Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
x
Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
Kritik

sternspiegelpfützenreflexion

die poetisch fruchtbaren schlaflosigkeiten der Marion Steinfellner
Hamburg

viel leicht werde ich weinen
werde tanzen & lachen
schreiben wie jede abendnacht

augenblicksschreibungen lautet der Untertitel der Nachtwasserlieder von Marion Steinfellner und damit wird zugleich das Programm der einzelnen Gedichte und des Gedichtbandes verraten. Denn genau darum geht es, um den Augenblick, um augenblickspräsenz. In ihrem Literarischen Selbstgespräch meint Marion Steinfellner dazu:

„Es geht um den Augenblick, der sich zeigt. Wie ich den erlebe. Was ich wahrnehme. Wie konzentriert ich bin. Wie sehr ich mich fallenlassen kann. Und das ist unwiederholbar.“ (Marion Steinfellner, Manchmal träume ich auch Wörter, Literarisches Selbstgespräch)

Der Faszination des Augenblicks begegnet man in der Literatur häufig, schon ein einziger Augenblick kann zum Auslöser und Kern eines Werkes werden. Mich beispielsweise lässt das Wort augenblicksschreibungen sogleich an „Holzfällen. Eine Erregung.“ von Thomas Bernhard denken. Darin kann man mitverfolgen, wie während eines einzigen langen künstlerischen Abendessens bei den Auersbergerischen (aus dem Ohrensessel heraus beobachtet) ein Burgschauspieler zum Augenblicksphilosophen wird. „Holzfällen“ endet vor seinem eigenen Beginn, da am Schluss der Schreibimpuls das Buch, das man gerade in Händen hält, zu schreiben steht. Es ist ein Schreibimpuls, der keinen Aufschub duldet, der unweigerlich und im Laufschritt zu einer sofortigen augenblicksschreibung führen muss:

„[…] und ich lief und lief und dachte, ich werde sofort über dieses sogenannte künstlerische Abendessen in der Gentzgasse schreiben, egal was, nur gleich und sofort über dieses künstlerische Abendessen in der Gentzgasse schreiben, sofort, dachte ich, gleich immer wieder, durch die Innere Stadt laufend, gleich und sofort und gleich und gleich, bevor es zu spät ist.“

Ein anderes Wort für „Augenblick“, das oft in den Gedichten von Marion Steinfellner vorkommt, ist „Moment“, so gibt es auch parallel zu augenblicksschreibungen das Wort momentschreibungen. Diese momentschreibungen und momentimprovisationen können dann mitunter unversehens zu einer momentüberfülle führen. Herbert J. Wimmer spricht im Klappentext von „momentschöpfungen sinnlicher bewusstheit“, was sowohl die Gedichte sehr gut beschreibt, als auch den Moment ihrer Entstehung, den Marion Steinfellner folgendermaßen schildert:

„Meine Gedichte, die nicht überarbeitet werden, die in einer sehr hohen Konzentration und Achtsamkeit entstehen, getippt auf einer Schreibmaschine auf der Rückseite von Briefkuverts, dort wo die Absenderin ihren Namen und ihre Adresse schreibt, und das Kuvert ist offen. Sie entstehen in Zeiträumen, die offen sind. Ein Wort kommt, zieht wieder vorbei. Ein Wort kommt, wird getippt. Ein Wort kommt, wird gesprochen, wird ein wenig gekaut, anders ausgespuckt, verändert. Ein Wort kommt, wird vergessen, ein neues ist da. Dazwischen Tanz und der Körper will sich recken oder strecken, will sich bewegen. Es ist ein Warten.“ (Marion Steinfellner, Literarisches Selbstgespräch)

Marion Steinfellner ist nicht allein Dichterin, sondern auch Butohtänzerin. Sie selbst bezeichnet Butoh als einen „Tanz des Moments“. In ihren Lesungen verbindet sie Sprache mit Tanz, Bewegung mit Worten, Musik oder bildender Kunst. Gerne tritt sie gemeinsam mit anderen Künstlern und Künstlerinnen auf, um so verschiedene Kunstsparten miteinander in Verbindung bringen zu können. Damit schreibt Marion Steinfellner als Tänzerin und tanzt als Dichterin. Mit der gleichen Achtsamkeit, mit der sie sich beim Tanz durch den Raum bewegt, tastet sie sich in ihrem Schreiben mit und in Sprache vor. Ihr starkes Körperbewusstsein als Tänzerin führt zu einer ungewohnt offenen Thematisierung von Körperlichkeit und Sinnlichkeit in ihren Gedichten.

Der Gedichtband ist unterteilt in fünf Unterkapitel: NACHTWASSERLIEDER, LICHTHAUTLIEDER, FREUDENGLUTLIEDER, FLUGTANZLUFTLEICHTLIEDER und VULVADUFTLIEDER. Jedes einzelne Gedicht trägt als Titel die jeweilige Kapitelüberschrift, eine Durchnummerierung, den Entstehungsort und das Entstehungsdatum:

NACHTWASSERLIEDER I           WIEN, 3.5.2014

Die Gedichte sind chronologisch angeordnet, gehen von Anfang Mai des Jahres 2014 bis in den September hinein. Nicht an jedem Tag entsteht ein Gedicht, wobei an anderen Tagen wiederum gleich mehrere Gedichte entstehen. Damit und auch mit inhaltlichen Bezügen, sind die einzelnen Gedichte sehr eng miteinander verbunden.

