Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
x
Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
Kritik

Sie leiden unter Mücken? - Dann erschlagen Sie die mit dieser Lyrikausgabe!

Lektüre-Eindrücke zur 15. Ausgabe der Zeitschrift »Das Prinzip der sparsamsten Erklärung«
Hamburg

»Das Prinzip der sparsamsten Erklärung« widmet erstmals eine ganze Ausgabe der Dichtung. Beim Lesen habe ich darüber gegrübelt, wie wohl ein erfolgreicher Lyrik-Clickbait aussehen könnte. Eine Besonderheit dieser Literaturzeitschrift ist nämlich, dass es sich um ein Online-Magazin ohne Bezahlschranke handelt. Die Texte sind damit jeder und jedem frei zugänglich, können heruntergeladen, ausgedruckt und vervielfältigt werden. Ein segensreiches Format für Schmöker_innen. Das Äquivalent zur Kaufempfehlung, die ja oft versteckter Bestandteil von Rezensionen ist, wäre hier also der Klickköder. Wie ließe sich nach dem Prinzip der Sparsamkeit mit wenigen Zeilen genug Neugier generieren, dass lyrikferne Leser_innen ihre Nase spontan in ein paar Gedichte stecken? Vielleicht so?: »Cooler Trick! Sie leiden unter Mücken? - Dann erschlagen Sie die mit dieser Lyrikausgabe! Sie brauchen dazu bloß dem Link folgen und das PDF ausdrucken.«1

Bei der allerersten Sichtung der Ausgabe 15 fällt sofort eine wohltuende Stil- und Themenvielfalt auf. Neben rotzigen Poetryslam-Tönen und Politischem findet sich auch nachdenklich Sehnsüchtiges. Es gibt die poetische Momentskizze ebenso wie das an Sprachkritik ausgerichtete Gedicht. Auf formaler Ebene stehen Flattersatztexte neben gereimten, fragmentierten oder durchgestrichenen Strophen. Neben bekannteren Namen wie Martin Piekar und Jonis Hartmann sind mit Robert Wickmayer und Marcus Benjamin auch neue lyrische Stimmen vertreten. Die Redaktion hat Raum zum Ausprobieren gelassen. Lisa Forster bemerkt dazu in ihrer »failure notice« erfrischend lapidar und wahr: »Lyrik dient nicht nur der Traurigkeit / oder emotionaler Schaurigkeit.«

Nur beim Titel der aktuellen Ausgabe hätte die Redaktion vielleicht etwas einfallsreicher sein können.

Das Heft startet mit den politischen Texten »Zeitgedichte, Zeitparolen« von Andreas Reichelsdorfer, einem treuen Autor der Zeitschrift. Es scheint sich hier um Ausschnitte aus einem viel größeren Textkonvolut zu handeln. Der Ton schwankt zwischen energischer Gesellschafts- und Kapitalismuskritik und melancholischer Resignation. »Verführt uns mit Leistung./ Mit Schönheit./ Mit Sex/ für die Liebe.// LABELT alles,/ was uns trotzt:/eingeschlagene Auslagen,/ Prothesen, Vordenker.«

Politisch ist auch Manja Kuhls »Demon Crater«, eine wortspielreiche, muntere Assoziationskette zum Thema Demokratie: »Alles tot jetzt. Aristoteles. Plastikplankton. Platon. Rettet die Wale und stürzt das System!«

Das Gedicht »Füllung« von Susanne Ellen Darabas stellt deutsche Syntaxkrücken zu Strophen zusammen:

»(…) Denn,
hinlänglich
dessen ungeachtet,
hätte
dann und wann
vollends.

Fraglos gleichsam
hier und da
praktisch
unbeschreiblich. (…)«

Ein amüsanter Text. Die Auswahl der Worte erinnert ein bisschen an Loriots Parodie einer Bundestagsrede: »Politik bedeutet, und davon sollte man ausgehen, das ist doch, ohne darum herum zu reden, in Anbetracht der Situation, in der wir uns befinden.« - nur ohne die politische Pointe. »Nichtsdestotrotz«, »German in a nutshell« oder »Lesen, wenn man müde ist«, kamen mir als mögliche Alternativtitel in den Sinn. Es kommt mir überhaupt so vor, als habe Darabas hier von der deutschen Sprache ein Portrait anfertigen wollen und beim Zeichnen mit den Pickeln begonnen - und dann sah sie, dass es gut war.

Durchweg bedrückend ist die Lektüre von »Real Passion«. Markus Anton hat hier eine Art Date-Szene skizziert. Sie wird von den pessimistischen Gedanken und Reflexionen eines männlichen Sprechers kommentiert, der seine Gesprächspartnerin weder mag noch begehrt, sich aber trotzdem von ihr »ficken« lassen wird. Er ist geradezu pedantisch unromantisch.

