiert und Gespräche) liefern kompendiumsdick Lese- und Denkstoff. Neben poetenladen-Community Beiträgen findet sich auch ein großer Teil an neuen Stimmen im Heft. Da wäre zunächst die Geschichten-Sektion, die von Katharina Bendixen redaktionell betreut, Stimmen der Schweiz, versammelt von denen "zwar sämtliche in der Schweiz leben, drei von ihnen jedoch anderswo geboren wurden. Herkunft ist nichts weiter als ein Zufall, Heimat im besten Falle eine Entscheidung", so Bendixen. Als Highlight ist hier der Text der jungen Autorin Noemi Somalvico So auf Erden zu nennen. Trotz möglicher Verhedderung in ausgetretenem Terrain gelingt es ihr, eine Theophanie in sprachliche Frische zu tauchen, die völlig konsequent innerhalb absurder, komischer Spielregeln stattfindet.

"[...] Gott schaut einem Schwein auf seiner Erde zu, das mit geschlossenen Augen und genau wie er vorhin an einem Tisch, vor einem leeren Teller sitzt.

Man sollte keinem Melancholiker eine Erde hinterlassen.

Die Wesen, die darauf leben, werden nach seinem Ebenbild geschaffen sein. Man kann ja nicht anders. Man kommt ja nicht über die eigenen Gedanken, das eigene Bewusstsein hinaus, man steckt in sich selbst wie in einem dichtgerollten Teppich fest.

Das Schwein, sieht Gott, es weint.

[...]

Das Fenster steht offen, Frühling weht in die Küche hinein.

Gott schenkt sich ein Glas Wasser ein, man sieht sie ihm an, die Verlegenheit.

"Hat es hier so etwas wie eine Dusche?", fragt Dachs.

Gott springt auf.

"Natürlich. Ich hol dir grad ein Tuch, Moment –", Gottes Stimme verschwindet in einem der Zimmer, "am besten stell ich dir die Wassertemperatur ein. Duschst du eher kalt oder duschst du eher heiß?" Er legt eine Hand an den kalten Wasserhahn.

"Eher kalt", sagt Dachs und Gott dreht den Knauf.

[...]"

Die Texte schwanken zwischen Ausschnitt und abgeschlossenem Werk, wobei das jeweils nichts über die Qualität aussagt. Manche der AutorInnen beobachten, notieren wie Ilma Rakusa, andere wirken etwas bemüht bei der Durchkonstruktion einer Fabel und sind dabei nicht immer sicher im Formulieren. Dana Grigorcea gibt einer surrealen Idee in Marieta Raum; in ihrem Text wächst im Apartmenthaus eines schrulligen Paares ein Kirschbaum und wird beim Wachsen durchs Haus begleitet, eine gut komponierte, auch atmosphärisch überzeugende, klassische Kurzgeschichte. Märchenhaft und von jenseitigen Empfindungen durchzogen ist die Prosa von Regina Dürig (Hel) und dies in Teilen auch der Schlusstext von Barbara Schibli, Sirenen von Swansea, in dem die titelgebenden Sirenen seit dem Luftkrieg keine Ruhe geben und als akustisch-geisterhafte Wiedergänger Leid und Unrecht am Vergessen-werden hindern.

