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Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
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Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
Kritik

Der Flow der Assoziationen

Mythische Sprachebenen treffen auf Alltagswahrnehmungen
Hamburg

Wohl selten hat es in letzter Zeit einen Gedichtbandtitel gegeben, der auf so geglückte Weise poetisches Programm, Vergangenheit und Gegenwart in einem einzigen Wort verschmelzen konnte wie dieser. „Sirenenpop“, das beinhaltet natürlich einerseits die Anspielung auf die „Odyssee“ von Homer: Der Gesang der Sirenen, der einst Odysseus dazu zwang, sich an den Mast seines Schiffes festzubinden und sich Wachs in die Ohren zu stopfen, um zu widerstehen.  Hätte er nachgegeben und wäre der Quelle der betörenden Stimmen nachgegangen, es wäre für ihn und die Schiffsbesatzung tödlich ausgegangen. Andererseits „Pop“, die Vokabel mit der eingebauten phonetischen Explosion. Sie steht im Gegensatz zur griechischen Mythologie für pure Gegenwart. Ein Kürzel, das sich mühelos an sämtliche Disziplinen künstlerischen Ausdrucks anhängen lässt – Pop-Art, Popmusik, Popliteratur – und dort zumeist Konnotationen wie Zugänglichkeit, Kommerzialität und eine gewisse offensive Lautstärke mitschwingen lässt. Allein der Klang des zusammengefügten Wortes „Sirenenpop“ vermittelt etwas Schwebendes und Schwelgendes.  Zugleich steht dieses Wort – wie bereits erwähnt –auch für die Programmatik des Dichters. Die Sirenen könnten als Symbol für die Besinnung auf formale Traditionen stehen, Dirk von Petersdorff bedient sich souverän der klassischen poetischen Mittel wie Versmaß, Rhythmus und Reim. Demgegenüber könnte Pop die Chiffre für Gegenwartsstoffe sein.  Geistesgegenwärtige Gedichte auf tradierten Versesfüßen, so lässt sich dieses durch den Titel auf den Punkt gebrachte Programm schlussendlich definieren.

Gleich zu Beginn des Bandes gibt es ein Kapitel, das unter der Überschrift „wie ein Strom, wie ein Schlaf, wie ein Gras“ 13 Gedichte fasst, allesamt zehnzeilig. Die ersten acht Verse kommen im A-B-A-B-Reimschema daher und werden von zwei Versen im Paarreim abgeschlossen. So strikt die formale Vorgabe, so locker hingestreut die Gegenwartsthemen dieser Gedichte: „In der WG-Zeit, nachts“ heißt eines davon, ein anderes „Nike-Air“, das ein Loblied auf die eigenen Laufschuhe singt. „Zurück im Job“ beschreibt die Rückkehr in die Arbeitsroutine nach der Elternzeit, „Hochhausbanden“ die Erinnerung an Jugendgangs  in einem Problemviertel Kiels und „Biobauernhof, Steiermark“ besingt das, was der Titel besagt. Ein besonders gelungenes Beispiel aus diesem Zyklus ist das Gedicht „Potsdam“.

Wir treffen uns, du bist der frisch Getrennte,
da blickt man auf den See und kaut Salat,
Spaghetti drehen sich wie Argumente,
ich seh dich noch vorm ersten Referat.
Zwei Kanufahrer, die das Wasser stechen,
natürlich kurvt ein Liebeskahn vorbei,
und überm Wasser hängen die Versprechen,
Geräusche, unverständlich für uns zwei,
die früher Bälle traumhaft in die Gassen,
nun zögernd Worte durch den Abend passen.

Natürlich könnte man die Wiederbegegnung zweier Freunde – einst begnadete Fußballer, heute von den ersten Verwerfungen des Lebens Gebeutelte – auch als sentimentales Sediment abtun. Es ist die Art, wie von Petersdorff die Stimmung einfängt, das Zögerliche, Verlegene im Gespräch, das Eingeständnis privaten Scheiterns, das den Reiz des Gedichtes ausmacht – und noch etwas: Bei aller Formstrenge, in der ja sonst das Angestrengte implizit mitschwingt, wirken diese Verse geradezu  mühelos, wie aus dem Handgelenk geschüttelt. Man muss nicht gleich die abgenutzte Formel „das Einfache ist das Schwerste“ zur Anwendung bringen, um die Petersdorff’sche Leichtigkeit zu würdigen. Diese Poesie kommt nicht mit geschwollenen Stirnadern daher und sie lässt sich auch ohne diese lesen.  Ein weiterer Aspekt ist die Vermischung verschiedener Sprachebenen: Mythische Sprachebenen treffen auf Alltagswahrnehmungen, zum Beispiel im titelgebenden Gedicht:

Ja sicher gab es sie, die Nymphen,
Bikinisilber an den Bächen,
ein Huschen, Flirren, Annabell,
und  kühles Glucksen war ihr Sprechen.

Auch Kirke haben wir gekannt,
von ihrer Ausziehcouch umrandet,
Ägäishitze in Hannover,
an jedem Freitag dort gestrandet.

Von griechischen Göttergestaden zum hannoverschen Puschengrün ist es bisweilen eben nur ein Katzen- bzw. Zeilensprung. Ähnlich geht es in der poetischen Schlossführung mit dem Titel „Sanssouci“  zu: „den Vormittag in Seidenkleidern,/ und es gibt keine Garantie,/ Kreuzbergmädchen, Kammerfräulein,/ ist alles eins, ist Sanssouci.//“ Da wundert es einen auch nicht, dass nur wenige Seiten vorher die Techno-Disco Berghain besungen wird. Die Vermischung von Mythologie mit heutigem Kult, von Modeaccessoires und Geisteswissenschaft, von Popmusik und Philosophie schafft den Reiz unvorhergesehener Verknüpfungen. Hinter jeder Versbiegung kann man unverhoffte Begegnungen und Entdeckungen machen, man darf sich ganz dem lockeren Flow der Assoziationen hingeben. Versmaß und Reim werden dabei nicht als störendes Korsett empfunden, im Gegenteil: Diese Stilmittel im Zusammenspiel mit den Inhalten machen Heine auf zeitgemäße Weise Beine, um es mal salopp zu sagen.

Im letzten Kapitel, einem Zyklus von Liebesgedichten mit dem erstklassigen Titel „Er, sie, 10 Schritte“, der eher an ein Liebesduell denn an ein Liebesduett gemahnt, sind die Verse dann von klassischer Formgebung weitgehend entbunden, auch der visuelle Eindruck dieser Gedichte entspricht eher lose geknüpften Maschen. Die Bilder sind allerdings umso dichter und eindrucksvoller, wie etwa in dem Gedicht, durch das ein Paar nebeneinander radelt: „Fahrradketten kreisen, Nervendrähte sirren,/ Atem pressen,/Lust wegpressen, Arme zerren am Lenker, beim Schalten Tritt/ ins Leere, ihre Jeanssäulen im Auf und Ab, sein Flatterballmagen – //“

Sind diese Gedichte mit all ihrer Zugänglichkeit denn nur leicht verdauliche Kost, poetisches Easy Listening sozusagen? Nein, sie sind aber raffiniert genug, dem Leser Einstiegsmöglichkeiten zu eröffnen. Die nötige Neugier, die Entdeckungslust und die Bereitschaft, sich auch mal geistig nach der Decke zu strecken, muss er schon selbst mitbringen.   

Dirk von Petersdorff
Sirenenpop
C.H. Beck
2014 · 89 Seiten · 16,95 Euro
ISBN:
978-3-406-66691-9

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