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Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
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Kritik

Bessere Zeiten

Hamburg

Tiefenschärfe und Richtungswechsel

Im letzten und gleichzeitig titelgebenden Gedicht des schmalen, sowohl optisch als auch inhaltlich schönen Gedichtbandes „La Foto“, geht es um ein „Foto aus besseren Zeiten. Wir beide in einem Park in einem anderen Land. Das Foto, auf dem sie auf ewig nicht ihn, der sie umarmt, anblickt, sondern den Unbekannten, der es schoss.“

Kurz, ein Gedicht, das nahezu alle Stichpunkte für eine Besprechung beinhaltet.

Die besseren Zeiten

Möglicherweise hat es sie nie gegeben, die besseren Zeiten für Lyrik, oder aber wir befinden uns gerade in genau dieser Zeit. In der, neben den mittlerweile schon fast renommierten Verlage wie zum Beispiel Kookbooks und SuKuLTur, kleine Nischenverlage, wie der 2008 gegründete Hochroth Verlag, es sich zur Aufgabe gemacht haben, der Lyrik einen Überlebensraum fern ab der großen Verlage, die nach und nach ihre Lyrikreihen einstellen, zu verschaffen. Der Hochroth Verlag sieht sich als Modellprojekt zur alternativen Verlagsszene. Statt Lyrik über das Internet verfügbar zu machen, setzt Hochroth weiter auf „Bücher zum Anfassen“ und beschreitet dabei neue Produktions- und Vertriebswege. Überaus gelungen, besonders was die Gestaltung betrifft. In diesem Fall mit einer nicht nur schönen, sondern darüber hinaus überaus stimmigen Grafik von Uwe Meier-Weitmar.

Ein anderes Land

Auf diese Weise und dank Timo Berger als Übersetzer, werden dem Leser so die Gedichte von Luis Chaves zugänglich gemacht, einem der, wie es im Klappentext heißt, „bekanntesten Dichter der Gegenwartslyrik in Costa Rica.“

Timo Berger lebt als freier Autor, Journalist und Übersetzer in Berlin. Als Mitbegründer der Latinale ist Lateinamerika sein Schwerpunkt. Ich habe ihn selbst gerade kürzlich entdeckt, als auf fixpoetry als Gedicht des Tages seine Übersetzung eines fantastischen Fußballgedichtes von Washington Cucurto erschienen ist.

Die Perspektive

Die Gedichte und Kurzprosastücke in La Foto handeln nicht zuletzt vom bereits eingangs zitierten letzten Satz im Gedicht „La Foto“ „Das Foto, auf dem sie auf ewig nicht ihn, der sie umarmt, anblickt, sondern den Unbekannten, der es schoss.“

Ich mag es sehr, dass Timo Berger das „tomó“ des Originals mit „schoss“ übersetzt hat, und nicht mit dem, immerhin auch möglichen, „machte“. So eröffnet sich ein anderer Gefühls- und Wirklichkeitsrahmen, der mit der Gewalt des unabänderlich auf den Unbekannten, statt auf den Umarmenden gerichteten Blicks, korrespondiert.

Auch in den anderen Gedichten, geht es um das Licht, und welche Schatten unsere Begriffe werfen, in „Die Anderen“. Um das, was man sieht, wenn man die Augen schließt, in Playa Santa Teresa, 2006 „Eines Nachmittags schloss ich die Augen und sah viele schon verblasste Reisen der Vergangenheit heraufziehen und stellte mir zukünftige Spaziergänge an derselben Küste vor. Das ist alles, ein Leben kann man mit einer kurzen Liste zusammenfassen, mit einer Aufzählung.“ Wunderbar auch das Gedicht „Am Ring“, das anhand eines Boxkampfes von Muhamed Ali alias Cassius Clay eine Familiengeschichte   erzählt. Es ist nicht zuletzt die Beiläufigkeit von Versen wie diesen (aus „So bald schon war 2002?)

"Aus dem Kino strömt das Wahlvolk
um einen Film zu leben
in dem alle Statisten sind
und das ist nicht dramatisch
genauso wie an der schillernden
Ölpfütze nichts Besonderes ist
in die die Kinder freudig spucken.“

Chaves Gedichte (und Geschichten) haben beides, die nüchterne Einsicht, dass wir alle nur Statisten sind und die Freude der Kinder in bunt schillernde Ölpfützen zu spucken. Und nicht zuletzt einen Übersetzer, der fähig ist, das alles ohne schwerwiegende Verluste ins Deutsche zu übertragen.

Vor allem aber scheint Chaves darum zu wissen, dass wir alle zu häufig in die falsche Richtung blicken, in eine, die uns Unvergänglichkeit, oder wenigstens kurzfristige Beachtung verspricht, statt in die, wo eine Umarmung uns erwartet und der Genuss des gegenwärtigen Moments, der wiederersteht im Gedicht und in der Erinnerung.

Luis Chaves zeigt mit seinen von Timo Berger hervorragend übersetzten Gedichten Fotos mit einer besonderen Tiefenschärfe, die es dem Leser ermöglichen in die eigenen Abgründe zu sehen. Auf keinen Fall sollte man sich von der geringen Anzahl der Seiten täuschen lassen, es steckt mehr darin, als in manchem dicken Wälzer.

Luis Chaves
La foto / Das Foto
Übersetzung:
Thomas Berger
hochroth
2012 · 28 Seiten · 6,00 Euro
ISBN:
978-3-902871053

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