Weit geöffnete Fenster und Türen - Philippe Jaccottets Augenblicksskizzen sind Notizen aus der Tiefe
„Als ich gestern abend Schuberts letzte Klaviersonate wiedergehört habe, überraschend, habe ich mir einmal mehr ganz einfach gesagt: ‚Das ist es.’ Das ist es, was unerklärlicherweise standhält, gegen die schlimmsten Stürme, gegen den Sog der Leere; das ist es, was wahrhaftig verdient, geliebt zu werden: die zarte Feuersäule, die einen führt, selbst in der Wüste, wo es weder Grenzen noch Ende zu geben scheint.“ Auch Philippe Jaccottet selbst, der hier nach dem Anhören einer Schubert-Sonate in Verzückung geraten ist...
Schön wie eine Illusion – die Feinheit der Wahrnehmung und Gedichte von Petr Halmay
Es war der Doyen der Übersetzer aus dem Tschechischen, Franz-Peter Künzel, der 1994 anlässlich einer grenzüberschreitenden Begegnung von deutschen und tschechischen Schriftstellern dem Publikum erstmals zwei Texte von Petr Šiktanc vorgestellt hatte. Petr Halmay wurde 1958 als Sohn des Schriftstellers Karel Šiktanc in Prag geboren. Da sein Vater sich nicht an das Regime der sogenannten „Normalisierung“ anpassen wollte, das nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ von 1968 in der ČSSR errichtet wurde, erlebte der junge...
Alles über die Idylle des bürgerlichen Beziehungswahnsinns und alles über Sally – der neue Roman von Arno Geiger
Wer meint, seit Flauberts Madame Bovary wäre alles über die alltäglichen Schrecken der bürgerlichen Ehe geschrieben, irrt gewaltig. Ehedramen können als quasi kanonisiertes Subgenre dem Rezipienten immer noch Brauchbares zu seiner Ergötzung und – warum nicht? – Belehrung an die Hand geben. Arno Geigers jüngste Publikation darf in dieser Hinsicht durchaus vor dem Hintergrund einer literarischen Tradition gelesen werden und braucht den Vergleich mit romanesken Vorbildern nicht zu scheuen...
Den Tag zu langen Drähten – Adrian Kasnitz’ Intermezzo in heimischem Gefilde
Wenn myspace ein Land wäre, dann wäre es das elftgrößte dieser Erde, durchschnittlich 300000 Nutzer werden monatlich Mitglied des erst 2003 gegründeten Portals,110 Millionen sind es derzeit. Die Menge der technischen Information auf der Welt verdoppelt sich – alle drei Tage. Vieles auf der Welt wächst rasant und verändert sich rasend schnell - genau der richtige Zeitpunkt, um Dinge von Beständigkeit in den Fokus zu rücken...
„Das Gedicht als Märchenreich ist nicht mehr erhältlich“ – Neue politische Gedichte, herausgegeben von Tom Schulz
Der Untertitel sagt es sehr genau: um neue politische Gedichte dreht es sich – um die Art wie sich unser verhunztes Gemeinwesen in die Sprechweise des Einzelnen mischt, und um den ganzen Scheiß, den wir als Menschenwerk in die Welt stellen und um den niemand drum herum kommt. Gute Lyrik ist gegenwärtig und sowieso politisch. Anwesenheit ist politisch und deshalb begrüßen Politik und Wirtschaft den entfernten (und auch entkernten) Menschen, der auf einem temperierten Platz vor seiner Konsole sitzt und verwickelt ist, ein jeder...
Hymnen auf eine erwachende Nation – die Grasblätter von Walt Whitman übersetzt von Jürgen Brôcan
Der amerikanische Schriftsteller Walt Whitman (1819–1892) gilt als Begründer der modernen amerikanischen Dichtung. Ohne sein Lebenswerk »Grasblätter« wäre T.S. Eliots Langgedicht »Das öde Land« wohl kaum denkbar. Nicht umsonst wird Whitman als der amerikanische Homer und Dante Amerikas verehrt. Seine prosaischen, freien Verse haben die amerikanische Literatur geprägt, wie kein zweites dichterisches Werk. Aber auch auf den europäischen Expressionismus hat Whitmans Lyrik einen wesentlichen Einfluss gehabt...
Stockschwarz ohne Licht im Dunkel - Christoph Meckel erinnert an Peter Huchel
„Erinnerungen an Peter Huchel“ lautet der Untertitel dieses schön aufbereiteten Bändchens, das von Christoph Meckels Freundschaft mit Peter Huchel (1903-1981) berichtet. Es war eine besondere Beziehung, immerhin trennte die beiden ein Altersunterschied von drei Jahrzehnten. Die frühesten Erinnerungen des 1935 geborenen Christoph Meckel an Peter Huchel stammen aus den 1930er-Jahren. Christoph Meckels Vater Eberhard war bereits mit Peter Huchel befreundet. Gemeinsam mit Günter Eich, dem dritten im Bunde, waren die jungen Schriftsteller...
Schnurrpfeifereien auch digital – die gesammelten Werke Wilhelm Buschs
Am 8. Januar 1908 starb Wilhelm Busch, im Alter von 75 Jahren, in Mechtshausen, dem letzten seiner Refugien. "Max und Moritz" erfuhren zu diesem Zeitpunkt bei einer knappen halben Million verkaufter Exemplare bereits die 65. Auflage (ab der 100. Auflage, die 1937 erreicht wurde, stellte man die Zählung ein), Querelen um einige seiner Werke waren inzwischen zu seinen Gunsten beigelegt - "Der heilige Antonius von Padua" hatte ihm ab 1870 Prozesse wegen "Herabwürdigung der Religion und Erregung öffentlichen Ärgernisses...
Wie Gedichte entstehen – Norbert Hummelt und Klaus Siblewski erzählen aus der Praxis
Wie kommt es zum Gedicht? Wie findet es aus der Idee hinaus in ein Buch. Das ist eine sehr persönliche Frage und der Lyriker Norbert Hummelt und der Lektor Klaus Siblewski beantworten sie uns in einem rundum ehrlichen, praxiserprobten, weisen Buch. Sie geben diesmal nicht nur die unsichtbaren gedanklichen und poetologischen Stützgerüste wieder, mit denen man das Gedicht errichtet, sondern finden Worte für das Unwegsame des Grundstücks, die leeren oder übervollen Flächen, die Planken und Anker, das Stahlrohr, das Handwerk und die Pausen...
Wie ein Roman unter seiner Übersetzung leidet – Bitterfotze der Schwedin Maria Sveland
Allein vom Titel her scheint der Roman auf einen Verkaufstisch mit Büchern über Porno-Feminismus und Alpha-Mädchen zu passen: Bitterfotze der Schwedin Maria Sveland. Er weckt die Hoffnung auf eine vulgäre Emanzenlektüre, hält aber keineswegs, was er scheinbar verspricht, denn nicht einmal ansatzweise geht es in dem Roman – der eigentlich eine hybride Form aus Roman, Autobiographie und Reportage ist – um Sex à la Feuchtgebiete. Nicht einmal um schnöden Sex geht es...
»Formen statt Formeln« oder wie man Lyrik gerecht wird – Karen Leeder lud ein die Schaltstelle Lyrik zu untersuchen
Dieser Band zur "neuen Lyrik" beeindruckt nicht nur durch kundige und fundierte Analysen, sondern auch durch eine gelungene Kombination von wissenschaftlichen Beiträgen und umfassender Bibliographie auf der einen sowie einem Interview mit Heinz Czechowski und aktuellen Gedichten zeitgenössischer LyrikerInnen auf der anderen Seite. Zeitgenossenschaft und "neue Lyrik" werden dabei nicht mit den kontrovers diskutierten "LyrikerInnen von Jetzt" (Björn Kuhligk und Jan Wagner: Lyrik von Jetzt. Köln sowie Lyrik von Jetzt 2)...
Ein wundervoller Gedichtband, den keiner kennt – „Die Fähre“ von Klaus Martens
Der Großvater stürzt durch den Leib eines Schiffes und zerschlägt auf dem Boden. Die Großmutter versinkt mit Verbandszeug in der Hand im Meer während des ersten Weltkriegs. Der Vater ist fremd und gehört nicht hierhin, in den Nordwesten von Bremen. Aber die Kindheit kann zaubern, weil sie noch nichts übersieht. Die Mudder Klodt nicht beispielsweise, die in Kopftuch und schwarzem Rock ihre Waren schwer auf dem Rad zum nahen Markt schiebt. Sie kommt quietschend aus den Brennesselwiesen hinter dem zerbombten Haus...
Jenseits der goldenen Scheißhäuser – Bukowskis Lesung im Jahr 1978
Welchen Sinn hat eigentlich das Leben? Eine Frage, die nicht alleine in die akademischen Elfenbeintürme der Philosophie und schon gar nicht in den Schoß der katholischen Kirche unter Leitung des „scheinheiligen Vaters“ (Udo Lindenberg) gehört. Sie ist existenziell für fast jeden denkenden Menschen und nicht selten ständig präsent. Aber wer hat sie beantwortet, wer kann sie überhaupt beantworten? Was ist also der Sinn? Die tägliche Tretmühle? Job, Aufstieg, Frau, Haus, Kinder, besserer Job, neues Haus, neue Frau, neue Kinder? ...