»wirst du alt oder hast dus irgendwie geschafft alt zu werden unterscheidet dich nur noch die auswahl deiner kleidungsstücke vom penner an der nächsten strassenecke«

»Real Passion« steht dabei sowohl textintern für das Blutbouquet, das die Frau zu verströmen scheint (oder je nach Lesart auch Menstruationsmief), als auch außerhalb davon wie ein zynischer Meta-Kommentar über der ganzen trostlosen Begegnung. Er provoziert mit harten sprachlichen Mitteln die Frage: Was tun sich die Menschen bloß für Erinnerungen an? In einem anderen Text von Anton scheitert ein Dialog mit Jim Morrison. Ein Patient denkt darin über die Ästhetik des Sterbens nach, bleibt aber mit seinen Fragen an den verstorbenen Dichter und Sänger allein:

»die sonne wird heute nicht aufgehen was dann was dann morrison antwortet nicht und wenn der mond wieder funktioniert und wenn die sterne wieder funktionieren was dann was dann« 

Auch Petra Feigls Gedicht »Vogelperspektive« hat mich längere Zeit beschäftigt. Es beginnt mit einer klaren Meta-Ansage: »achtung!: onomatopoesie!:/ päng! päng! päng!«, geht über in elliptische Bildbeschreibungen: »eicheldetonationen auf plastifizierten/ vordächern. // blattgold belegte strassen.«, kehrt zurück zur Lautmalerei »achtung!: und nochmal ...:/ knack! knack! schmatz ..« und endet dann unvermittelt in dem unterstrichenen Satz »am abend wird sich frau h. wegen des unangetasteten katzenfutters sorgen.« – ein typischer Alexander-Kluge-Satz, erklärt mir ein Freund. Allein auf stilistischer Ebene durchläuft das Gedicht gleich vier Phasen: Dialog mit der Leser_in, Lautpoesie, Narration und Pseudo-Sachtext. Es ist also mit besten Wissen und Gewissen als das zu bezeichnen, was Max Bense Literatur nennt: »Sprache in einem unwahrscheinlichen Zustand«. Zugleich hat der letzte Satz so etwas verdächtig Spitzbübisches. Er markiert das Gedicht als Tatort, die Leser_in wird zur Detektiv_in, sodass rückwärtsgelesen die anderen Teile die Geschichte eines möglichen Katzenmordes erzählen, und plötzlich gibt der Titel Auskunft über den Tatverdächtigen! Ein richtiger Hitchcock!

Ein paar Gedichte der 15. Ausgabe widmen sich explizit bestimmten Gegenständen. Jonis Hartmanns Dialoggedicht thematisiert einen schlecht geträumten Turban, Martin Piekars Text ergeht sich in einer wilden Fernseherbeschimpfung und Robert Wickmayers Gedicht gedenkt einer Königstatue aus Erz. Dort, wo die Beschäftigung mit dem männlichen Denkmal besonders konkret wird, rutschen seine Strophen sogar in adonische Verse mit Auftakt2 hinein:

»Ich stahl seinen Namen
ich schloss ihm die Augen,
ich wusch ihm den Schoss,
ich küsste sein Zahnfleisch«

Michael Dietrichs fünfstrophiges, surrealistisch anmutendes »Gerippe« beginnt mit regelmäßigen Alexandrinern, doch wird dieses Versmaß schon nach Kurzem aufgesprengt. Je hastiger und verwirrter der Beobachter, desto unregelmäßiger die Verse – trotz des konstanten Kreuzreims. Eine schöne Steigerung.

»Durch dunkelgrauen Sturm, die Haut von Wind geschlagen,/ in überschwemmten Straßen, hastig umherirrender Sturz,/ die Glieder angespannt, doch von Dankbarkeit getragen,/ schaue ich herab auf sie, aber, ich traue mich nur kurz.//«

Schmunzeln musste ich bei Raoul Eiseles Text »Roter Faden«, der bis auf das letzte Wörtchen »cut« komplett durchgestrichen ist. Damit sind zugleich alle Wörter verbunden, als wären sie zusammengenäht. Der Strich erinnert optisch an einen Faden. Ein visueller Kalauer also. Durchgestrichen sind Zeilen wie diese:

»schält sich dein körper unter löschblättern // aus dem kostüm // deiner augenübersetzenden leinen – fehlt den wörtern // unsre syntax // die einförmigkeit // die ihren brüchigen bogen stemmt«

Auch Elias Kreuzmairs »Buße« arbeitet mit Durchstreichungen, sodass drei Lektüremöglichkeiten entstehen (alles lesen; nur das Stehengebliebene; nur das Durchgestrichene). Auf den ersten Blick klingt das Gedicht nach Entschuldigungen eines ertappten Schönheitsvoyeurs:

»Entschuldig‘e,                      Verzeih,
dass ich dich so mustre
Es ist
als müsst ich
jede Sprosse mir einprägen
die damals der Sommer
die damals der Frühling
der Herbst mir gebar  
mir einbrannte.
(…)«

Die Durchstreichungen erzeugen ein schriftliches Stottern, das bei dieser Lesart als Liebesdyslalie gedeutet werden könnte. Doch irgendetwas passt da nicht hinein. Irgendetwas grätscht. Es ist die seltsame Formulierung »mir etwas einprägen müssen, das sich mir eingebrannt hat«. Beim zweiten Lesen also der Verdacht, es gäbe gar keine andere Person, sondern da schaut jemand in einen Spiegel. Der Text thematisiert die Sprossen in diesem Fall als outgesourctes Sommergedächtnis, als optische und physische Eselsbrücke und Merkhilfe. Da sie verblasst, muss sie auf andere Weise verinnerlicht werden. Der Adressat der Anrede wäre in diesem Fall der Körper, das Ich die geistige Entität. Das Gedicht ergäbe dann Sinn vor dem Hintergrund einer Ich-Spaltung.

