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Kritik

Fühle. Lies. Lebe.

Die poetischen Essenzen des Mathias Jeschke
Hamburg

Einen Gedichtband von Mathias Jeschke zu lesen erfordert die Kunst, der Versuchung zu erliegen, sich einfach von Text zu Text treiben zu lassen. Dabei macht es uns der Autor eigentlich einfach, weil eine anfänglich spürbare semantische Sperrigkeit dieser Poesie in Verbindung mit ihrer plastischen Bildhaftigkeit eher dazu hinführt, nur die Sprachartistik auf sich wirken zu lassen und erst gar kein "sezierendes Lesen" zu beginnen. Und doch rätselt man dann, und man tut es gern, an Zeilen herum wie den folgenden:

"Das Kind hockt an der schweren Orgel, nachtlang. / Es sitzt an einem Honigfass, deinem erdtiefen Nabel."

So beginnt beispielsweise ein Gedicht im "Logbuch der Zuversicht", dem ersten Zyklus des rund 80 Seiten umfassenden Büchleins, dass zunächst mit phantasievollen Bildern einer Lebensreise mit allerlei Rückblicken in Kindheit und die Zeit erster Liebe zu beginnen scheint, seine Leserschaft aber etwa ab der Hälfte der zwölf vierzeiligen Gedichte an Bord eines Schoners mit hinaus auf die Ostsee nimmt und sich dabei auch inhaltlich zu konkretisieren scheint:

"Klüver und Fock sehr üppig wie ein Bikini. / Du zeichnest dir sorgsam die eigenen Karten."

Die Erfahrung des Lesens lehrt, dass die eigenen Karten immer gut sind auf Reisen in fremden Gedichtbänden, und Mathias Jeschke führt uns das hier nebenbei spielerisch vor Augen.

Das Motiv des Am-Wasser-Seins taucht häufig auf in diesen Texten; mitunter ist es auch nur die öffentliche Badeanstalt, welche die Kulisse abgibt für poetische Reflexionen mit kindheits- und jugendbezogenen, auch nicht selten erotisch aufgeladenen Momenten, wenn es über die "drei afrikanischen Musen" in Anspielung auf Erato und das Hohe Lied Salomos in einem der Gedichte aus dem "Freibad"-Zyklus heißt:

"Sie teilten ein Meer. Irgendjemand in deiner Nähe / atmete hörbar aus. Wir kniffen die Augen zusammen / und griffen blind nach gekühlten Getränken."

Was bei der Lektüre jedoch genauso schnell ins Auge springt, ist der Umgang des Autors mit der Form, die er gleichermaßen kunstvoll und selbstverständlich für seine Texte zu nutzen versteht: so besteht "Freibad" zum Beispiel aus sieben (für jeden Wochentag einen) zehnzeiligen Gedichten in sehr freiem, fast schon prosanahem, aber deutlich rhythmisiertem Duktus. Jeschke konstruiert sich hier innere und äußere Form konsequent selbst, wie auch in den titelgebenden "Luftstudien", zehn wiederum zehnzeiligen, jedoch viel filigraner gewobenen Texten als die aus "Freibad". Die "Luftstudien" werden vor allem von innen getragen, von Lautverbindungen, Alliterationen und anderen onomatopoetischen Bezügen und Assoziationsketten. Sie erreichen auch inhaltlich wieder die verrätselte Qualität des ersten "Logbuch"-Zyklus':

"Der indigene Figurenapparat / auf der zerebralen Bühne / zertanzt die Ohren, die Horen."

Oder:

"Das Scheckern / des Eichelhähers erinnert / an einen Mann, dessen aufgepflanztes / Bajonett Spuren aufweist / von Blut- und Bodenfliesen. / Neben der Liegewiese ein Beet / im Tapetenblumendesign."