Marion Steinfellner bezieht sich in ihrem Schreiben auf viele Autoren und Autorinnen, als Mottos sind dem Gedichtband drei Zitate von Alejandra Pizarnik, Leta Semadeni und Friederike Mayröcker vorangestellt, auch in den Gedichten finden sich Zitate und gelegentlich kommt es zu Gedichtwidmungen an Autoren und Autorinnen. Aber trotz der vielen Verweise sind die Gedichte von Marion Steinfellner sehr eigenständig. Eine Eigenheit ihrer Gedichte sind die vielen welterfindungswörter, oder auch „Mammutbaumwörter“, wie Marion Steinfellner sie in ihrem Selbstgespräch benennt:

„Und ich tendiere dazu, Mammutbaumwörter zu erfinden. Das ist so wunderbar in der deutschen Sprache, neue Wörter erfinden zu können, indem man wirklich Nomen aneinandersteckt. [...] Und das ist für mich auch so wichtig, das ist eine Form von Präzision. Das ist wirklich eine Form von Präzisierung: Was ist das jetzt genau, was ich da sagen möchte –“ (Marion Steinfellner, Literarisches Selbstgespräch)

regentauanfang nachtglutglitzernder
lichtsternaugenblickszerbrechlichkeit

lichtsternaugenblickszerbrechlichkeit, damit wären wir wieder bei den Augenblicken, äußerst zarten Gebilden, die sich kaum einfangen lassen, am ehesten vielleicht gerade noch ganz vorsichtig mit einem Schmetterlingsnetz. Gedichte also als Schmetterlingsnetz: leicht und feinmaschig um flüchtige Schmetterlingsaugenblicke sacht in Sprache aufzufangen:

plötzlich öffnet sich ein raum zwischen zwei
wesen
zeit flieszt auszen vorbei ein liebesmomentkokon

Verletzlichkeit, Sinnlichkeit, aber vor allem Achtsamkeit, das kommt in den Gedichten von Marion Steinfellner zum Ausdruck. Denn Marion Steinfellner weiß um die Zerbrechlichkeit von Körper und Seele, um körperfragilitäten und seelenfraktalitäten. Es ist die Offenheit, mit der sich die Gedichte zu ihrer eigenen Verletzlichkeit bekennen, die daraus eine große Kraft und Stärke werden lässt.

flugmomentglück ist alles das ich bin, Marion Steinfellner findet nicht nur Worte um glückliche Momente mit einem zarten geschwungenen Strich der Sprache einzufangen. Auch Schmerz, Enttäuschung, Verlassensein und tiefe Verletzungen finden Raum in den Gedichten:

I verwelkendsterbende lilie
das winddurchflutete herz
I schmerzschrei barfusz

Narben aus der Vergangenheit sind nicht vergessen, hindern das lyrische Ich aber nicht an einer grundlegend positiven Lebenseinstellung und Freude am Leben:

das elternhaus I schleifpapier auf feinsensibler
seelen-haut die nähe ein narbengewitter und ich liebe
münder mit zärtlichen sprachen offenfingrige
fragen

Die Konzentration auf das Schöne, die mögliche Freude, ist dabei nicht selbstverständlich, sondern eine Entscheidung, die Willensstärke verlangt:

finstere stimmungen in den gehirnwindungen
die kaugeräusche nagender gedanken
fokussierung auf schönheits-
momentzukunftslichter
auf seegewitter waldstille
auf baumumarmungen

Und auch Verzweiflung an der Grausamkeit der Welt wird thematisiert:

blut überall blut schreiend stumm
I palästinensisches kind im arm
I zerfetzter kleiner körper
gehört das so brülle ich

Die Gedichte von Marion Steinfellner zeichnet eine gewisse Durchlässigkeit aus. Die Entscheidung, ihre Gedichte, sind sie erst einmal getippt, nicht mehr zu überarbeiten, führt zu einer starken Skizzenhaftigkeit. Ebenso wie eine Skizze gerade Bewegung und Bewegungsabläufe im Moment einfangen kann, sind auch die Gedichte von Marion Steinfellner nicht fest und unbeweglich, sondern unablässig tanzend und in ständiger Bewegung und lassen sich ebenso wenig festhalten wie Wind, Wasser und Licht:

ich will einen sommer rosenblüten tanzen waldstill
qualle sein solesalzfluidohren liquidkörperflosz

Durch diese Beweglichkeit von Körper, Seele, Denken und Sprache gelingen Marion Steinfellner immer wieder fröhlich unvermutete imaginationssprünge surprises und so findet auch diese Rezension ein unerwartetes Happyend:

ich tanze das sterbende ozelot
mit einem pinkberlinhappyend

 

Marion Steinfellner
nachtwasserlieder. augenblicksbeschreibungen.
Edition Art Science
2015 · 138 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-902157-49-9

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge