Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
x
Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
Kritik

Risiko und Idiotie. Streitschriften.

„Wir haben die Syntax erschüttert!“
Hamburg

Was sind das für Zeiten, in denen unter einem Titel aus der Belletristikabteilung, Subgruppe: Verständigungstexte unverständlicher DichterInnen, auch ein provokanter Beitrag zur Finanzkrise vermutet werden könnte? Aber das Label kookbooks und die schwarzweiß mäandernden Schleifen auf dem Umschlag, der zu einem von Andreas Töpfer gestalteten Poster auffaltbar ist, lassen wohl das Risiko, dass Risiko und Idiotie bei den Wirtschaftsbüchern landen wird, auf Null sinken.

Aber von welchen Risiken ist nun in diesen „Streitschriften“ die Rede? Wie es von der frisch gebackenen Kleistpreisträgerin, die mit ihren Gedichtbänden „vom fernbleiben der umarmung“ (2007) und „Honigprotokolle“ (2012, beide kookbooks) einen neuen eigenwilligen Ton in die deutsche Lyrik gebracht hat, zu erwarten ist, natürlich von den Risiken des Dichtens. Und Rinck lässt keinen Zweifel daran, dass sie die Position des Idioten (wie auch die Bezeichnung „Dichter“ oft in der maskulinen Form verwendet) für sich reklamiert. Als Idiot nimmt sich die Dichterin im Leben vor, „nicht unter das Niveau ihrer Texte zu fallen“ und versucht durch eine „schöpferische Erlebensweise“ im Alltag an „neue Erkenntnisse für Kunst und Leben zu gelangen“. Wer nun meint, alles Wesentliche über diese gesellschaftliche Randfigur bei Dostojewski gelesen zu haben, wird von Rinck mit einer beeindruckenden Liste upgedated. Die Häufung idiotischer Literatur in den letzten Jahren einschließlich des Buches von Rinck ist auffällig und wohl ein Indiz dafür, dass Idiotie in unserer postdemokratischen, von Kontroll- und Vermarktungszwängen geprägten Gesellschaft wieder zu einer diskussionswürdigen Position geworden ist. Rinck zitiert allein aus dem Jahr 2013 mehrere Bücher, die entweder das Wort „Idiot“ im Titel führen oder inhaltlich darauf eingehen. Das beginnt bei Botho Strauß: Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit und Hans-Christian Dany: Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft und endet nicht bei Alexander Pschera, der in Vom Schweben ein Kapitel den Idioten widmet.

Der Hinweis auf die von Rinck angeführten AutorInnen kommt nicht von ungefähr, ist doch das extensive Zitieren kennzeichnend für die in diesem Band versammelten Streitschriften, die die Autorin nicht als Einzeltexte, sondern als Schwerpunktsetzungen einer durchgehenden „idiotischen“ Sprecherin, die sich verschiedene Themen/Masken anlegt, präsentiert. Ja, man ist beeindruckt von Rincks Lesehorizont, der sich über allerneuerste theoretische und poetische Schriften aus deutschen, französischen und angelsächsischen Federn (na gut, Computern) bis in die historische Tiefe zu Jean Paul, Pope und Sterne erstreckt, und die LeserInnen mit wechselnden Abstraktionsgraden immer wieder aufs Neue fordert. Dabei verwendet sie die Zitate weniger zur Absicherung ihrer zuvor in eigenen Worten entwickelten Positionen, sondern lässt sie häufig ohne Ankündigung auf die LeserInnen los. Wie kommt es aber dann, dass das Buch dennoch einen ganz eigenen, durchgehenden rinckschen Ton hat? Weil die Autorin auch in ihrer sekundären Rede nicht aufhört primär, sprich: eine Dichterin zu sein. Das ist ja gerade die Kunst, in der Rede über die Literatur nicht die Literatur zu verraten (was selbstverständlich auch für das Abfassen von Kritiken gilt). Und Rinck führt vor, wie man als DichterIn mit solchen Theoriefragmenten umgehen kann: Indem man nämlich das Abstrakte auf das Niveau von hintersinnigen Analogien, Witzen, Kalauern herunterbricht und gleich wieder in größere Zusammenhänge hinaufbefördert.