Im zweiten Teil der Geschichten werden Texte aus einem wenig bekannten Land der Literaturlandkarte bzw. einem überhaupt nur wenig bekannten Land, Äquatorialguinea, präsentiert. Zunächst mit einem kurzen Vorbericht, das den aktuellen Stand der Dinge und Repräsentanz der dortigen Literatur vorstellt. Obwohl klein, ist das Land Heimat sehr diverser Sprachen (u.a. aus der Kolonialzeit: Spanisch, Französisch, Portugiesisch und ursprünglich Fang, Bubi und Ambo) und sowohl Festlandterritorium als auch Inselstaat, interessant. Einer der auch international bekannten Autoren des Landes ist Donato Ndongo-Bidyogo, der seit den 70er Jahren erfolgreich publiziert. Er steuert die bereits 1973 entstandene Erzählung Traum bei, die das Schicksal der heute zu einer traurigen "Gewohnheit" gewordenen gescheiterten Meeresüberquerung hin zum Fluchtpunkt Europa vorwegnimmt. Der Text ist klar, strukturiert und hart. Es ist schwer zu sagen, was man 1973 zu so einem Text gesagt hat oder haben konnte – trotz aller durchscheinenden, fast argumentativen Simplifizierung der Fabel ist ein wesentliches Wirkmoment, gerade dass er 1973 verfasst wurde, sozusagen vorweg und eben nicht nachgeordnet auf ein drängendes Jetzt. Anbeigestellt ist ein Gedicht von Justo Bolekia Boleká, Die verschwiegenen Begierden eines Lebens, das eine der schwindenden Sprachen-/ Bevölkerungswelten des Landes, Bubi, rekonstruiert und lyrisch am Leben hält.

Es folgt die Gedichte-Sektion mit neuen Werkproben u.a. von Ron Winkler (Pfade 47-49), darin "[...] die Menschen schauen,/ um sich nicht zu schaden, in den Himmel". Andreas Altmann trägt einen eigenartigen Zyklus über Mystik und Natur/ Mensch Riten vor, eine interessante, düstere Vision: "[...] reglos steigen/ tiere ins boot und kreisen den see ein". Timo Berger bringt verkürzte, farbvolle Reisetweets aus Costa Rica in Mercado Central. Alexander Kappe in der Sammlung Taugenichts schreibt anziehende Verse wie diese "[...] vier Glühwürmchen/ in der Hand, trittst du hinaus – winkst/ alles zu dir, den Wald: "In späteren Tomographien/ werden diese Areale leuchten." Rückstände von Leuchtgetier [...]" (aus Taschenlampe), und "Paffend in einem alten Foto sitzen. Wildbeäugt träumen" (aus Umspannwerk). Einen absoluten Höhepunkt nicht nur der Gedichte-Sektion, sondern der ganzen Ausgabe, bringt Jörg Schieke mit dem aberwitzigen Poem-Ausschnitt Von einem, von dem man nie wieder etwas gehört hat. Das Langgedicht hat eine enorme Freiheit und ist gleichzeitig an Vielem geschult scheint's. Ein großer Wurf, über jenen Einen, der "mit seiner Andrea drei Kinder veröffentlicht hat":

"[...] Normalerweise

ergibt ein Wort, betreut ein Schweigen
das andere. Der Mann bog mit aller Kraft eine Büroklammer auf
und sagte zu seiner Frau: "Die Nasen- und Mundpartie
hat Katharina von mir, die stotternden blassen Fäustchen hingegen

sind eindeutig deine. Die vom Trotz gehobelte
Stirn mit der kantigen Abschlusskundgebung runter
zur Wange hat unser Heiner von dir, von mir
die dreißig Liegestütze am Morgen. Steffis Humor

ist elternunabhängig und einfach nur herrlich [...]"

"[...] So geschickt
war unsere Mom, dass sie beim Kraulen
noch nicht einmal ihren Breitkrempigen abnehmen musste. Stets
schwamm sie mit dem Herzen voran. Aber in der Mitte des Sees

stiegen Mom und Dad dann doch auf einen arbeits-
unwilligen, unparteiischen Reiher. In der ersten Kurve
über dem Apfelerntelager küssten sie sich [...]"

Lydia Daher und Warren Cragheads Kollaboration Kleine Satelliten ist in einem abschließenden Ausschnitt abgedruckt. Die Zeichnungen Cragheads beeindrucken maßgeblich, der Bleistift ist so ephemer eingesetzt, die Komposition fast dreidimensional, dass die Grafik aus Zeichnung und Dahers Text oszilliert, tanzt, zwischen den Lesbarkeiten. Sehr anregend, aber leider nicht richtig, d.h. gebührend, abgedruckt: Das Papier ist zu dünn und die Grafiken drücken sich rückseitig durch, sehr schade.

