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Des Herzens süße Not – das Phänomen Courths-Mahler

Courths-Mahler-Archiv Nebra

 

Die „Königin des Kitschs“ wird 150 Jahre alt. „Das ist ja wie in einem Courths-Mahler-Roman“ – in dieser Redensart ist sie uns auf jeden Fall erhalten geblieben. Auch manche ihrer Figuren, wie „Griseldis“. Hedwig Courths-Mahler bedient in den über 200 Romanen die Sehnsucht nach der heilen Welt, sie sagte selbst: „Ich habe nichts anderes getan, als später der Film: ich habe schwer arbeitenden Menschen jenes Leben gezeigt, nach dem immer ihre Sehnsucht ging, das sie jedoch nie kennenlernen würden. Ich habe Märchen für große Kinder erdacht.“ Märchen, die beispielsweise in den Filmen Rosamunde Pilchers weiterleben oder origineller und zeitgemäßer in den Bridget Jones-Verfilmungen, die gern auch von Leuten gesehen werden, die sich sonst eher in der Hochkultur zuhause fühlen. Sie brauchen sich nicht zu genieren, denn Bertolt Brecht sogar bezeichnete sie als „große Realistin“.

Hedwig Courths-Mahler Zum 150.Geburtstag, Hasenverlag 2017 Was diesen ausgesprochenen Nichtromantiker dazu verleitet hat, kann man nur erahnen. Er war gern bei ihr zu Gast, in den 1920er Jahren führte Hedwig Courths-Mahler einen Salon in der Berliner Knesebeckstraße im vornehmen Stadtviertel Charlottenburg. Sie pflegte ihre Gäste selbst zu bekochen und es kamen Stummfilstar Henny Porten, Asta Nielsen, der Sänger Richard Tauber, der Komponist Franz Lehar, der Autor Curt Goetz und andere Größen des Berliner Kulturlebens. Da war sie bereits berühmt und man schmückte sich gern mit ihr. Aber viele Vertreter der Hochkultur rieben sich auch an ihr. Alfred Kerr begrüßte sie: „Sie sehen gar nicht so kitschig aus wie Ihre Romane“. Sie daraufhin: „Und Sie nicht wie ein Henker“.  „Kotz-Mahler“  und „Furz-Mahler“ kalauerte der Satiriker Hans Reimann , Mitverfasser des Romans „Die Feuerzangenbowle“. Seine Courths-Mahler-Parodie „Schlichte Geschichten fürs traute Heim“ ist heute vergessen, obwohl sie vom Expressionisten George Grosz illustriert wurde. Aber die Erfolgsautorin wehrte sich auch und fragte Reimann, was ihn so „erbost“ hätte, dass er „immer Reklame“ für sie mache. Ihre Romane würden sich nach seinen „Pöbeleien“ besser verkaufen als vorher. Nein Hedwig Courths-Mahler haut nichts so schnell um. In den Jahren der Inflation verlor sie Millionen, sie schrieb sie wieder rein – mit bis zu 14 Romanen im Jahr.

Courths-Mahler-Archiv Nebra Sie wusste, für wen sie schrieb. Sie selbst hatte als 14-jähriges Dienstmädchen in Leipzig Die Gartenlaube gelesen und sich wohl dabei immer nach einem besseren Leben gesehnt. Viele ihrer Protagonisten stammen aus ungeklärten Familienverhältnissen. Sie selbst ist die uneheliche Tochter eines Soldaten, der vor ihrer Geburt starb. Die Mutter ging für die Niederkunft von Weißenfels nach Nebra. Der kleine Unstrutort hat wirklich nicht mehr als die Geburt von Ernestine Friederike Elisabeth Mahler am 18. Februar 1867 zu vermelden, führt aber ein kleines Archiv. Die ersten Geschichten hörte sie (wie Hans Christian Andersen) vom Schustervater, in dessen Familie sie als Pflegekind aufwuchs. Schon ihre Kindheit fand zwischen Trivial- und Hochkultur statt. Ihre ersten Anregungen stammen aus einem Wanderzirkus, wo sie „Hedwig, die Zigeunerbraut“ auf einem Pferd reiten sah, die sie so beeindruckte, dass sie sich nach ihr benannte. Und sie spielte, laut eigener Aussage, auf einem Friedhof in Weißenfels am Grab von Novalis neben rosenumwachsenen Grafengräbern, Szenarien ihrer ersten „kunterbunten“ Geschichten. Eine glückliche Kindheit, die durch den Besuch der Weißenfelser Bürgerschule nicht sehr getrübt wurde, die Zahl der von ihr absolvierten Schuljahre schwankt zwischen zwei und vier. Ihr Entdecker, der Chemnitzer Redakteur Paul Hermann Hartwig, entsetzte sich über die vielen Fehler in ihren Manuskripten, doch seine Begeisterung war größer. Die Jahre zuvor hatten es in sich. Nach der Dienstmädchenzeit arbeitete sie als Verkäuferin in verschiedenen Leipziger Geschäften, dort lernte sie auch „den Fritz“ kennen, sie war 17, als sie sich mit ihm verlobte, doch das Paar musste fünf Jahre bis zu ihrer Volljährigkeit warten, weil die Mutter ihr Einverständnis verwehrte. Fritz Courths verdiente als Dekorationsmaler nicht viel. Vier Jahre, 1889 bis 1893, lebte das Paar in Halle, zog dreimal um und bekam zwei Töchter. Angeblich soll der erste Roman „Scheinehe“ in Halle entstanden sein. Eine Anstellung ließ sie nach Chemnitz ziehen, wo sich nach und nach bescheidener Wohlstand einstellte und der Redakteur des Chemnitzer Tageblatts Ernestine Courths entdeckte.

Courths-Mahler-Archiv Nebra Ab 1905 ging es in Berlin sehr schnell mit der Karriere der Romanautorin voran. Der Ehemann, der dem Wirken seiner schreibenden Frau zunächst etwas ratlos zusah, ließ sich aber von dem bald einsetzenden Geldsegen gern überzeugen. Bis Mitte der 1930er Jahre schrieb sie unermüdlich, war auch Mitglied der Reichsschrifttumskammer, dann versiegte ihre Kraft. Sie kaufte ein Grundstück mit Haus in Tegernsee, pflanzte im Krieg Kohl an, während an der Front Soldaten Courths-Mahler als Feldausgabe lasen. Vielleicht glaubten sie wie Brecht, so wie in Courths-Mahlers Romanen „so genau benimmt sich der Mensch, so, genauso verläuft das Leben.“ Zu vermuten ist aber, dass Brecht den Kritikern der Courths-Mahler eins auswischen wollte.

 

Hedwig Courths-Mahler-Archiv Nebra, Breite Straße 28: Am 18. Februar von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen und Buchverkauf

Buchpräsentation im Weinkeller Nebra im Schlosspark: 18. Februar um 15 Uhr: Hedwig Courths-Mahler. Zum 150. Geburtstag mit Autorin Simone Trieder

Das Buch „Hedwig Courths-Mahler. Zum 150. Geburtstag“ erscheint im Hasenverlag Halle in der Reihe Mitteldeutsche kulturhistorische Hefte und kostet 12,80 Euro

 

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