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In ihrem Roman „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“ erfindet Marlene Streeruwitz sich neu und reist als Zwanzigjährige durch ein zerfallendes Land.
Hamburg

Eine „hübsche kleine Odyssee“ habe sie da geschrieben, so das herablassende Lob eines chauvinistischen Literaturkritikers. Nelia Fehn selbst bezeichnet ihr Buch, mit dem sie als jüngste Finalistin auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis gelangte, naiv-bescheiden als „ausgebessertes Tagebuch“. Wenig später jedoch wird klar, dass mehr in diesem Werk stecken muss. „Ich kritisiere nicht. Ich lehne ab“, lautet Nelias starkes Bekenntnis vor laufenden Fernsehkameras.

Soweit die Vorab-Urteile über „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“, wie sie Marlene Streeruwitz in ihrem Roman „Nachkommen.“ imaginierte. Nun halten wir das fiktive Buch der fiktiven Autorin Nelia Fehn ganz real in den Händen. Schöpferin hinter dem Alias ist – natürlich – Marlene Streeruwitz.

Gespannt darf man nicht nur auf den Inhalt des schmalen Bändchens sein, sondern vor allem darauf, was Streeruwitz aus ihrer Doppelrolle macht: Als knapp zwanzigjährige Debütantin einerseits, als arrivierte Autorin andererseits, von der Widerständigkeit und feministischer Kampfgeist fast schon erwartet werden.

Wie wir aus „Nachkommen.“ wissen, lebt Nelia zeitweise bei ihrer Halbschwester auf Kreta, wo sie ihren Lover Marios kennengelernt hat. Und wie wir ebenfalls wissen, hat dieser sich bei einer Protestaktion gegen die EU-Troika und den korrupten griechischen Staatsapparat eine schwere Verletzung zugezogen, für deren Heilung Nelia das Preisgeld dringend gebraucht hätte.

Nun springt Streeruwitz alias Nelia Fehn zurück ins Jahr 2012, mitten hinein ins turbulente Weltgeschehen und den Niederganz der griechischen Wirtschaft.

Der Roman beginnt am Hafen von Heraklion mit einer Katharsis: dem öffentlichen Weinen. Für Nelia ein bahnbrechender Akt, denn insbesondere für die Familie ihrer verstorbenen Mutter in Kaiserbad war es immer wichtig gewesen, „niemals in der Öffentlichkeit zu weinen und niemals das Ausmaß des Elends zu bekennen“. Wie eine Klammer schließt sich dieser befreiende Akt um die Geschichte. Er wird sich gegen Ende wiederholen, als Nelia, endlich in Athen angekommen, in einen Tränengasangriff der Polizei gerät.

Zwischen diesen beiden kathartischen Erlebnissen steht eine abenteuerliche Odyssee, die zwar keine zwanzig Jahre dauert, mitnichten jedoch als „hübsch“ oder „klein“ bezeichnet werden kann. Nelias mehrtägige Irrfahrt zwischen Kreta und Athen ist eine Liebesgeschichte mit abwesendem Gegenüber, eine Bewährungsprobe und ein entscheidendes Stück Coming-of-Age.

Dem kathartischen Weinen geht ein Streeruwitz-typischer Auftakt voraus, der die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern offenlegt: In der Warteschlange vor der Fähre zwingt ein alter Freund der Familie Nelia einen Kuss auf; sie flieht, lässt ihren Rucksack im Auto zurück und verpasst die letzte Fähre. Von da an ist sie, mit wenig Geld in der Tasche, auf sich gestellt. Marios, mit dem sie sich in Athen hatte treffen wollen, um an einer Demonstration für die Freilassung angeblich HIV-infizierter Prostituierter teilzunehmen, kann sie nicht anrufen. Die Anonymität seiner Gruppe macht ihn auch für Nelia unerreichbar.