Kein Wunder, dass Rinck ein gewichtiges der sechs Buchkapitel der Rehabilitierung der Albernheit widmet („Das Alberne hat Glück“), die sie gegen die „ständige Gegenwärtigkeit“, wie sie in unserer Multitasking-Gesellschaft gefordert wird, in Stellung bringt, um daraus neue kreative Möglichkeiten zu gewinnen. Albernheit ist ansteckend. Wer albern ist, genießt den Moment, lässt sich treiben und sprengt mit Gelächter das enge Korsett der Zweck- und Effizienzbindung, womit wir auch schon bei den Risiken des Tuns des Dichters bzw. des Gedichts angelangt sind. „Das Gedicht umtreibt die Frage nach der Relevanz“, stellt Rinck kategorisch fest, auch wenn es gesellschaftlich nur ein Nischendasein fristet. Relevanz gewinnt das Gedicht nun dadurch, dass es einerseits die Latte entsprechend hoch legt („Es kann nicht gelingen, solange nur die kleine Unendlichkeit angestrebt wird“), andererseits indem es von einer riskanten Position heraus spricht, „die sich aussetzt, einmischt, die verwirrt und verwickelt wird, eine, die nicht neutral ist“. Dabei ist völlige Konzentration auf die Kunst gefordert, womit DichterInnen wie auch andere KünstlerInnen dazu tendieren, eine asoziale Position einzunehmen. Die Gefahr dabei vom Radar der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit zu verschwinden, geht dabei Hand in Hand mit dem Risiko, nicht verstanden zu werden, setzen doch viele avancierte Texte dem gewohnten Denken Widerstände entgegen, die viele für unüberwindbar halten. Und genau an diesem Punkt stellt sich nun die Frage nach der Idiotie.

Für Alexander Pschera gehört der Idiot „nicht zum Raum des Öffentlichen, der ihn umgibt“. Der Idiot als Randfigur beharrt auf seinem Sosein und wird dadurch widerständig. Allerdings kann man diese Position nicht selbst wählen. Es sind immer die Anderen, die einen zum Idioten machen. Hinzu kommt, dass der Idiot nicht nur einer ist, der nichts versteht, sondern einer ist, der die Dinge auch anders versteht.

Es wäre keine Kunst, ließe sich diese Schwäche nicht zu einer Position der Stärke machen: „Vielleicht liegt gerade in dem Risiko, unverständlich zu sein, eine ganz eigene idiotische Form der Rettung.“ Die Idiotie ist eine Haltung, mit der sich das Subjekt der symbolischen Ordnung, den Zwängen zu kommunizieren und sich zu kapitalisieren entziehen kann. Rinck plädiert dafür, den „Trostort Idiotie“ als Ort der Erholung von der „informationsverarbeitenden und befehlshabenden Sprache“ zu nützen. Rettung kommt wie so oft vom Signifikanten, von der klanglichen Dimension der Sprache, die das Unvereinbare allein durch Klangähnlichkeiten (Alliterationen, Assonanzen, Reime etc.) unter einen Hut zu bringen vermag und neue poetische Logiken gebiert. Um die Fesseln der symbolischen Ordnung und der Selbstidentität zu sprengen, macht Rinck, die Albernheit stark: „Mit dem Albernen und seinen Energien zieht etwas Fremdes in den Körper“ und in die Dichtung ein, Sie verstehen: „Pwavre, Poire, Pesa, Helene. Birne auf Abriss.“ Dichtung, wie sie Rinck erträumt, soll nicht zustimmend abgenickt werden können, sondern muss eine direkte körperliche Wirkung haben. Und wer nicht weiß, was damit gemeint ist, sollte sich in eine Lesung der Autorin begeben, um zu erfahren, wie man von ihrem Vortrag auf eine vergnügliche Weise unmittelbar gepackt wird, die über das verstandesmäßige Erfassen hinausgeht. Rinck zitiert ein wunderbares Bild aus Paulus Böhmers „Am Meer. Am Land. Bei mir.“ um die seltsame Attraktion bei gleichzeitiger Abstoßung zu fassen, die das zeitgenössische Gedicht bei den LeserInnen auszulösen vermag: „Ein Song. Igel nähern sich einander, werden von den Stacheln/des anderen abgewiesen, beginnen erneut zu frieren/ und sich erneut einander anzunähern: Ein Song.“

Konsequent verweigert sich Rinck auch in ihrem Essayband einer rein informationsorientierten Sprache, die sie immer wieder durch eingeschobene Wortwitze „Sagt ein Seismograf zum anderen: Du erschütterst mich“ und verfremdete Sprachformeln „Fragen Sie den Quantenphysiker Ihres Vertrauens“ bricht. Dabei schreckt sie auch nicht vor Kalauern „der Götterbote Herpes“ zurück. Durchgehend montiert sie mit harten Schnitten völlig unterschiedliche sprachliche Register, die theoretischen Überlegungen sofort in Praxis überführt. Das Bienek-Zitat: „Wir haben aufgehört, Wortbau und Wortaussprache nach grammatischen Regeln zu betrachten, wir haben begonnen, in den Buchstaben nur Wegweiser für Wörter zu sehen“ schlägt um in: „Sagt ein Wegweiser zur Vorfahrtsstraße: Wir haben die Syntax erschüttert! Auf nach Bad Kreuznach! Sagt die Vorfahrtstraße: Ich, ich bin Bad Kreuznach. Sagt der Wegweiser: Das geht nicht. Die Vorfahrtsstraße: Wieso? Der Wegweiser: Wenn du das Ziel bist, wer ist dann der Weg?“

Rincks Streitschriften sind eine fordernde, aber lohnende Lektüre. Auf die selbstgestellte Frage, ob die Autorin gerne schwierig sei, findet sie, wie zu erwarten, keine schnelle Antwort. Dennoch scheut sie es nicht, deutlich Position zu beziehen und verwehrt sich etwa gegen Heinz Schlaffers Diktum, wonach Gedichte eine „einseitige Sprechhandlung“ seien, ohne Wirkung und ohne Adressaten. Rinck besteht darauf, dass es sowohl Reaktionen und auch Adressaten gebe und „zuweilen sogar Aufträge“. Der skandalöse Ausspruch Schlaffers sei vielmehr ein Hinweis auf seine Unkenntnis der zeitgenössischen Dichtung, die er leider mit vielen anderen ihrer Kritiker teilt.

Rinck reflektiert in ihrem neuen Band aber nicht nur über die eigene Position als Dichterin und die verschiedenen Aspekte des Dichtens, sondern setzt sich auch für KollegInnen wie den jung verstorbenen Russen Alexej Parschtschikow, den viel zu wenig beachteten Paulus Böhmer und ihren Verlagskollegen Daniel Falb ein bzw. erzählt im Vorbeigehen von einschneidenden Lektüreerlebnissen. Eine der schönsten Passagen des Buches findet sich in einem Text, in dem sie der Festlegung der Dichtung Christine Lavants auf das Leiden eine andere Lesart entgegensetzt, die „Lavants enorme Stärke des Machens, Umwandelns und Übersetzens von Affekten in poetischen Formen in den Blick nimmt.“ (p.152). Dabei zitiert sie ein Gedicht der 1973 verstorbenen Kärntner Autorin, „Trau der Mannschaft deines Seglers“, das eine richtige Leseempfehlung ist. In einer Abschweifung schildert sie, wie sie auf der Fahrt mit dem ICE durch den Regen von Frankfurt nach Berlin, Gedichte der Dichterin las und wie sich dadurch die Wahrnehmung in beide Richtungen potenzierte. Der Idiot „spürte die durchtränkte grüne, in allen Grüntönen sich hingebende Fülle der umnebelten Landschaft viel stärker, indem er die Gedichte las und spürte die Gedichte so viel stärker, indem er durch diese satte Frühlingslandschaft raste.“(p.155) Ähnliche Wirkungen sind auch von Rincks Risiko und Idiotie auf die Lektüre zeitgenössischer Dichtung zu erwarten. Probieren Sie es aus!

Monika Rinck
Risiko und Idiotie
Streitschriften
Umschlag gestaltet von Andreas Töpfer
KOOKbooks
2015 · 272 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
9783937445687

Fixpoetry 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge