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Marcel Beyer liest aus dem noch unveröffentlichten Buch „Das blind geweinte Jahrhundert“

Am 16. März las Marcel Beyer auf Einladung der literarischen Gesellschaft in der Stadtbibliothek Bielefeld aus dem erst im April erscheinenden Buch „Das blind geweinte Jahrhundert“. Kai Kaufmann, Dekan für Linguistik und Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld, moderierte die Veranstaltung.

Marcel Beyer Das blindgeweinte Jahrhundert - Bild und Ton, Suhrkamp April 2017

Beyer erzählte, dass „Das blind geweinte Jahrhundert“ einer Frage nachgeht, die ihn schon lange beschäftigt; wie funktioniert Kommunikation ohne Sprache? Seit vielen Jahren schon sammelt Beyer Stellen in der Literatur, die sich mit Tränen beschäftigen, aber auch Zeitungsnotizen, in denen von Tränen die Rede ist. Dabei sei ihm aufgefallen, dass die Tränen, die zum Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts bedeutsam geworden seien, insbesondere in der damals aufkommenden Ära der Briefe und Briefromane, im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend in die Kitschecke verbannt wurden, um in den letzten Jahren über den Wirtschaftsbereich wieder zurückzukehren. Beyer berichtet in diesem Zusammenhang von einem Ratgeber, der Managern empfiehlt, wenn sie schlechten Nachrichten überbringen müssen, zumindest feuchte Augen zu bekommen, wenn nicht gar Tränen fließen zu lassen.

In dem Ausschnitt, den er dann liest, geht es jedoch um einen Jungen, der gerade nicht weint, wobei das Gesicht, das auf der Kinderschokoladenpackung der 70er Jahre abgedruckt war, Heintje und Marcel Beyer selbst, als ständig von der Großmutter frisiertes Kind, ineinander übergehen, und zu einem Zeitbilder der frühen 70er Jahre verschmelzen.

Gemäß seines Verdachtes des Kinds als „Sprechpuppe“, das Worte und Sätze aufnimmt und dann mehr oder weniger wahllos wiedergibt, spielt Marcel Beyers Text mit Zitaten aus Heintje Liedern. Wenn er die teilweise grammatikalisch mangelhaften Sätze korrigiert, entstehen daraus weitgehende Implikationen, die häufig auf einen seltsam bildungsbürgerlichen Humor hinauslaufen, der jedoch sehr passend für die Beschreibung dieser teilweise durchaus verlogenen Zeit ist.

Die Assoziationen und Erinnerungen gewinnen in Beyers Text schnell an historischer Tiefe. Man erinnert sich nicht nur an die eigene Kindheit, in der diverse Erwachsene auch sehr gerne Heintje hörten, sondern erfährt eben auch etwas über die Hintergründe der Schlagersprache im allgemeinen und bestimmter Heintje Lieder im Besonderen. So sang Heintje 1967 ein Blitzkrieglied von 1941, so dass Beyer ihn als Wiedergänger eines Soldaten enttarnt und damit eine ganze Generation, die seine Lieder liebte, obendrein.

Diese Episode lässt vermuten, dass es sich bei „Das blind geweinte Jahrhundert“ durchaus um eine Kritik der Tränen als Kommunikationsmittel handeln wird. Denn Tränen verschleiern den Blick, wo sie willentlich herbeigeführt werden, lauert immer die Gefahr, eine klare und nüchterne Analyse verhindern zu wollen. Stattdessen werden Tatsachen und Zusammenhänge emotionalisiert.

Im anschließenden Gespräch mit Kai Kauffmann geht es insbesondere um die Schlagersprache als Aufhänger für die derzeit viel diskutierte „leichte Sprache“. Die aktuelle gesellschaftliche Herausforderung durch die Vielzahl geflüchteter Menschen in Deutschland, lässt die Forcierung der „einfachen Sprache“ immer wieder laut werden. Kauffmann stellt die Fragen, welche Gefahren eine derartige Vereinfachung birgt, und wie überhaupt die Sprache vereinfacht werden kann. Insbesondere möchte er von Beyer wissen, wie dieser zum Konzept der „einfachen Sprache“ steht.

Als er während seiner Arbeit an „Flughunde“ entschied, dass eine der Erzählstimmen der 8jährigen Helga Göring gehören sollte, habe er festgestellt, dass Sprache sich nicht nur in Schriftsprache und gesprochene Sprache, sondern darüber hinaus in Sprachvermögen unterteile.

Zur einfachen Verständigung sei die einfache Sprache gut und hilfreich, in der Literatur hingegen sei Komplexität unverzichtbar.

Beyer zieht für sich das Fazit, dass die Forcierung einer einfachen Sprache die Mauer nur verschiebe. Mit dem Beharren auf Vereinfachung schließe man die zugewanderten Menschen vom Sprachvermögen aus. Sprache sei nicht nur zweckgebunden. Anspielungsreichtum, Tiefe, Witz usw. seien nur durch eine komplexe Sprache möglich. Mit einer Vereinfachung gingen die Geschichten zwischen den Zeilen verloren.

Zum Abschluss liest Beyer noch einige Gedichte aus seinem 2014 erschienen Gedichtband Graphit. Darüber zu sprechen, fehlt die Zeit. Oder der Wille. Nicht auf Beyers Seite, der während des gesamten Abends gern und angenehm erzählt, aber die Schlussworte, die Kai Kauffmann nach der Lesung der Gedichte spricht, sind unmissverständlich und dulden keinen Widerspruch.

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