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dtv, Jan Schomburg, das Licht und die Geräusche
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dtv, Jan Schomburg, das Licht und die Geräusche
Kritik

„Du sollst ja nicht weinen,/sagt eine Musik”

Hamburg

Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag von Hans Höller und Arturo Larcati ist ein Glücksfall: Zwei Germanisten erzählen die Geschichte von »Böhmen liegt am Meer« und präsentieren den Kontext in der Edition der Texte, zu denen Böhmen liegt am Meer gehören hätte sollen, womit, wer nicht intensiv in diese Frage vertieft war, kaum rechnen konnte. Neue Bachmann-Texte also, und zwar denn auch solche, die das Glück gefunden zu haben scheinen, in einem Einklang von Sein und Grund, wie mit Wandruszka eingangs gesagt wird, worum dieser neue Zyklus von sieben Gedichten sich dreht. Hoffnungslos und tröstend:

„Nichts mehr wird kommen.”

Immerhin, während das so stehenbleibt, ist ein Trost in der Musik, vielleicht sogar jener des Satzes selbst:

„Du sollst ja nicht weinen,
sagt eine Musik.

Sonst
sagt
niemand
etwas.”

Klingt das noch fast wie Celan, dieses Verstummen im Unbezeugten, dieses Sprechen und Sich-Sprechen ins Nichts, so hat konjunktivisch Ingeborg Bachmann doch eine Sprache und eine Heimat,

„böhmisch klingt es,
als wäre ich wieder zuhause”…

Im Zentrum dann der berühmte Text, der nach Shakespeare Böhmen ans Meer disloziert, wo „Illyrer, Veroneser/und Venezianer” seien. Ende? – Anfang.

„Wer den Ausgang erreicht, hat nicht den Tod,
sondern den Tag im Herzen.”

Man müßte die Texte, wie der Leser längst ahnt, insgesamt kennen, sie lesen und wieder lesen, um zu ahnen, was sich da auftut, nein, man muß es, diese sieben Gedichte schon rechtfertigen den Kauf des Bandes, worin an die Gedichte, den Winterreise-Zyklus, der Kommentar schließt: zu Überlieferung, zu Bedeutung, zu jenem deutlichen Verlauf, ein „krankes Ich bricht auf, um Station für Station von der als Katastrophe erlebten Vergangenheit loszukommen und Heilung zu finden.”

Aufbrechen, das muß auch diese Welt … „einen Spaltbreit Durchlaß/gewährend”, so Bachmann, man könnte auch an Leonard Cohens Anthem denken:

„There is a crack, a crack in everything
That’s how the light gets in."

 

 

Verlust, Selbstverlust, „Beobachtungsmaterial für den Schriftsteller, der ihr Lebensgefährte war”, zu sein, eine „persönliche Kränkung” von „gesellschaftskritische(r) Dimension”, aber dann Befreiung des Selbst und vielleicht auch vom, zumal: verfügten, Selbst… Und die Herausgeber schildern es kenntnisreich und akkurat – und mit Einfühlungsvermögen. Ebenso die Heimatsuche: „Orte, die Heimat sein könnten”, wenn überall die „anonymen Ortschaften der Shoah zu finden” sind.

Und auch die Entstehung der Texte wird skizziert, der Versuch, das, was „unverloren”  sein könnte, in gerade diesen Gedichten zu finden – wobei der Verweis auf Celan unübersehbar ist. Man müsse das Unverlorene „unter einem Ritual wieder lebendig machen”, so dann die Dichterin; und sie tut es, „antisentimental und klar”, wie Thomas Bernhard sagte, dessen Auslöschung, wo sich das Zitat findet, einer der Herausgeber dieses wunderbaren Bandes, nämlich Höller, übrigens auch noch ediert hat.

All diesen Spuren gehen die Herausgeber nach, ohne sich zu verlieren, ohne eine Univozität vorzugaukeln, ein Balanceakt, wunderbar gelungen. Man muß die edierten Texte wie gesagt insgesamt kennen, sie lesen und wieder lesen, aber auch die Kommentare und Interpretamente tragen dann dazu bei, zu sehen, wie dringlich ist, was da geborgen wurde.

Pflichtlektüre!

Hans Höller (Hg.) · Arturo Larcati (Hg.)
Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag
DIE GESCHICHTE VON "BÖHMEN LIEGT AM MEER"
Piper Verlag
2016 · 176 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-492-05809-4

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