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Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
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Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
Kritik

Landschaften in Bewegung, wie aus einem trudelnden Flugzeug

Hamburg

Die erste deutsche Übersetzung der Gedichte Roberto Bolaños ist draußen! Ein Grund, um weiche Knie zu bekommen. Ist Bolaño längst durch seinen Nachruhm quasi der letzte große Romancier, Erzähler, Prosaist des ausgehenden letzten Jahrhunderts geworden, wächst seine Leistung in seinem nur kurzen Leben mit jedem Jahr, so ist es doch eigentlich seine Lyrik, die laut eigener Aussage sein eigentliches Hauptwerk darstellt. Das muss man sich einmal überlegen. Wer solch unfassbare Alptraumtexte wie 2666 und viele mehr noch hinterlässt (nebenbei: warum ist La Pista de Hielo und Monsieur Pain immer noch nicht auf Deutsch erschienen?/ Im Englischen ist seit vielen Jahren längst alles zugänglich, inkl. aller Gedichte, aller Essays und den nicht weniger unfassbaren Erzählfragmenten wie Last Evenings on Earth und The Secret of Evil), kann doch nicht noch mehr getan haben, oder? Lyrik! Das bedeutet Verdichtung, das bedeutet zwei Zeilen und eine Überschrift zum Beispiel. Also hier kommen, von seinen hervorragenden Übersetzern Heinrich von Berenberg und Christian Hansen übertragen, seine beiden Bände Die romantischen Hunde und Drei im Hanser Verlag heraus. Leider ist nur die deutsche Fassung abgedruckt, eine Unsitte und auch Bevormundung für alle diejenigen, die sich uneingeschränkten Zugang zur tonalen Welt von Bolaños Sprache verschaffen wollen. Lyrik ist Sprache, es ist einfach ein wesentlicher Aspekt des Ganzen, zu verstehen, wie der Dichter den Klang der Sprache einsetzt, welche Melodien und Färbungen an welchen Stellen wie erklingen. Nun gut, zurück zu den Hunden. Der Klappentext behauptet, Bolaño sei "der letzte Romantiker unserer Zeit". Das ist nicht zutreffend: sein Gedichtband führt diesen Namen und er selbst führte ein solches Leben, zumindest in seinen frühen Jahren als "wilder Detektiv", das heißt dasjenige einer romantischen Auffassung des Lebens eines Dichters: arm, wild und radikal seiner Kunst verschrieben. Ok, aber das heißt nicht, dass seine Texte romantisch wären oder ihr Autor zeitlebens ein Romantiker geblieben. Völlig gegenteilig, sie sind ein einziges Schauern. Infrarealistisch, wie seine Gruppe damals hieß. Schonungslos, alptraumhaft, von einer finalen Bösartigkeit in jedem Sonnenuntergang durchzogen. Nichts, aber auch gar nichts wird romantisiert, maximal die Poesie selbst: hehr und der letzte Fels, wird sie dennoch aber eher aufs Korn genommen, ironisiert, denn die Dichter selbst schwelgen karikiert bloß in welken, gestohlenen Gedichtbänden der Surrealisten und geben sich als lateinamerikanische Dharma Bums einem exzessiven Leben hin, voller Bewunderung für kurzleuchtende Dichterleben wie Sophie Podolski, die sie vor dem Vergessen bewahren, oder sie flugschreiben Gedichte mit Flugzeugabgasen in den Himmel, was auf dasselbe herauskommt. Nimmt man nun die Gedichte zur Hand, fällt als erstes auf (Originalfassung nicht da, zur Erinnerung), dass Bolaño überhaupt nicht mit Sprache arbeitet. Es gibt keinen Rhythmus und keine Optik. Das sind Prosastücke mit Umbruch. Fragmentiert, Gedankensprünge, assoziativ. Und eigentlich ist kein Unterschied zu seiner (ebenso radikal unterschiedlich möglichen) Art des Erzählens auszumachen. Es sind dieselben Themen, dieselbe Art zu sprechen, das Vokabular und die gleiche Art und Weise, extrem abseitige Dinge zusammenzubringen in sowohl seiner Metaphorik, als auch den Protagonisten seiner Narrativen. Genau dies ist der mit wesentliche Aspekt des Schreibens Bolaños überhaupt, das Hereinbrechen oder Ausbrechen einer unterschwelligen Düsternis in eine beliebige (hispanisch oft) Stimmung oder Szene hinein, die einem klar macht, das nichts da ist/ auskommt, ohne jenes wuchernde Untermaterial aus vielleicht für viele surreal anmutendem Grundwerk/ Schrecken. Zwei kurze Ausschnitte aus dem ersten Teil, Die romantischen Hunde:

"Durch eine Dusche aus kalten unempfindlichen Sternen,
Sehe ich das schwarze Motorrad, wie einen Esel von einem anderen Stern,
Die Landschaft von Coahuila in zwei Teile teilen"

"Es ist das Jahr, das den Abschieden vorausgeht
und voranschreitet wie ein Riesenvogel unter Drogen."