Fremde Freunde - Uljana Wolfs neue Prosagedichte erreichen nicht die sinnliche Wirkung des Debüts
In einer Zeit, in der die christliche Religion, politische Ideologien und philosophische Strömungen an allgemeiner Gültigkeit eingebüßt haben, ist Sprache vielleicht das einzige sinnstiftende Konstrukt des Menschen, das als solches noch weitgehend Glaubwürdigkeit besitzt. Folgerichtig haben sich in den letzten Jahrzehnten viele Lyriker mit innersprachlichen Bezügen befasst, angefangen mit den Vertretern der konkreten Poesie bis hin zu Thomas Kling, Oskar Pastior oder Ulf Stolterfoht. Auch die Peter-Huchel-Preisträgerin Uljana Wolf...
Ein Roman wie Aspirin für Liebeskranke – Orhan Pamuks „Museum der Unschuld“
"Wenn die Dinge, wegen der wir uns schämen, in einem Museum ausgestellt sind, werden sie sogleich zu etwas, worauf man stolz sein kann.", sagt Kemal am Ende des Romans zu seinem treuesten Zuhörer und fürwahr gibt es eigentlich nie einen Grund, sich für seine Gefühle zu schämen, solange sie aufrichtig und echt sind. Orhan Pamuk, der "Anthropologe der Liebe", der in seinem hier 2008 erschienen Buch auch sich selbst eine kleine Nebenrolle zugedacht hat, hatte in den Siebziger Jahren eigentlich Architektur studiert...
Die Wahrheit kann ein Raubtier sein – ein neuer Gedichtband von Heinrich Ost
„Verleger wird man wahrscheinlich, wenn man die Bücher, die man gerne lesen würde, nirgends findet.“ mutmaßte Florian Neuner in seinem Portrait der Corvinus Presse. Die dort erscheinenden Bücher sind wie Flugschriften aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt und sind doch Gegenwart, die sagt, wir dürfen uns mühen und liebevoll umgehen mit unseren Dingen. Es ist längst nicht verboten beteiligt zu sein, an dem was man tut. Ein Buch ist mehr als ein gedrucktes Element. Es ist der Ort eines elementaren Geschehens...
Bits of philosophic history repeated - Michael Tomasello erläutert „Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation“
Welche Art von Argumentationen erwartet man in einem Buch zu den Ursprüngen der menschlichen Kommunikation zu finden? Insbesondere, wenn es vom Direktor der Abteilung für „Vergleichende und Entwicklungspsychologie“ des Leipziger „Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie“ stammt: Dort werden „die kognitiven und sozial-kognitiven Prozesse bei Menschen und den ihnen eng verwandten Primaten“ anhand von menschlichen Kindern, Affen und Hunden erforscht...
Selbstgespräche über Bäume – neue Gedichte von Andreas Altmann
„Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ Dieses Zitat aus seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“, das uns der miesepetrige Bertolt Brecht gleichsam ins Stammbuch geschrieben hat, wirft auch heute noch einen kräftigen Schatten auf die Naturlyrik, insbesondere die deutschsprachige. Nichtsdestotrotz arbeiten sich eine Reihe von zeitgenössischen Autoren sehr ernsthaft an diesem Gebiet ab...
Facetten des Spiegels – die Gedichte um das Ende des Klagens von Margot Beierwaltes
Die Gedichtsammlung Ende des Klagens von Margot Beierwaltes erschien 2004 als vierter Lyrikband in der Edition YE, herausgegeben von Theo Breuer in Sistig, und war die erste Buchveröffentlichung der in Nürnberg lebenden Autorin. Die Gedichte zeichnen sich durch starke, klare Bilder und Metaphern aus, die in einer kühnen, eleganten Sprache abgefasst sind und sowohl die alltäglich-reale als auch die spirituelle Ebene thematisieren...
Inseln der verlorenen Zeit – Reiseberichte von Joachim Sartorius
Wer kann sich dem Zauber entlegener Inseln schon entziehen? Zumindest keiner, der in seiner Jugend „Robinson Crusoe“ gelesen hat. Allein der Name „Die Prinzeninseln“ weckt märchenhafte Vorstellungen, welche die vor der asiatischen Westküste der Türkei gelegene Inselgruppe Kizil Adalar jedoch nur teilweise einzulösen vermag.
Der 1946 geborene Lyriker Joachim Sartorius ist dem Lockruf dieser Inseln gefolgt, hat sich mehrere Wochen in einem mondän anmutenden Hotel eingenistet, die Inseln erkundet...
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