Beeindruckender noch sind aber vielleicht vier villanellenartig gebauten Gedichte aus der Abteilung "Nach der Natur", die durch die stetige Wiederkehr der ersten und der dritten Zeile an prominenten Positionen im weiteren Verlauf des jeweiligen Textes einen fast beschwörenden Charakter annehmen, eine zuerst seltsam unangemessen wirkende Überhöhung von profanen Alltagsbeschäftigungen wie tanken oder einkaufen; es braucht einen Moment, bis wir die Poesie, die diese Verse aufbauen, nachvollziehen können. Dann aber wirken sie umso stärker in ihren Bildern und der ihr immanenten Musikalität:

"Die Einkaufswagen, zusammengedrängt. / Eine Herde frierender, klappernder Ziegen. / Ich habe sie wieder, die kleine Münze."

Auch abseits von erotischen Einflüssen entdecken wir bei Jeschke bei aller Intellektualität seiner Texte immer wieder eine geistvolle Sinnlichkeit, so etwa, wenn er die Freuden der Bibliophilie beim Auffinden von mehr als 150 Jahre alten ledergebundenen Neuen Testamenten in Sprachen wie Tswana und Maori beschreibt:

"Zwei Bücher, die mich die Geschichte / des Buchdings an sich erahnen ließen. / Brown Boxes, die sendeten, was ich / unter der Kopfhaut, auf meiner / Herzkuppe spürte: Fühle. Lies. Lebe."

So eindeutig Mathias Jeschke ein formstrenger Poet ist, so eindeutig ist er innerhalb seines lyrischen Metiers auch ein authentischer Erzähler. Im letzten Abschnitt des Buches, "Svendborg Sound" übertitelt und anlässlich eines Brecht-Haus-Stipendiums im August 2015 entstanden, verbindet er alltägliche Beobachtung mit Erinnerungen und fast schon essayistischen Reflexionen, die sowohl von Text zu Text als auch  innerhalb eines der stets einundzwanzig Zeilen langen Prosaminiaturen einer mit traumwandlerischer Selbstverständlichkeit komponierten Schwer-Leicht-Systematik zu folgen scheinen. Und auch hier sind es wie einer immanenten dichterischen Beschwörungsformel folgend einundzwanzig Texte, aus denen der Zyklus besteht,

"...etwas wie ein Selbstgespräch, dem ich an 21 Tagen schweigend lauschte."

Diese tagebuchartigen Einträge eines liebevoll skizzierten Sommeraufenthaltes, in denen die besondere Verbundenheit des Autors mit dem Meer immer wieder thematisiert wird, verweisen an einigen Stellen auch auf Jeschkes ureigene Poetik und seine zahlreichen Bezüge zu anderen Künstlern und künstlerischen Disziplinen:

"Ich fand hier im Regal 'Das Meer, das Meer' von Iris Murdoch und hab mich festgelesen. Ein Buch mit solch einem Titel kann ich nicht stehenlassen, zudem ist es geschrieben in einer Sprache, die das Geheimnis zulässt, den Geheimniszustand, vom dem Inger Christensen spricht, die viel verstanden hat, von dem, was sich nicht sagen lässt."

Und nur zwei Seiten weiter heißt es, wohl auch mit implizitem Bezug zu Brechts eigener Zeit in Dänemark:

"Ich lernte, glatten Oberflächen, eingeübten Gesichtern zu misstrauen. Ich begann zu zeichnen und übte mich in ersten Widerstandsbewegungen. Mein Gedicht hat seine Wurzel in der Zeichnung. Und es fühlt sich, wie ich, am Meer am wohlsten. Immer ist der Fluchtweg über die Wellen hier offen. Mein Gedicht mein Exil."

Es passt übrigens gut, dass der Einband unter Verwendung einer Gouache aus seiner eigenen Hand mit dem Titel "Luftstudie 7" gestaltet wurde. Der künstlerische Geist, der sich nicht scheut, widerständig zu sein, sich immer wieder ausprobiert in den Bezügen verschiedener Disziplinen und sie für sich (und uns als Leserschaft) zu gewinnen versteht, spricht aus den poetischen Essenzen des Mathias Jeschke.

Mathias Jeschke
Luftstudien
edition offenes feld
2016 · 84 Seiten · 16,50 Euro
ISBN:
9783739232010

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