Zur Erinnerung an Wislawa Szymborska: Späte Meisterschaft - Zwei Gedichtbände
03.02.2012 | Der einzigartige Rang der zeitgenössischen polnischen Lyrik ist gegen Ende des 20. Jahrhunderts innert kurzer Zeit durch zwei Nobelpreise bestätigt und dadurch auch international anerkannt worden. Czeslaw Milosz (1911-2004) erhielt seine Auszeichnung 1980 freilich auch vor einem politischen Hintergrund zugesprochen: Seit 1951 war Milosz im westlichen Exil, zuletzt für vier Jahrzehnte im kalifornischen Berkeley. Im kommunistischen Polen hingegen wurde er lange offiziell nicht mehr ...
EXKLUSIV AUF FIXPOETRY: Lyrik - Kritik. Leerstelle, Joker oder blinder Fleck – wo ist Gott im Gedicht?
03.02.2012 | Es mag Zeitgenossen geben, die ein Buch mit dem Titel „Gottesgedichte“ garnicht oder nur mit spitzen Fingern anfassen würden. Da es unter Lyrik firmiert, entgeht es zwar bei den großen Buchanbietern der unsäglichen Mischung aus der Rubrik „Religion,Esoterik,Spiritualität“, aber: brauchen wir noch eine weitere Anthologie? Es gibt bereits Engel- Wolken- Mond- Weihnachts- Wald- Stern- Herz- Nebel- Schnee- Wasser- Blumen- Spiegel- Paar- Trennungs- Wein- Musik-Gedichte, abgesehen ...
EXKLUSIV AUF FIXPOETRY: Lyrik - Kritik. Eine Rückreise zur Quelle der Imagination. Ausgewählte Gedichte von Clayton Eshleman.
02.02. 2012 | Was muss ein Dichter tun, der nach dem Ursprung der Dichtung sucht? Die nahe liegende Antwort ist: er muss in der Zeit zurückreisen. Doch er sollte unbedingt auch etwas anderes tun: hinabsteigen. Hinabsteigen bis zu den Wurzeln der menschlichen Kreativität, hinab in die Höhlen von Chauvet, Combarelles, Lascaux und Altamira. Hinab zu den Orten, an denen der Mensch zum ersten Mal die Bilder aus seinem Kopf befreite und zeichenhaft festhielt. ...
EXKLUSIVBEITRAG - Die Geisteswelt als Einholung eines antiken Versprechens.
01.02.2012 | Ich bin ein wenig hin und her gerissen. Zum Einen missfällt mir der altväterliche Gestus, mit dem dieses Buch daher kommt, es erinnert mich an die Figur Gottes in Goethes Prolog im Himmel. Sie ist leicht tapsig, im Bewusstsein ihrer Macht aber derart souverän, dass alle Sophistereien, die Mephistopheles hervorbringt, an ihr abprallen. Der Mensch denkt, Gott lenkt, pflegte meine Großmutter zu sagen und die musste es wissen, war sie doch Parteisekretärin im Dienstleistungskombinat FIX (sic!) in ...
DASEIN UND DESSIN. Die Lust an der Zeichnung von Jean-Luc Nancy
31.01.2012 | Wer denkt, der sieht nicht einfach, was ist, der sieht vom Sehen viel eher ab, um das Sehen neu zu konfigurieren, zu rekalibrieren, der zeichnet sozusagen, was sein könnte. Denken hat also mit Skizzen zu tun, die mögliches Sehen vorwegnehmen und zugleich hintanstellen. Es geht so ums mögliche Ereignis, worin man, wenn zuvor das Eigene bedacht hat, also zeichnete, etwas erkennen kann, das nicht stereotyp, nicht unser Eigenes ist. So ist das Ereignis, das etymologisch mit dem Eigenen nichts zu tun ...
Ortswechsel - Frankfurt, Leningrad, die schwäbische Provinz und Chicago. Gedichte und Geschichten.
28.01.2012 | Prägende Begegnungen mit Oleg Jurjews Texten waren für mich bislang solche mit kleinen, schön gestalteten schmalen Bändchen. Klar gibt es die im Suhrkamp erschienenen Romane, aber zuweilen ziehe ich die kleinen Formen vor. Dieser Vorzug entspringt keiner Wertung, sondern meinem Leseverhalten. Als ich 1997 nach Philosophiestudium und ein paar Jahren Arbeit als Lehrer für verurteilte jugendliche Drogendealer die Stadt Frankfurt in Richtung Leipzig verließ, schenkte mir eine Nachbarin ...
Freiheitliche Erzähltheorie. Das Handbuch des Nonlinearen Erzählens von Tobias Hülswitt
27.01.2012 | Dieses Büchlein ist vor allem etwas für Interessenten kulturphilosphischer Diskurstheorien: Mit gut hundert Seiten ist es weniger ein praktisches Handbuch für Schreibende als vielmehr ein vielschichtiger Lang-Essay mit interessanten Gedankengängen und Vorschlägen zu dem legitimen Wunsch, den marktgängigen Erzählmustern der Medienindustrie zu entkommen. Denn Hülswitt bewertet die üblichen „aristotelischen“, „Hollywood-mäßigen“ Kausalerzählungen (mit Anfang, Entwicklung, Katastrophe ...
Jubilierende Amseln und tote Tiere am Wegesrand - Wunsiedel von Michael Buselmeier
26.01.2012 | Der Schauspielstudent Moritz Schoppe, das literarische Alter Ego des Autors, kommt 1964 nach Wunsiedel, wo er bei den Luisenburg-Festspielen sein erstes Engagement hat. Der junge Mann, der zum ersten Mal von seiner Mutter getrennt ist, fühlt sich unglücklich im „finsteren“ Wunsiedel, der verschlafenen Kleinstadt inmitten einer herben, erst auf den zweiten Blick reizvollen Landschaft des Fichtelgebirges. Am Theater findet er nicht die erhoffte Anerkennung und erlebt zudem die Unruhe und den Schmerz seiner ersten Liebe. ...
Schlüsselsätze, die erklären, wodurch sich manche Leben von anderen trennen. Der Liebhaber von Marguerite Duras.
26.01.2012 | Ich habe die ersten dreißig Seiten gelesen. Noch geht es nur am Rande um den Liebhaber, noch läuft alles was erzählt wird auf ihn zu, ohne ihn zu erreichen, noch geht es um die Grundlagen, um den Hintergrund, der alles ermöglicht, die Geschehnisse und das Erzählen und ich frage mich, ob ich jemals eine Mutter gehabt habe, wenn ich nicht die Kraft habe, mir eine Mutter zu erfinden, die mir so nahe kommen könnte, wie die verschwendete Leblosigkeit, die Marguerite Duras für ihre Mutter erfindet ...
EXKLUSIV AUF FIXPOETRY: Lyrik - Jede Woche Kritik. Diese kalte fraktale Grammatik.
22.01.2012 | Die Faszination einer Struktur, die so fein ist, als wäre sie lebendig, als hätte sie gehört von unserer Geometrie – aber die Fliehkraft in der kalten Luft, die das Wassertröpfchen zur Metamorphose zwingt, ist doch kein Organismus, die Teile wissen nicht voneinander. Schneeflocken mögen einander ähneln, sobald man etwas von Geometrie gehört hat, aber die eine erklärt nicht die andere. Das Faszinosum ist die Unähnlichkeit der Flocken, entgegen ...
EXKLUSIV AUF FIXPOETRY: Lyrik - Jede Woche Kritik. Ein Leben ohne Poesie ist undenkbar: Jan Wagner in Prosa und Vers.
22.01.2012 | Über die Beglückung, Lyrik zu lesen und zu schreiben, findet man in Deutschland bloß eine vergleichsweise überschaubare Zahl neuerer essayistischer Publikationen, fast immer aus der Feder von Lyrikern selbst. Doch wenige nur sind so klar, lesenswert, scharfsinnig, gebildet und poetisch wie die Aufsätze in Jan Wagners Sammlung „Die Sandale des Propheten“. Beiläufig, wie der Untertitel nonchalant behauptet, sind diese Prosastücke allenfalls im ...
EXKLUSIV AUF FIXPOETRY: Lyrik - Jede Woche Kritik. Tagträume vom aufrechten Gang – „Geometrie und Fertigteile“ von Michael Fiedler
21.01.2012 | Mit den Lyrikbänden der beiden Debütanten Anne Dorn (siehe Besprechung von Jürgen Brôcan) und Michael Fiedler offeriert die neue Lyrikreihe des Poetenladen-Verlages direkt zum Auftakt die ganze Bandbreite der deutschen Gegenwartslyrik. Während es sich bei Anne Dorn um eine vertraute, wenn auch vergleichsweise wenig publizierte Stimme herkömmlicher, besser: geläufiger Dichtung handelt, hat man es bei Michael Fiedler mit einem experimentellen Dichter der jüngeren Generation zu tun, wiewohl ...
EXKLUSIVBEITRAG: Einmal Leben und zurück.
20.01.2012 | Spätestens im Mai 1875 war es soweit. Der blutjunge Dichter Arthur Rimbaud, geboren 1854 in Charleville, hatte mit der Literatur abgeschlossen und beschloss, Klavier zu spielen und in Stuttgart deutsch zu lernen. Dass aus beiden Vorhaben nur bedingt etwas wurde, hat nichts damit zu tun, dass sich in den folgenden Jahren die wohl interessanteste Schaffenskrise der Weltgeschichte vollzog. Von jenen düstren Februarwochen an ist die Spur des heute wohl ...
EXKLUSIVBEITRAG - Wir sind durch und durch Zuchtvieh.