In diesem ersten Teil ist es, neben einem der Beat Poesie (die Mexiko geliebt haben, siehe einschlägige Roadtrip Literatur) verwandten Zug innerhalb seiner Verse über Randexistenzen und Landschaftszonen, das Hereinbrechen nicht nur des Apokalyptischen, sondern auch eines grotesken, frech-obszönen Humors. Dies macht Bolaño einzig, frei. Er wirkt ungebunden an verallgemeinerbare Regeln und es ist letztlich egal, ob er Lyrik oder Prosa zu Papier bringt: es sind offene Epen, bolañesk. Ein schönes Beispiel dafür ist der letzte Teil des Gedichts Lupe:

"[...]
Und so schwieg ich, dachte daran, wie merkwürdig das war,
die Stille in jenem Hotel.
Entweder waren die Mauern reichlich dick oder wir die einzigen Gäste
oder die übrigen Gäste machten nicht einmal den Mund auf, wenn sie
          stöhnten.
Es war so einfach, Lupe zu etwas zu bringen und sich wie ein Mann zu
fühlen, wie ein Haufen Elend. Es war so einfach, sich an ihren Rhythmus
anzupassen und ihr dabei zuzuhören
wie sie die Horrorfilme nacherzählte, die sie gesehen hatte,
im Kino in der Calle Bucareli.
Ihre Leopardenbeine knoteten sich um meine Hüfte
und sie verbarg den Kopf an meiner Brust und suchte nach den
         Brustwarzen
oder dem Schlag des Herzens.
Da will ich dir einen blasen, sagte sie eines Nachts.
Häh, Lupe? Am Herzen."

Der zweite Teil des Bandes Drei ist anders als der erste. Drei sind drei Langedichte bzw. Sektionen, die wesentlich durchkomponierter auftreten. Herbst in Gerona Prosa ist eine Prosagedichtfolge. Miniaturen, Fragmente, Episoden, die aufeinander Bezug nehmen, achtgeben. Eine Art Bestandsaufnahme von Innen- und Außenwelten in einem herbstlichen Girona der 80er. Hier geht Bolaño viel eher der Sprache nach, wenn er einzelne Schlüsselterme wie Kaleidoskop, Hölle, Kino, Post, Traum und Paradies durchexerziert und von immer anderen Blickwinkeln beleuchtet.

""Das könnte für mich die Hölle sein." Das Kaleidoskop bewegt sich mit der Gelassenheit und Langeweile der Tage. Für sie gab es am Ende keine Hölle. Sie vermied es einfach, hier zu leben. Die schlichten Lösungen lenken unser Handeln. Die Schule der Empfindsamkeit kennt nur eine Devise: nicht leiden. Das, was sich absondert, kann man Wüste nennen, Fels mit menschlichem Aussehen, der tektonische Denker."

Das Langgedicht Die Neochilenen ist ein absurd witziger Roadtrip einer Musik/ Dichtertruppe in den Norden von Chile, durch Peru bis nach Ecuador. Hier wird in raschen Zeilen das dreckig-punkige Herumziehen beschworen auf dem Weg durch eine an Mondlandschaften erinnernde Topografie: Aliens zueinander auf dem falschen Planeten:

"[...]
Das was wir in Arica sahen
War die Sonne von Arica:
Eine Sonne wie eine Spur aus
Staub.
Eine Sonne wie Sand
Oder wie trickreich
In die unbewegliche Luft
Geworfener Kalk.
Der Rest: Routine.
[...]"

Das letzte, abschließende Gedicht Ein Spaziergang durch die Literatur ist eine bibliomane Phantasie, die als Traumkonstrukt sämtliche Obsessionen des Dichters mit seinen Autorenidolen oder Begleitern oder Hassfiguren ausleben lässt. Wiederum sehr komisch und zugleich irritierend, wird eine völlig zügellose, losgelassene Form des satirischen Namedroppings betrieben, von der Bolaño eigentlich nie gelassen hat.

"13. Ich träumte, im Atomkraftwerk von Civitavecchia läse ich Stendhal: Ein Schatten huschte durch die gefliesten Reaktoren. Das ist das Gespenst von Stendhal, sagte ein junger Mann mit Stiefeln und nacktem Oberkörper. Und wer bist du?, fragte ich ihn. Ich bin der Fliesen-Junkie, der Husar der Fliesen und der Scheiße, sagte er."

"14. Ich träumte, dass ich träumte, die Revolution hatten wir verloren, bevor wir sie machten, und ich beschloss, nach Hause zu gehen. Bei dem Versuch, mich ins Bett zu legen, stieß ich auf den schlafenden De Quincey. Wachen Sie auf, Sir Thomas, sagte ich, gleich graut der Morgen, Sie müssen gehen. (Als wäre De Quincey ein Vampir.) Aber niemand hörte mich, und ich trat wieder hinaus auf die dunklen Straßen von Mexiko DF."

"15. Ich träumte, ich sähe Aloysius Bertrand am selben Tag zur Welt kommen und sterben, fast ohne zeitlichen Abstand, als lebten wir beide in einem steinernen Kalender, verloren im All."

Die romantischen Hunde enttäuscht nicht. Ganz im Gegenteil, der verkürzte Bolaño als Dichter zeigt hier die Essenz seiner Kunst. Ob das nun Gedichte im konservativen Sinne seinen oder letztlich Prosa mit anderen Mitteln sei bedeutungslos. Es sind visionäre Texte und ein Baustein zu einem der interessantesten Werkkörper der Literatur überhaupt: verblüffend in ihrer Mischung aus komisch, bösartig und melancholisch – eine mögliche Bilanz des Lebens auf der Erde. Der Band ist Pflicht. (Entbindet allerdings nicht von der Pflicht, Bolaño sowieso zu lesen, speziell alles.)

Roberto Bolaño
Die romantischen Hunde
übersetzt aus dem Spanischen von Christian Hansen, Heinrich von Berenberg
Hanser Verlage
2017 · 176 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-446-24466-5

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