»In diesem Frühjahr
gehe ich
über Stimmen meiner Kindheit.
In den Gebüschen wuchert Giersch,
und Mutter ruft nicht mehr
zum Essen.
Eines Nachts löste der Regen
meine Träume.
Jetzt schwimmen sie in Lachen
hinter dem Tor.
Manchmal kehre ich zurück
und sammle sie in Eimern,
trage alles zum Meer.«

Wunderbar, ein weiteres Exemplar für meine Giersch-Gedicht-Sammlung!, freute ich mich bei Sigune Schnabels Text »In diesem Frühjahr« (vgl. Jan Wagner3: »die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch wie ein tyrannentraum«). Mir gefiel hier das Bild mit den Träumen. Trotzdem beschlich mich ein Verdacht, der sich beim Lesen des zweiten Gedichts und weiterer online recherchierter (in denen ebenfalls viel vergangene Kindheit und Träume Thema sind) bestätigte: dass Schnabels Texte eigentlich immer mit Melancholie kokettieren. Dieses Suhlen im Blues… Es ist ja ein typisches Lyrik-Phänomen, dass diese Stimmung instinktiv bei vielen Poet_innen als Grund und Impuls, ein Gedicht zu schreiben und dann automatisch auch als Thema aufgegriffen wird.4 Das kann auf Dauer redundant werden.

Ähnlich vergangenheitszugewandt ist auch die poetische Momentskizze »Erst gestern« von Marcus Benjamin. Die Begegnung zweier Menschen mündet in dem melancholischen Resümee:

»In den Büschen, schon Herbst
Die Unschuld bleibt
ins Gras gelegt zurück.«

So ist in dieser Lyrikausgabe ein breites Spektrum zu finden. In den Hinweisen zur Manuskripteinsendung der Zeitschrift steht allerdings unter dem Punkt »Was veröffentlichen wir nicht?« nach wie vor Folgendes:

»Da uns jede Menge Lyrikeinsendungen erreichen – wir sind ein Magazin für Prosa und Essayistik. Lyrik ist wunderbar, aber nicht unser Zuständigkeitsbereich. Dafür gibt es viele unglaublich gute Formate, wie z.B. Fixpoetry (…)«5

Die Redaktion scheint für die 15. Ausgabe also eine unverhoffte Ausnahme gemacht zu haben. Ich stelle mir gern vor, dass es an der Menge der Lyrikeinsendungen lag und der virtuelle Staudamm einfach eingebrochen ist. Das hieße nämlich, dass Gedichte etwas verändern können! Und seien es auch nur die Regeln einer Literaturzeitschrift. Man kann der Redaktion hier also mit bestem Gewissen nur wünschen, dass sie weiterhin von Gedichteinsendungen überflutet wird. Dann entsteht vielleicht eine weitere lesenswerte Lyrikausgabe!

Redaktion: Fabian Bross, Lisa Forster, Lisa Hönig, Elias Kreuzmair, Markus Michalek, Philip Pfaller
Texte: Andreas Reichelsdorfer / Jonis Hartmann / Markus Anton / Petra Feigl / Martin Piekar / Sigune Schnabel / Susanne Ellen Darabas / Elias Kreuzmair / Manja Kuhn / Marcus Benjamin / Robert Wickmayer / Michael Dietrich / Raoul Eisele

  • 1. Zum Glück geht es bei Lyrikkritik dann aber doch nicht um bloße Überlistung der Leser_in.
  • 2. Man kann alternativ auch von zwei Amphibrachien sprechen. Welche Variante mehr Sinn ergibt, mag die Leser_in vielleicht selbst entscheiden
  • 3. Siehe: http://www.zeit.de/2011/11/Gedicht-1/seite-3
  • 4. Vgl. Ann Cotten, »Etwas mehr«: http://www.lyrikkritik.de/Cotten%20-%20Etwas%20mehr.html
  • 5. Tatsächlich gab es genau zwei Dinge, die »Das Prinzip der sparsamsten Erklärung« bisher partout nicht veröffentlichen wollte: Lyrik und »Nazischeiße, rassistische oder rechtskonservative Inhalte«. Das nenne ich Prioritäten! Die Redaktion wird es mir hoffentlich nicht übel nehmen, wenn ich diese sehr knappe Auflistung von NoGos zukünftig immer dann als Bonmot anbringe, wenn ich in eine Debatte um den Stand der Lyrik verwickelt werde…
Fabian Bross (Hg.)
Das Prinzip der sparsamsten Erklärung. Lyrikausgabe #15
parsimonie.de
2017 · 0,00 Euro
ISBN:
2194-1505

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge