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Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
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Jahresanthologie Tippgemeinschaft DLL 2017
Kritik

„Einer Luft, die sich sehnt nach der einzelnen Stimme“

– Über zwei Gedichte von Tomas Venclova und eine Lesung in Rheine

"Man wird lange suchen müssen in den Weiten Osteuropas, um eine auch nur annähernd so abgeklärte Stimme zu finden, eine Stimme von so lakonischer Schwere, so unerschütterlicher Gefaßtheit." Durs Grünbein. Den „Odysseus vom Mare Baltikum" nannte ihn Thomas Kling  in der ZEIT und spielte damit auf Venclovas Schicksal im Exil an; man erkannte ihm 1977 bei einem Aulandsaufenthalt in Berkeley seine sowjetische Staatsbürgerschaft ab. Er gilt als einer der bedeutendsten litauischen Lyriker, Übersetzer, Literaturkritiker und Publizisten. „Venclova’s Lied setzt an dem Punkt ein, wo die Stimme normalerweise bricht, am Ende des Ausatmens, wenn alle inneren Kräfte bereits verbraucht sind." Joseph Brodsky  (Frank Milautzcki/ Redaktion - fixpoetry)

AM DREIWEG

Der Pfad rann vom Fahrdamm hinab zum Rasen,
Der naß war. Man sah die Sonne in einer Brache
Versacken, ein altes Drahtstück entflammend.
Ein Wappen prangte da am gestreiften Pfahl.
Rauh scharrte der Lattich sich am Beton.

Nordostwärts dehnte als Ebene sich die wehe,
Betretene Erde, von der Nacht schon beschwert.
Am Rand eines Erlenwäldchens verletzte ein Reh
Erste Ästlein. Am Horizont, ferne Legende,
Lehnte ein See, vor dem in dämmernden Wellen
Am Ufer ein Kind wie vorm Spiegel sich drehte,
Ein Kind wie du ehedem. Und es weht ein Refrain
Durchs Reet, den Bootssteg streifend, die Lettern
Am efeubedeckten Grabstein. Die Zeit,
Dem Gedächtnis entwendet, dem Biographen,
Bedeutungsschwerer ist sie als alles ringsher –
Last, nie im Leben zu heben, doch Rettung auch.

Zur Linken, wild ins Kraut schießend, Dickicht.
Darin eine grimmige Lichtung, hier zieht den Blick
Schlick und Morast an, ein glitschiger Sumpf,
Durch den Geister flitzen, unsichtbares Gelichter,
Grinsend, in filzige Felle gewickelt, dem Hirn
Eines irren Radierers entwischt. Weiter hinten
Liegen Wiesen, tiefschwarz, zertrümmerte Brücken.
Ein Kanal schlich dahin, siedlungsferne, ans Meer,
Das fixiert liegt im Eis, und kein Schiff da am Pier.
Alle wissens: hier sind die Kinder geboren,
Um im Wind ihre Spritzen zu teilen, die Fixer,
Ihr Intimstes, den Zorn, Zigaretten und Sperma.

Im Rücken – weißgrauer Dunst aus den Schuppen,
Das Knurren der Hunde, die das Gut behüten
Vor ungebetnem Besuch. Es ist spät geworden.
Am Burghügel humpeln, durch manche Mulde,
Die krummen Wege hinauf, kaum je benutzt,
Die Mauern, unverputzt, dunkel vom Ruß.
Sei´s drum, das Fatum hat´s aufgezwungen:
An meinem Ursprung, an dreifacher Kreuzung,
Wo unweit vom Türsturz Terminus durchgeht
Aus unruhigen Zeiten, bis gestern noch tödlich,
Unten im Talgrund beim furchtbaren Viadukt
Muß sie nochmals durchquert sein, die Suhle.

Berühre das Gras nun, das kühle, der Kindheit.  
Willkommen daheim. Im Dreiton rauscht dort das Meer
In der Muschel der Nacht. Daß die Gnade dich finde:
Einer neuen Epoche, die keine Posten mehr braucht,
Einer Luft, die sich sehnt nach der einzelnen Stimme.

Am 24. Oktober 2008 lasen Tomas Venclova und die Übersetzerin Claudia Sinnig in Rheine. Zu den Besonderheiten dieser Lesung gehörte, dass der Autor, bevor er ein Gedicht las, Grundlegendes dazu sagte. Es stellte sich heraus, dass manches Gedicht durch eine solche Kommentierung erst ´verstanden´ werden kann. So das Gedicht AM DREIWEG: Jede der drei zwölfzeiligen Strophen, die sich zwischen der ersten und der letzten Strophe, die jeweils fünf Zeilen aufweist, befindet, ist einem Land gewidmet; dieses Land wird nicht explizit genannt, aber in einer spezifischen Stimmung und lautlichen Qualität dargestellt. Die erste dieser drei Strophen ist „Litauen“ gewidmet, dem Geburtsland des Dichters. Es wird – wie Venclova und anschließend Claudia Sinnig kongenial erläuterten – „nostalgisch“ charakterisiert und dominant ist auf der lautlichen Ebene der (offene) Vokal „a“. Diese Eigentümlichkeit brachte entsprechende Schwierigkeiten bei der Übersetzung mit sich, die bei diesem Gedicht Durs Grünbein vornahm und nach Einschätzung von Sinnig „gut gelungen“ ist. Die zweite Strophe gilt dem Kaliningrader Gebiet, dem ehemaligen Ostpreußen, und wird vom Autor „ironisch und fürchterlich“ beschrieben. Es hat seine historisch-biographischen Ursachen, auf die noch eingegangen wird. Diese Strophe wird klanglich bestimmt durch den Vokal „i“. Die dritte Strophe ist dem Land Polen gewidmet, auf das der Autor „mit Sympathie“ blickt. Venclova, 1937 geboren, lebt zeitweilig in Polen, wenn auch hauptsächlich in New Haven, wo er – im Alter von 71 Jahren – russische Literatur lehrt. Klanglich wird diese Strophe vom (dunklen) Vokal „u“ repräsentiert. Der Titel des Gedichts AM DREIWEG spielt also, jedenfalls auf kartografischer Ebene, auf ein Dreiländereck an, das in dieser Form seit dem 16. Jahrhundert besteht. Länder, die durch das Meer getrennt voneinander liegen. Das kann überleiten zu jenem Gedicht, das auch dem Gedichtband den Namen gibt und „AM DREIWEG“ eine weitere Dimension des Verstehens unterlegt.

GESPRÄCH IM WINTER

Tritt ein in diese Landschaft. Noch ist Nacht.
Hinter den Dünen braust leer die Chaussee
Und der Kontinent kämpft mit der See
Unsichtbar, doch stimmenüberfrachtet
Im Schnee eine leichte, verwehte Spur,
Die ein Mensch oder Engel hinterließ,
Im schwarzen Fenster der Küste Kontur
Erinnert an die fruchtlose Antarktis.

Die Abgründe brodeln unter der Eisschicht.
Die wievielte Meile schon rollt der Sand.
Die Brücke taucht auf, taucht ab am Strand,
Und der rauhe Raum des Winters weitet sich.
Keine Telegramme und keine Briefe,
Nur Fotos. Und der Transistor versagt.
Es scheint, die tropfende Kerze versiegelt
Die gefährliche Zeit mit ihrem Wachs.

Wie feucht ist die Luft, wie scharf das Gestein,
Wie allmächtig das Röntgen vor Sonnenaufgang!
Der angespannte Blick durchdringt die Mauern,
Den Glockenturm und den menschlichen Leib.
Vorm weißen Hintergrund zeichnen sich nur
Verschwommen die Umrisse der Bäume ab.
Schließ die Augen, durch die Rinde siehst du
Den schmalen, letzten Jahresring, beinah.

„Die Gewohnheit schwächt die Sehkraft,
Auf die Dauer täuscht man sich dann leicht.“
„Mit diesem Omen sind wir nicht gemeint.“
Die reifbedeckte Achse dreht sich,
Am Horizont, wo jeder Laut erstarrt
Und wo die schwarzen Schiffe schimmern,
Entzünden sich jetzt Jupiter und Mars
Am unbewegten Küstenhimmel.

