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dtv, Jan Schomburg, das Licht und die Geräusche
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dtv, Jan Schomburg, das Licht und die Geräusche
Kritik

sei mir nicht bös, ich bins ja

Hamburg

Keine kann so schön bitten wie Marina Zwetajewa. Keine ist so maßlos in der Verschwendung von Gefühl und keine Dichterin zuvor und danach hat jemals mit vergleichbarer Sprachgewalt – wobei Wucht das passendere Wort wäre – den Dichter-Kollegen ihrer Zeit so gehörig den Kopf verdreht. Kokettierend, aber stets auf Augenhöhe, lotet sie mit Rilke, Mandelstam oder Pasternak die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des lyrischen (und vor allem auch postalischen) Sprechens aus, verwebt derart kunstvoll das eine in das andere, dass selbst die Briefe schon Dichtung sind.

Meine liebste Form des Umgangs ist eine unirdische: der Traum: träumen. Und die zweitliebste – der Briefwechsel. Der Brief als eine Form unirdischen Umgangs ist weniger vollkommen als der Traum, doch die Gesetze sind die gleichen. Weder das eine noch das andere geschieht auf Geheiß: wir träumen und schreiben nicht, wenn wir wollen, sondern wenn der Brief geschrieben, der Traum geträumt werden will.

Nicht von ungefähr werden hier Brief und Traum miteinander verglichen. Der Brief ist für Marina ebenso wie der Traum ein Ort der „Entrückung“ und die sprachliche und emotionale Intensität, die Marina Zwetajewa so dringlich sucht und immer weiter zu überbieten trachtet, gelingen ihr da am besten, wo der andere nach Möglichkeit ganz weit entfernt, räumlich oder zeitlich entrückt ist. Dies ist das große Paradox ihres Schreibens: dass die größte Nähe und Seelenverwandtschaft, die größte Selbstentblößung und die ersehnte Vereinigung mit dem Anderen, nur mit dem Allerfernsten oder – wie im Fall Rilke – mit einem, dem sie persönlich nie begegnet ist und auch niemals persönlich begegnen wird. Und zugleich begegnen wir hier jenem alten allzu menschlichen Phänomen, dass je unerreichbarer ein Ziel uns erscheint, umso größer unsere Sehnsucht danach wird. Und desto unermesslicher Marinas Sehnsucht, umso höher schwingt sich ihr lyrischer Ton hinauf, als quasi conditio ihres Schaffens. Die im realen Leben unmöglichen Vereinigungen werden in der Lyrik umso heftiger heraufbeschworen und hemmungslos zelebriert.

Liebe lebt von Worten und stirbt an Thaten, schreibt sie an den schon bereits schwer an Leukämie erkrankten Rilke. Was sie zuvor mit Osip Mandelstam und fast zwei Jahrzehnte lang mit Boris Pasternak geübt hat, erreicht seinen eindrucksvollen Höhepunkt in ihrem Briefwechsel mit ihm. Das sind keine Briefe mehr, sondern Zeugnisse ausgereifter und sich ihrer Mittel und Wirkung voll und ganz bewusster Dichtkunst. (Zudem beherrscht Marina Zwetajewas die deutsche Sprache ebenso beneidenswert gut wie die russische):

Rainer, ich will zu Dir auch der neuen mich wegen, der, die nur mit Dir, in Dir entstehen kann. Und dann, Rainer (…) – sei mir nicht bös, ich bins ja, ich will mit dir schlafen – einschlafen und schlafen. (…) Einfach – schlafen. Und weiter nichts. Nein, noch: den Kopf in deine linke Schulter eingraben, den Arm um deine rechte – und weiter nichts. Nein, noch: und bis in den tiefsten Schalf wissen, dass Du’s bist. Und noch: wie dein Herz klingt. Und – Herz küssen.

und Rilke antwortet:

Ja und Ja und Ja, Marina, alle Ja zu was du willst und bist, so groß zusammen, wie das Ja zum Leben selbst…: aber in dem sind ja auch alle die zehntausend Nein, die unvorhersehbaren.

Wozu dient das Gespräch mit dem Anderen noch? [D]er neuen mich wegen, der, die nur mit Dir, in Dir entstehen kann.  Das Gespräch mit dem Anderen ist für Marina Zwetajewa also unablässig zur Identitätskonstitution. Gar nicht einmal im Sinne einer Selbstfindung, sondern einer immer neuen Selbsterfindung, der Selbsterprobung im lyrischen Sprechen. Und auch der Erforschung des alten Rätsels, oder auch Wunders, dass wir mit wechselndem Gesprächspartner immer ein ganz anderer, eine ganz andere sind…

Das Gespräch mit Rilke spornt Zwetajewa zu lyrischen Höchstleistungen an. Hier finden wir keine gewöhnlichen Sterblichen mehr vor, die sich hier miteinander austauschen, hier finden wir zwei Olympier auf der Höhe ihrer Kunst, die sich schreibend über den Tod und das Irdische hinweg geschwungen, ober besser hinaufgeschwungen haben. Und eben das soll die Sprache auch Vermögen: den Tod überwinden und Kraft ihres magischen Amtes – oder auch Atems – das Gespräch selbst mit den Verstorbenen (konkret und eindrucksvoll in Marina Zwetajewas Neujahrsbrief mit dem gerade verstorbenen Rilke) ermöglichen, indem es Brücken zwischen den verschiedenen Welten spannt.

