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Notiz

Werkstatt statt Werk

Über die Lesung der Tippgemeinschaft in der Lettrétage in Berlin

 

Der Vergleich einer Lesung mit einem Rockkonzert ist von vornherein dazu verdammt, zu hinken, (Gegenbeispiel, aber das nur nebenbei bemerkt: die Veranstaltungsreihe Lyrik ist Happening) und der Vorwurf, dass die junge Literatur von heute skandalös wenig skandalös sei, hat sich mittlerweile auch schon abgenutzt. Umso spannender, dass am 10. April, als die Jahresanthologie des Leipziger Literaturinstituts Tippgemeinschaft in der Berliner Lettrétage zu Gast war, ein Hauch von Punk in der Luft lag, ein trotziges Zelebrieren von Selbstzerstörung oder eine „Lust am Kaputten“, wie es Ina Hartwig im Vorwort der Tippgemeinschaft treffend beschreibt. Jedenfalls begann der Abend mit zwei Texten, die dem Klischee einer angepassten, die Selbstverwirklichung in einer Work-Life-Balance suchenden Generation Y eine deutliche Abfuhr erteilten.

Vielleicht programmatisch: Marlen Pelnys Protagonist, der bezeichnenderweise Wille heißt und im gleichnamigen Prosastück immer ans Rauchen denken muss und außerdem viel zu groß ist. Die Außenwelt ist wie abgedimmt, Wille begegnet ihr mit tiefer Ratlosigkeit. Was bleibt, ist er selbst, aber wenn er „etwas wirklich hasste, war es das: Sich mit sich selbst zu beschäftigen“. Es berührt einen, das Schicksal dieses tragischen Antihelden, jedenfalls fast. Eine Parodie seiner selbst ist aber nicht nur die Figur, sondern (und hier im besten Sinne) der Text als Ganzes, wenn man an die vielbeklagte „Nabelschau“ der jungen deutschen Literatur denkt, die er wörtlich nimmt: Wille fischt Unmengen an Fusseln aus seinem Bauchnabel – „Mittlerweile hätte er daraus einen Strumpf stricken können“. Pointierter könnte man die Karikatur dieses literaturkritischen Feindbilds gar nicht zeichnen. Dennoch kommt man nicht umhin, in Willes Feststellung, dass er „sich selbst zuwider“ sei, Sartres Ekel wiederzuerkennen, der nicht für die Nabelschau, wohl aber für geniale Einblicke in die Absurdität der eigenen Existenz bekannt geworden ist.

Sadistische Selbstbetrachtung (wenn auch vielleicht mit etwas mehr Begeisterung – „Ich hatte noch nie etwas, das Krach machte“) lässt sich auch bei dem Ich-Erzähler in Peter Lünenschloß' Rückzug diagnostizieren, der seinen körperlichen Verfall ebenso schwer erträglich schmerzhaft wie komisch dokumentiert. Völlig desorientiert (und auch irgendwie unmotiviert) wird das Erzähler-Ich schließlich aus dem eigenen Körper ins All katapultiert, die eigene Reflexions- und Vorstellungskraft durch den Kommentar „Wie sinnlos“ ins Unendliche potenziert. Man fühlt sich ein wenig an der Nase herumgeführt, wenn man den letzten und schönsten Satz als Pointe liest, die den grandios morbiden Zustand als Liebeskummer wegzuerklären droht: „Das All roch nach ihr.“

In Sibylla Vričić Hausmanns Unterm Strich fallen unsentimentale, nahezu rabiate Beschreibungen auf – „Elma hat ein großes Gesicht, ein rundes Kinn mit Einbuchtung“. Der Text wurde als Teil eines Mêlées kurzer Textabschnitte von verschiedenen Autorinnen und Autoren der immerhin stolze 440 Seiten starken Anthologie vorgetragen, die in ihrer diashowhaften Aneinanderreihung überraschend gut funktionierten – man blieb an Sätzen hängen wie „Die Vergleiche hinken, wie das Holzbeines meines Vaters, den ich nie hatte“ (Alexander Kappe), „Unsere Tagen beginnen wir immer gleich: Ohne Erwartung, ohne Plan“ (Saskia Warzecha). Fragmentarisch waren auch die Gedichte, die folgten und bedauerlicherweise nicht in der Anthologie zu finden sind: Sie profitierten von der unaufgeregten Beiläufigkeit, mit der Sätze, Bilder aufeinandertrafen, angerissenen Szenen, die oft klangen, als wären sie mitten aus einer Romanlektüre gegriffen.