Um Geld zu sparen, begibt sie sich auf einen Segeltörn mit zwei zwielichtigen Typen, gerät in einen Sturm und wird von einem anderen alten Freund ihrer Mutter gerettet. Der will ihr zwar nicht an die Wäsche, dafür bewohnt er ein schickes Feriendomizil mit einer Entourage „leerer, satter Menschen“, die sich nur für Beziehungsklatsch und deutsche Kaffeekultur interessieren. Wieder ergreift Nelia die Flucht. Nur knapp entgeht sie einem Fährunglück, das ihr das Überleben des Einzelnen im Haifischbecken „Kapitalismus“ auf tragikomische vor Augen führt: Die Schwimmwesten wurden geklaut und vermutlich gewinnbringend weiterverkauft.

Immer wieder stößt  Nelia sich an der gesellschaftlichen Doppelmoral, der neoliberalen Jeder-Für-Sich-Logik und dem alltäglichen, geduldeten Sexismus. Doch wirkt sie hier, wo sie eine eigene Stimme  bekommt, wesentlich stärker und selbstbestimmter als in „Nachkommen.“, verloren im Frankfurter Literaturzirkus und besprochen in der dritten Person.

„Ich hasse es, wenn ich so von außen gehandhabt werde“, sagt Nelia – in Bezug auf männergemachte Pornographie, doch erklärt dieser Satz vielleicht auch, warum dieses nachgeschobene Buch für Streeruwitz so wichtig, ja notwendig war.

Mit offener, manchmal naiver Ehrlichkeit und einem unbestechlichen Gerechtigkeitssinn sagt Nelia Sätze wie: „Es ist nicht schön, dass es keine Bezeichnung für einen erzwungenen Kuss gibt.“ Oder, als sie herausfindet, dass Coca-Cola, die auf der Firmenwebsite als vegan angepriesen wird, noch nicht mal vegetarisch ist: „Coca-Cola betrog mich. Der Freund der Familie und Verehrer meiner Mutter und der entfernte Verwandte von Marios überfiel mich. Am Ende kosteten alle diese Übergriffe Liebe.“

Ihrer Sprache haftet eine gewisse Kindlichkeit an, sodass man ihr die schutzlos in der Welt geworfene Zwanzigjährige mühelos abnimmt. Zugleich hat sie die komplexen Verstrickungen zwischen patriarchalen und kapitalistischen Zurichtungen bereits voll erfasst und weiß sie mit klaren Worten zu benennen. Themen und Tonfall sind ganz Streeruwitz, doch bedient sich Nelia einer viel einfacheren, weniger experimentellen Sprache. Die kaputten Sätze, das Stakkato-Feuerwerk ihrer Vorgängerwerke lässt Streeruwitz hier mit Absicht beiseite.

Die fiktive Buchpreis-Nominierung hätte „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“ allemal verdient. Doch das Buch fand nicht einmal Erwähnung. „Nachkommen.“ schaffte es immerhin auf die Longlist, nicht aber ins Finale. Wollte man der Autorin ersparen, mit ihrer eigenen Protagonistin zu konkurrieren? Eher wohl war es die Angst des Literaturbetriebs vor unbequemen, kontroversen Büchern, die allzu genau hinter die eigenen Kulissen schauen.

Mit ihrer literarischen Inszenierung hält Streeruwitz der omnipräsenten Gier nach „Authentizität“ den Zerrspiegel vor: Nelias Bericht wirkt lebensnaher als so manches, was angeblich „auf wahren Tatsachen“ beruht.

Man wünscht sich, es gäbe Nelia Fehn. Eine junge, talentierte Autorin mit dezidiert feministischem Standpunkt, einer undogmatischen antikapitalistischen Einstellung und untrüglichem Gerechtigkeitsgespür. Umso schöner, dass Streeruwitz sie für uns erfunden hat. Wenigstens 190 Seiten lang.

Marlene Streeruwitz alias Nelia Fehn
Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland
S. Fischer
18,99 Euro
ISBN:
978-3-10-002244-8

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