In der folgenden Sektion Gedichte kommentiert compilen die beiden "DJ"s Braun und Buselmeier weiterhin kundig Gedichte aus 50 Jahren, in dritter Folge des gelben Akrobaten. Man mag das gut finden, nicht gut finden, wie eben Kommentare so sind. Schön ist stets das gebündelte Assoziationsschreiben der beiden zu den Texten, man kann die Leidenschaft für Lyrik spüren, wie bei einer guten Vorlesung. Mit Sicherheit schwappt immer etwas über, ein Funke, ein Nachsickern. Das Gedächtnis für interessante Gedichte und Findlinge wird ohnehin gefüttert und der Korpus deutscher Lyrik aufmerksam durchforstet von den beiden, allerdings finden sich hier gerade nur Herren unter den Kommentierten. (Das sollte einfach nicht mehr blind passieren.) In der Tat zählen aber Ernst Steffen, besonders Rainer René Mueller, und Günter Herburger zu jenen zu wenig beachteten Lyrikern, deren output völlig zurecht von Braun-Buselmeier Wertschätzung erfährt. Zu Steffen ein berührender Satz von Buselmeier: "[...] jedenfalls war er müde geworden. Ende 1970 verunglückte er eines Nachts im Auto auf einer leeren Straße bei Baden-Baden tödlich. Für den Unfall gab es keine Zeugen." Georg Leß ist mit 1981er Geburtsjahr der jüngste unter den Kommentierten. Das ist ebenfalls nicht Stand der Repräsentation, aber soll hier nicht weiter diskutiert werden, POET 22 hat 7 ausgewählt für diese Folge und that's it.

Der Gespräche-Teil der Ausgabe ist der am kontroversesten ausstrahlende. An der Frage, was Philosophie und Literatur gemeinsam/ keinsam haben, entzünden sich die albernsten und seltsamsten Statements, auch und besonders von den Originalbeiträgern dieser Ausgabe. Sicherlich ist das legitim, Interviews, Gespräche, Meta-Meta-Meta und so weiter mitzugeben, aber es wirkt nach der eben durchaus anregenden Lektüre der meisten literarischen Texte wie ein mit eingepferchtes, unnötiges Beiwerk, das eher entzaubert, Entfernungen und Distanzen aufruft und Skurrilitäten von "Du musst"/ "Literatur muss!"-Akademismen antwort-neurotisch zur Schau trägt. Die Gespräche mit dem entspannten Rüdiger Safranksi und auch mit Peter Neumann und Heinz Helle sind noch die lesenswertesten, was Informationsgehalt und Position/ Selbstverortung angeht. Was ihnen allerdings sämtlich abgeht, ist, dass sie außer Platon und seiner mehrfach genannten Kunst, Dialoge zu schreiben, also mit literarischen Mitteln Philosophie zu transportieren, sowie Prousts Ideenreproduktion, völlig germanistozentrisch zu Werk gehen. Es fehlt beinahe jeglicher vertiefende Kommentar zu nichtdeutschen Traditionen der Disziplinenvermengung. Vielleicht ist das sowieso ein zu weites Feld, aber allein dass David Foster Wallace zunächst philosophische Werke verfasste (studienbedingt), bevor er einen "Genre(?)"-Wechsel vollzog, später wieder tauschte, hätte unbedingt hierhin gehört. (Nur als Beispiel, Peter Strasser, Rechtsphilosoph Graz: "ich konsultiere regelmäßig wenigstens zwei Literaturzeitschriften [...] nämlich die manuskripte und die lichtungen" ist schwierig mit seinen "Forderungen"/ Sichtweisen an/ auf Literatur insgesamt und global und so weiter zu verbinden, ohne dass sich heftiger Widerstand regt). Gut, was spricht gegen Kontroverse? Insofern gewollt: mission accomplished.

Insgesamt ist POET 22 eine große Kiste. Vieles darin absolut fantastisch, überzeugend. Wie erwähnt anderes,  eher stirnverrunzelnd. Man darf gespannt auf die 23 und neue Entdeckungen darin zu machen sein.

 

Andreas Heidtmann (Hg.)
poet 22 | literaturmagazin
poetenladen
2017 · 216 Seiten · 9,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-83-5

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