Die Leere zieht sich zum Atlantik hin,
Die Felder öd, wie aufgesperrte Säle.
Der Januar liegt auf dem Februar,
Das Flachland duckt sich unterm nassen Wind.
Der Hügel Hüllen fallen hinterm Haff,
In eine Mulde sinkt verwehter Schnee,
Sein Schmelz verschattet. „Und was ist dort?“
„Auch Mündungen von Flüssen, Buchten, Häfen.“

In den Netzen des wuchtigen Gewölks
Glitzern schmale Streifen, Fischen ähnlich.
„Erinnerst du dich – was stand in den Sternen?“
„Dieses Jahrhundert ist Zeichen abhold,
Es gibt nur Statistik.“ „Die Gravitation
Des Todes zerrt an den Pflanzen, Menschen
Und Dingen, doch Saat und Opfer keimen schon,
Da denke ich, nicht alles ist zu Ende.“

„Wo ist der Zeuge? Ich verstehe nicht,
Wer Wirklichkeit und Täuschung unterscheidet:
Vielleicht sind auf der Welt nur noch wir beide.“
„Mir kommt es vor, als gäbe es nur dich.“
„Ist da ein Dritter? Du hast mir erzählt,
Daß dieser Unterhaltung niemand zuhört?“
„Es gibt den Himmel, das verschneite Feld,
Und Stimmen überleben manchmal Körper.“

Die Bäume verdunkeln sich im Mittagslicht.
Wenn es ganz hell ist, bleiben die aus Nichts
Erschaffnen Dinge ohne Gewicht,
Im Bewußtsein, das auf Worte verzichtet:
An der Straßenecke die bröckelnde Wand
Die Trümmer geborstenen Eises,
Das Skelett des Geästs … Und Stille dann
An diesem Ufer des Meeres und jenseits.

Zwischen diesem Gedicht (1971) und AM DREIWEG (2001) liegen dreißig Jahre. Zur Zeit der Entstehung des Gedichts GESPRÄCH IM WINTER befand sich Tomas Venclova an der litauischen Ostsee und „versuchte“ – so Sinnig –, „gleichsam von dort aus zu forschen oder zu begreifen, was sich am anderen Meeresufer, auf der polnischen Seite wohl tun könnte“. Dort war es zum „Aufstand“, dem „Arbeiteraufstand vom 14. bis zum 22. Dezember 1970“ gekommen, und Venclova wusste, dass einige Freunde an ihm beteiligt waren. Aufgrund dessen erhält der Vers aus einem noch anderen Gedicht, nämlich dem GEDICHT ÜBER DIE FREUNDE, eine entscheidende Vertiefung. In ihm heißt es: „Ich glaube nicht ans Unglück, ich glaube an / Die Freunde.“

Das Gedicht GESPRÄCH IM WINTER weist auffällig viele Verse auf, die in wörtlicher Rede stehen. Dazu sollte man wissen, dass im Gedicht drei Stimmen im Dialog miteinander stehen: Es ist der Dialog des Autors mit sich selbst, und „der dritte Gesprächspartner ist Gott, von dem nicht klar ist, ob es ihn überhaupt gibt oder nicht“.

Unter diesen Voraussetzungen wird nun klar, dass das Gedicht AM DREIWEG – auch – auf den blutig niedergeschlagenen Aufstand, der dem GESPRÄCH IM WINTER zugrunde liegt, aus einem Abstand von dreißig Jahren zurückblickt: „An meinem Ursprung, an dreifacher Kreuzung, / Wo unweit vom Türsturz Terminus durchgeht / Aus unruhigen Zeiten, bis gestern noch tödlich […].“ Von dort aus bzw. mit all dem, was sowohl in den Gedichten wie durch die Kommentierung des Autors zur Sprache kommt, kann nun die Schlussstrophe von AM DREIWEG ermessen werden:

Berühre das Gras nun, das kühle, der Kindheit.
Willkommen daheim. Im Dreiton rauscht dort das Meer
In der Muschel der Nacht. Daß die Gnade dich finde:
Einer neuen Epoche, die keine Posten mehr braucht,
Einer Luft, die sich sehnt nach der einzelnen Stimme.

Tomas Venclova
Gespräch im Winter
Übersetzung:
Claudia Sinnig und Durs Grünbein
Suhrkamp
2007 · 132 Seiten · 19,80 Euro
ISBN:
978-3-518419137

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