Theresa Pleitner las einen Text, der zwar nicht in der Tippgemeinschaft erschienen ist, aber mit ihrem dort veröffentlichten einiges gemein hat, etwa exakte, beinah klinisch anmutende Beschreibungen.  Reise zum Turm ist dennoch unheimlich nah dran an dem Versuch einer Enkelin, zu ihrer Großmutter durchzudringen, deren Zustand mit dem trockenen Urteil umrissen wird: „Der Neurologe sagt später: Tiefe Nacht“ – ein Effekt fein getakteter Sätze („Ich nicke mich von einem Komma zum nächsten“), die Gefühle von Personen auf Gegenstände verschieben, parallel zum Entgleiten der Situation, der Großmutter selbst, die sich in der Vergangenheit verliert.

Auch bemerkenswert: Lene Albrechts Kamina, ein Text, der alles tut (vielleicht schon wieder zu ambitioniert tut), um sich dem Vorwurf der Nabelschau zu entziehen: Es geht um deutsche Kolonialgeschichte, der Schauplatz ist eine Funkstation, die die Deutschen 1914 in Togo errichtet und selbst wieder zerstört haben. Beständig horchen, klopfen und tasten die beiden Protagonisten die betonierten Überbleibsel der Geschichte ab („Alles, was die Deutsche hier gebaut haben, ist solide“), in verkrampfter Sehnsucht nach einer körperlichen Erfahrung von Vergangenheit. Dass man „sie doch spüren muss, die Geschichte“ kommentiert der Text trocken mit der Wunde, die sich der Ich-Erzähler beim Durchqueren von Gestrüpp und Geröll zuzieht. Schlaglichtartig und in ihrem Epiphanie-Charakter etwas befremdlich werden Szenen aus einer möglichen Vergangenheit eingeblendet, eine nicht näher bestimmte „sie“, die beim Klettern auf den Funkturm der Schwindel ergreift, während die Protagonisten aus der Gegenwart sich bereit für den Abstieg in einen Bunker machen. Schwindel der Höhe, Schwindel der Tiefe – prononcierte Symbolik, die dennoch einen erzählerischen Sog entfaltet.

Kamina ist ein Auszug aus einem noch unvollendeten Roman, also ein work in progress, und das ist deshalb relevant, weil der Abend, wie Alexander Kappe und Saskia Warzecha stellvertretend für die siebenköpfige Herausgeberschaft der Tippgemeinschaft betonten, ganz im Zeichen des Offenen, des Werkstattcharakters stattfand. Auf Kurzbiographien, Aufzählungen von Veröffentlichungen und Preisen wurde verzichtet, im Mittelpunkt standen die Texte. Schließlich ist die Tippgemeinschaft ein Projekt von Studierenden für Studierende und in die Anthologie wurden tatsächlich alle Autorinnen und Autoren, die etwas eingesandt hatten, aufgenommen, sofern sie bereit waren, sich dem Lektorat zu unterziehen.

Nicht nur weil sie das Spektrum jungen Schreibens aufblättert, sei an dieser Stelle also ein Blick in die Tippgemeinschaft und der Besuch einer der Lesungen in Wien (25. April) oder Prag (3. Mai) empfohlen, sondern eben auch, weil man den Texten hier immer noch ein wenig das Prozesshafte, Lebendige anmerkt. 

 

Anmerkung der Redaktion:

TIPPGEMEINSCHAFT 2016
Jahresanthologie der Studierenden des Deutschen Literaturinstituts Leipzig
Vorwort von Ina Hartwig

Herausgegeben von Jonathan Böhm, Sandra Burkhardt, Özlem Özgül Dündar, Alexander Kappe, André Patten, Sibylla Vričić Hausmann und Saskia Warzecha

Gestaltung: VIVIAN WU, im Rahmen eines Projekts an der Köln International School of Design unter der Leitung von Prof. Michael Gais

Mit Texten von: Lene Albrecht, Esther Becker, Maja-Maria Becker, Josefine Berkholz, Jonathan Böhm, Katherin/kaśka Bryla, Katia S. Ditzler, Özlem Özgül Dündar, Lara Hampe, Johannes Hein, Sibylla Hirschhäuser, Kathrin Jira, Simon Kalus, Alexander Kappe, Antje Kersten, Marcus Klugmann, Nora Linnemann, Peter Lünenschloß, Johanna Maxl, Marko Milovanovic, Jonas Mölzer, Lina Morawetz, Domenico Müllensiefen, Yade Önder, Désirée Opela, Ronya Othmann, André Patten, Marlen Pelny, Theresa Pleitner, Alexandra Riedel, Jan Schillmöller, Daniel Schmidt, Andra Schwarz, Cathrin A. Stadler, Sibylla Vričić Hausmann, Julian Walther, Saskia Warzecha, Paul Watermann, Sebastian Weirauch, Nadja Wieser, Bettina Wilpert, Janin Wölke, Maren Wurster und Juliane Zöllner.

120 mm x 190 mm
Seiten: 444
Preis: 14 EURO
ISBN: 978-3-937799-76-6
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