Dieselbe Magie vollzieht die Leonce und Lena-Preisträgerin Katarina Schultens, wenn sie in ihrer in diesem Sommer in der schönen Reihe Zwiesprachen im Wunderhornverlag veröffentlichten Rede vom 25. Januar 2016 (gehalten im Lyrik Kabinett München) eine Annäherung an diese so unerbittliche und konsequente Dichterin und ihren beiden Poeme, (dem Neujahrsbrief an Rilke und dem Poem vom Ende an den ehemaligen Geliebten Rodzewitsch) versucht. Die Frage nämlich, wie man sich einer solchen Naturgewalt, wie Marina Zwetajewa es ist, annähern kann, geht Katharina Schultens ganz persönlich an, indem sie Anknüpfungspunkte an und Verwandtschaften mit der ihr Vorangegangenen sucht. Indem sie sich gleich ihr nicht schont, sondern entblößt und ganz und gar verletzlich macht. Sich in ihrem Sprechen nicht verbirgt, sondern sichtbar wird.

Es ist eine unglückliche Liebesgeschichte, die die junge Dichterin mit dem Schreiben und Schicksal, der so früh durch eigene Hand aus dem Leben gegangenen russischen Dichterin verwebt, denn sie liest die beiden Poeme in der Übersetzung desjenigen, der sich am Grund meiner Verzweiflung von mir abgewendet hat und den sie an anderer Stelle den Übersetzer, den ich so liebte nennt. Die Auseinandersetzung mit der Zwetajewa wird so einerseits zum Zeugnis der Geschichte des eigenen Schreibens, aber auch zur Erprobung der eigenen Poetik.

Beiden Dichterinnen ist die bedingungslose Selbstoffenbarung in der Dichtung gemein. Für beide gehört alles in die Lyrik. Nichts und niemand wird ausgespart vor allem nicht das allerpersönlichste:

Ich bin sechsundzwanzig, ich arbeite 80 Stunden in der Woche in einem Beruf, für den ich ungeeignet bin – weil er mir Härte abverlangt, die ich gerade jetzt nicht habe, von der aber alle ausgehen und sie mir unermüdlich und unkorrigierbar zusprechen. Ich wiege 51 Kilo, ich esse fast nicht, ich fahre um drei Uhr morgens mit dem Taxi nachhause und es kommt dasselbe Taxi drei Stunden später und holt mich ab zur Arbeit, mit noch nassem Haar.

Was Katharina Schultens in ihrer Rede vorstellt und verficht, ist ein Konzept von Dichtung in dem schonungslos alles zum Material wird; auch das eigene Leben und die einen umgebenden Menschen. Die Bilder, die der Dichter, die Dichterin sich dabei von ihnen machen, müssen dabei gar nicht unbedingt mit der sogenannten Wirklichkeit übereinstimmen, lassen aber gerade dadurch sichtbar werden, was in der Wirklichkeit vielleicht nur angedeutet, aber noch nicht manifest ist. Die Wahrheit und Wirklichkeit hinter dem Scheinbaren. (Ich male nicht ab, ich mache sichtbar, sagte z.B. Paul Klee über seine Bilder.)

So nimmt auch die Episode nicht Wunder, in der Marina Zwetajewa zum ersten Mal einen Freund im Tageslicht sieht und erstaunt feststellt:

dass sein Haar nicht (wie sie gedacht hatte) schwarz, sondern hellblond war. [Er] war über ihren Irrtum amüsiert und sagte: „Marina Iwanowna, ich fürchte…daß Sie auch alles übrige an mir auf Ihre Weise gesehen haben. Meine ganze Person und nicht nur das Haar.

Das in ihrer Rede vertretene Konzept von Dichtung als etwas Gelebtem, bzw. zu jedem Preis dem Leben Abgerungenen, bringt Katharina Schultens selbst am eindrücklichsten auf den Punkt:

Es braucht eine ganz bestimmte Art von Gnadenlosigkeit sich selbst und anderen gegenüber, um das eigene und das fremde vermeintliche Leben derart als Material umzuformen. Es braucht ein Konzept von Dichtung das eng, vielleicht zu eng vernäht ist mit dem eigenen sogenannten Leben.

Folgerichtig schließt die Rede mit der offengelassenen Frage der Autorin,

wie gnadenlos ich in der Poesie sein kann, sein darf, wenn ich im Leben nicht halte, was ich schreibe; wenn ich nicht beides vernähe, so eng, wie es geht.

Ein eindrückliches Zeugnis dieser geforderten Vernähung und einer Poesie und einer Dichterin, die sich nicht schont, sondern aussetzt, legt Katharina Schultens mit dieser Rede vor. Chapeau!

Katharina Schultens · Ursula Haeusgen (Hg.) · Holger Pils (Hg.)
So oder so, an der Naht entlang. Zu Marina Zwetajewa
Wunderhorn
2016 · 32 Seiten · 15,80 Euro
ISBN:
978-3-88423-542-3

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