19.01.2012 | Wenn wir in Mitteleuropa über Wildnis nachdenken, dann denken wir über eine Gegend nach, die es im Grunde zumindest hier nicht gibt. Allenfalls denken wir an Maysche Prärien, den Dschungel oder Berge jenseits der Baumgrenze. Wir sprechen in einer Tradition von etwas, was wir eher dem Märchen zurechnen. Unsere Domestizierung reicht soweit, dass wir auch unsere Vorstellungen und Phantasien domestiziert haben. Wir sind, könnte man sagen, durch und durch Zuchtvieh. ...
Chronik des Chronisten – Wilfried F. Schoeller legt die erste umfassende Döblin-Biografie vor
19.01.2012 | Wird Alfred Döblin heute noch gelesen? „Berlin-Alexanderplatz“ darf in einer Aufzählung der großen deutschen Romane des 20. Jahrhunderts sicherlich nicht fehlen. Das Buch zählt zur Pflichtlektüre sämtlicher gymnasialer Oberstufen und germanistischer Seminare, wenngleich es vermutlich nicht wenige Schüler und Studenten gibt, die direkt zu einem der zahlreichen Erläuterungsbände greifen (und/oder sich die Verfilmung ansehen). Zu wissen, wer ...
Booker Prize im vierten Anlauf
18.01.2012 | Nach umfangreichem Werk, weltweiten Auszeichnungen und internationalem Erfolg hat Julian Barnes für seinen letzten Roman im vierten Anlauf endlich den Booker Prize erhalten. Von Anfang an galt Barnes mit „The Sense of an Ending“, (zu Deutsch „Vom Ende einer Geschichte“, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch) als klarer Favorit. Die Jury wurde gleichzeitig gelobt und getadelt dafür, dass sie die Bücher nach Lesbarkeit auswählte, als wäre ...
PETER-HUCHEL-PREIS 2012 | EXKLUSIV auf FIXPOETRY: Lyrik - jede Woche eine Kritik. Im Rahmen karger Reize - etwas fehlt bei Nora Bossongs neuen Gedichten
01.10.2011 | Ein wenig enttäuscht bin ich schon vom neuen Gedichtband Nora Bossongs, zumal er in der Presse überschwänglich gelobt wurde. Vielleicht hat das und die Aufnahme des ersten Bandes die Latte auch so hoch gelegt, dass sie problemlos zu unterlaufen ist. Durch „souveräne Leichtfüßigkeit“ vielleicht, wie Tobias Lehmkuhl der Autorin in der Süddeutschen Zeitung bescheinigt. Mit „Sommer vor den Mauern" legt Nora Bossong geboren 1982, eine Sammlung eher konventioneller Texte vor, die ihren zweiten Gedichtband bildet. Debütiert hatte sie...
PETER-HUCHEL-PREIS 2012 | Vielpolig in verschiedener Richtung verankert - Nora Bossongs neuer Band
01.10. 2011 | Da sich nun schon geographische Metaphern eingeschlichen haben, sei der italienische Pol des Buches herausgegriffen. Dessen Doppelköpfigkeit besteht, wie man nach einigen Spaziergängen in dem dick kartonierten Band der Edition Lyrik Kabinett des Hauses Hanser bemerkt, in der Bezugnahme auf katholische und bukolische Orte und Räume, verschiedene Kirchen hier, »arbusta humilesque myricae« dort. Der duftende Sommer, die reiche italische Vegetation ist von den ersten Versen an präsent, die eine »Dantegegend« mit Tälern, Dörfern...
EXKLUSIV AUF FIXPOETRY: Lyrik - Jede Woche Kritik. Das Augenleuchten der Anne Dorn.
08.01.2012 | Sechsundachtzig Jahre alt hat Anne Dorn werden müssen, um ihren ersten Gedichtband zu veröffentlichen — und damit das vielleicht dienstälteste Debut der deutschen Lyrik vorzulegen. Aus ihren Gedichten unter anderem im „Jahrbuch der Lyrik“ ist sie dem aufmerksamen Publikum natürlich längst bekannt, als eine große und souveräne Stimme. „Wetterleuchten“ hat sie den Band betitelt, knapp, präzise, unprätentiös. Aus welcher Anzahl Gedichte aus wievielen ...
EXKLUSIV AUF FIXPOETRY: Lyrik - Jede Woche Kritik. Das Rurale wird zum Zufluchtsort. "Größer im Liegen" von Les Murray.
08.01.2012 | Auf kaum einen Gegenwartsdichter dürfte die abgegriffene Floskel mehr zu treffen als auf Les Murray: Der australische Schriftsteller ist ebenso berühmt wie berüchtigt. Sein umfassendes poetisches Werk, das auch zwei Versepen umfasst, wird dabei fast von seiner Person in den Hintergrund gedrängt. Antiintellektualismus, Katholizismus, eine tiefe Abneigung gegen modernistischen Elitarismus, gar das urbane Leben – das sind nur ein paar Schlagworte ...
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