weitere Infos zum Beitrag
Lyrik
Ein Klischee als Arbeitsgrundlage – Cowboylyrik aus Leipzig
Natürlich ist das eine lustige Idee und noch dazu geht es ums Klischee. Man sitzt im Café und verlustiert sich über das jährliche National Cowboy Poetry Gathering, wo sich eine romantisierende, nostalgische US-Subkultur reimend um eines der wenigen traditionellen Erben kümmert, welche die USA überhaupt haben: das Leben der Cowboys. „...dass es die Krönung meiner lyrischen Laufbahn bedeutete, wenn ich einmal beim großen Festival der Cowboy-Lyrik in Elko/Nevada auftreten dürfe, mit Jeansjacke, Schnauzbart und Kotletten“ verkündet Ulf Stolterfoht am Tisch und die beisitzenden Studierenden des Leipziger Lyrikseminars springen auf die Satire an und beschließen: sie schreiben fortan bleihaltige Gedichte, daß die Saloon-Wände wackeln.
Nun sind diese Gedichte bei Urs Engeler als roughbook 3 erschienen, ein kleinformatiges, schmales Paperback mit 64 Seiten präsentiert teils sehr erstaunliche Ergebnisse. Neben bekannten Namen, die man schon länger aus Leipzig aufblitzen sieht, gibt es viele Neuentdeckungen mit erstklassigen Texten: Katharina Stooß eröffnet den Reigen auf denkbar beste Art mit einer knappen Ballade, Claudia Gülzow nutzt Text als Pinselstriche, bei Gerald Ridder fressen Fakten am Klischee, kurz und bündig stellt er Moderhinke und Flotzmaul in die Welt, Julia Dathe ist lebendig und echt, Eva Roman schickt humorvoll eine sprachspielende Nachricht an den lebenslänglichen Winnetou Pierre Brice, Choleda Jasdany gleicht die Realitäten ab, die waggonweise mit uns an uns vorbeifahren. Uns bekannte, längst liebgewonnene Dichter glänzen: Christian Kreis läuft elegisch zu großer Form auf (was bei ihm heißt Humor und satirisch vermischte Körpersäfte), Mirko Wenig findet immer eine sonderbare Spur im Alltäglichen, die aus der Tragik herrührt, Betram Reinecke fasziniert, indem er uralte Schilderungen in unsere Zeit eintaktet, Sascha Kokot überzeugt mit großer Sensitivität und blockgesetzten Ausschnitten, Fensterbilder in die wirkliche Zeit.
Es sind sehr viele verschiedene Verfahren in den Texten aufgehoben, das Meiste aus den letzten 40 Jahren Lyrik findet sich auf irgendeine Art und Weise, wenn auch verändert, wieder. Und natürlich auch das Bestreben darüber hinaus zu kommen. Konstantin Ames beispielsweise versucht es, konstruiert und macht und tut und hat dann doch nur Bastellyrik vorzulegen.
Insgesamt eine gelungene Anthologie, die viele gute Texte zu einem Thema präsentiert, das klischeebesetzter nicht sein könnte. Vielleicht gehört es zum Kunstverständnis von Ulf Solterfoht, Klischees dadurch zu zerbröseln, daß man sich ihnen satirisch nähert und Sinn und Unsinn miteinander kollidieren läßt. Auffällig ist, daß sich der große Teil der Texte nämlich auch der Klischees als Arbeitsgrundlage bedient und nur wenige Texte versuchen sich den aus heutiger Sicht doch ziemlich unglaublichen Lebensverhältnissen, denen die real existierenden



