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Aufbau, Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern
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Aufbau, Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern
Kritik

Klingendes Holzschwert mit sechs Saiten

Wie bei kaum einem anderen Schriftsteller ermöglicht das künstlerische wie politische Schicksal Wolf Biermanns Aufschlüsse über das deutsch-deutsche Dilemma
Hamburg

„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ – dieser Vers von Wolf Biermann kennzeichnet treffend nicht zuletzt seine eigene Entwicklung. In Balladen und Gedichten aber auch in zahlreichen Essays und Wortmeldungen hat Wolf Biermann im Laufe der Jahrzehnte seiner künstlerischen Existenz Stellung bezogen und sich „ein bisschen eingemischt“, wie er es programmatisch in seinem Lied „So soll es sein – so wird es sein“ angekündigt hatte. Es ist seiner Frau Pamela zu verdanken, daß Biermann pünktlich zu seinem 80. Geburtstag am 15. November 2016 seine Erinnerungen „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ vorlegen konnte.

1936 in Hamburg als Sohn kommunistischer Eltern geboren, gibt Biermann Einblicke in das Milieu seiner Familie. Er schildert die beeindruckende Tapferkeit seiner Mutter Emma, die den kleinen Wolf durch alle Widrigkeiten des Lebens geschleust hatte. Während der verheerenden Bombennächte in Hamburg war Biermanns innere Lebensuhr, wie er schreibt, bei sechseinhalb Jahren stehen geblieben. Geradezu organisch erschließt sich aus Biermanns familiärer Sozialisation sein politisches Selbstverständnis. Schließlich war ihm von Kindesbeinen an gleichsam der Parteiauftrag erteilt, den gewaltsamen Tod seines Vaters Dagobert in Auschwitz zu rächen und sich für die Errichtung eines sozialistischen Gesellschaftssystems einzusetzen.

Als Jugendlicher siedelte er in die DDR über, legte das Abitur ab und studierte in Berlin Mathematik und Philosophie. Es ergeben sich in dieser Zeit seine ersten Verse, die er mit der Gitarre begleitet, die Bekanntschaft mit Förderern wie etwa den Komponisten Hanns Eisler oder den Schriftsteller Stephan Hermlin wie auch die Faszination des legendären Berliner Ensembles. Seinem kecken Naturell entsprechend hatte er bei Helene Weigel höchstpersönlich vorgesprochen und war daraufhin zum Regieassistenten eingestellt worden. Seine eigene Gründung des „Berliner Arbeiter-Theater“ wurde kurz vor der Fertigstellung 1961 von den Behörden verboten. Für den gelernten Dialektiker Biermann kam dies einer unverhüllten Aufforderung gleich:

„Seitdem das b.a.t., meine kleine Theaterkanone, konfisziert worden war, konzentrierte ich mich auf kleinere Handfeuerwaffen, meine Lieder und Gedichte, und auf mein klingendes Holzschwert mit sechs Saiten“.

Es sind spannende Kapitel, in denen Wolf Biermann seine Jahre in der DDR vorüberziehen läßt. Sehr bald schon stellten sich Widersprüche ein, mit denen der junge Wolf fertig werden mußte. Mit seinem unbekümmerten Selbstverständnis als Kommunist eckte er an im Land des „real existierenden Sozialismus“ und zog den Zorn der Parteibonzen auf sich. Seit 1965 unterlag Biermann einem Auftritts- und Veröffentlichungsverbot in der DDR. Seine Bücher und Schallplatten konnten nur in der Bundesrepublik erscheinen, von wo sie auf verborgenen Wegen zurück nach Ostdeutschland fanden.

In schlimmsten Zeiten hielt Biermann die Freundschaft mit seinem väterlichen Freund Robert Havemann aufrecht. Als Marxist und Widerstandskämpfer war Havemann während der Nazizeit zum Tode verurteilt worden. Nur durch glückliche Fügung hatte er das Zuchthaus überlebt und war in der DDR als vehementer Bekämpfer des Stalinismus vom einstigen Hoffnungsträger des Partei-Establishments in die Rolle des prominentesten Dissidenten zurückgefallen.

Wolf Biermanns spektakuläre Ausbürgerung aus DDR im November 1976 nach einem legendären Auftritt in Köln erwies sich aus der historischen Rückschau als der Anfang vom Ende der DDR. In bislang nie dagewesener Deutlichkeit hatten bedeutende Künstler und Schriftsteller die rigide Entscheidung der Machthaber in der DDR kritisiert und in aller DDR-Bescheidenheit darum gebeten, „die beschlossene Maßnahme zu überdenken“. Vergeblich! Der Kommunist Biermann saß fortan gegen seinen Willen in der Bundesrepublik fest – und entwickelte sich, ganz dialektisch, in ungeahnten Bahnen weiter.

Nach den Lehrjahren folgten jetzt die Wanderjahre. Das Leben in der Bundesrepublik stellte Biermann vor völlig neue Herausforderungen, er pendelte zwischen seiner Vaterstadt Hamburg und Paris.  Nach wie vor korrespondierten bei Biermann zwei Stränge lose miteinander – die politisch-ideologischen Positionen und die künstlerisch-literarische Produktion. Mäanderartig hatten sie sich in allen Entwicklungsphasen immer wieder einander bedingt, einander überkreuzt und zugleich auch für eine gesunde Distanz gesorgt. Biermanns urwüchsige Sprachkraft wie auch seine präzise Ausdrucksform kamen ihm dabei zugute. Seine politisch motivierten Stellungnahmen waren ausgereift genug, um sich von plumper Agitation abzusetzen und seine Balladen und Lieder gaben gleichzeitig immer mehr her, als lediglich verspieltes Wortgeklingel.

Eindrucksvoll gerät seine Genugtuung über den gewaltlosen Zerfall des „real existierenden Sozialismus“. Mit Zähigkeit wehrten sich die selbsternannten Gralshüter des Sozialismus in Ost-Berlin, aber auch sie konnten die Zeit nicht aufhalten. Am 1. Dezember 1989 konnte endlich das erste Konzert in den Leipziger Messehallen stattfinden. 

 

 

„Warte nicht auf bessre Zeiten!“ trägt bereits im Titel einen Programmpunkt von Biermanns vitalistischer Lebensauffassung. Im Osten wie im Westen hatte er sich seine ungebrochene Lust gegen verlogene Anpassung, Leisetreter und Mitläufer bewahrt. Daß West-Linke sich für Nicaragua engagierten, aber keinen Anteil an den Menschenrechtsverletzungen in den sozialistischen Ländern nahmen, half ihm zu erkennen, daß alte Antworten für neue Herausforderungen immer weniger taugten. Biermanns Abnabelung von der sozialistischen Utopie hatte ihn aber nicht davon abgehalten, sich weiterhin kritisch zu äußern. Somit liegt naturgemäß auch kein bloßer Lebensbericht vor, sondern zugleich auch immer die Abbildung politischer Hoffnungen und Wirrungen.

Wolf Biermann
Warte nicht auf bessre Zeiten!
Propyläen Verlag
2016 · 576 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
13 9783549074732

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