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Gedichte
Das Gespürte ist das Muster der eigenen Zeit – Friedrike Mayröckers Gedichte 2004-2009
Können Verse so schnell sein wie das Denken? Welten, Blicke, Momente, Landschaften – in ein paar Sekunden jahrelang gedacht, jeder kennt das. Aber bei wem haben wir so etwas je eins zu eins gelesen? Ich fand es zum Beispiel in "Repetition EJ" aus Friederike Mayröckers jüngstem Lyrikband: ... so krank zu sehen in den Wacholderbüschen alles verweint bist/ganz in deiner Sehnsucht kontemplativ diese riesigen/Planeten habe Ähnlichkeit mit toter Tante wenn am Morgen ich/in den Spiegel schaue lachsfarbene Schatten weil/glänzende Täler zwischen mächtig ragenden/Bergen ...
Mayröcker lesen heißt, über Gedankenspitzen spazieren, die zeitweilig dahinrasen wie Wellen auf einer endlosen Ideensee. Man kann sich tragen lassen (eventuell ein Surfbrett mitnehmen). Andererseits liegt da eine gastfreundliche Mine bereit, offen für jeden beherzten Wortklauber, überall glänzt Wertvolles. Was wir offeriert bekommen, ist nur das oberste Stück, doch ohne den verborgenen Unterbau wäre der sichtbare Teil unmöglich.
Das vorliegende Buch wurde zum 85. Geburtstag der Dichterin publiziert und vom Verlag dementsprechend beworben. Es umfasst alle lyrischen Texte seit Erscheinen der "Gesammelten Gedichte" im Jahr 2004. In zwei Bänden, auf insgesamt tausendeinhundertfünfzig Seiten – knapp achthundert hat der eine, dreihundertdreiundvierzig der zweite Band – liegt jetzt also Friedericke Mayröckers bisheriges lyrisches Gesamtwerk vor.
Die zum achtzigsten Geburtstag der Dichterin erschienenen "Gesammelten Gedichte" bekam ich zu meinem dreißigsten, der neue Band erschien kurz vor meinem fünfunddreißigsten. Ich weiß nicht, ob ich diese Gedichte anders lesen würde, wenn ich nicht wüsste, dass – mit Vorbehalt gesagt – ein Jahrhundert zu mir spricht. Und was das Jahrhundert sagt, kommt direkt aus den Nerven, Adern, dem Blutkreislauf. Geschichte und Geographie spielen in diesem poetischen Kosmos nur insoweit eine Rolle, dass immer wieder andere Dichter zur Unterstützung des Wortgerüsts herangezogen werden. Die im deutschsprachigen Raum bekanntesten darunter sind vielleicht Hölderlin und Ernst Jandl; auch Ilse Aichinger fehlt nicht. Das sie betreffende Gedicht erzählt in einem Satz eine typische Wiener Geschichte, wie nämlich ein Gedicht Aichingers in einem Kaffeehaus heimlich still und leise aus einer Zeitung gerissen wird (=gesägt, schreibt Mayröcker).
Ist "dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif" also typisch wienerisch? Etwas, das man respektvoll schätzt, weil jeder es schätzt, das aber nur verstehen kann, wer zumindest Österreicher ist, idealiter österreichischer Germanist?
Ich denke nicht. Bestimmt erschließen sich dem virtuosen Literaturwissenschafter, der – falls in Wien wohnend – sogar noch die Leute, denen viele der Gedichte gewidmet sind (Christel Fallenstein, Maria Gruber, Johann Holzer, Sonja Harter, Angelika Kaufmann, um nur einige zu nennen), persönlich kennt, womöglich Konnotationen, die dem Laien verborgen bleiben. Dafür kann sich der "naive" Leser aus den verstreuten Namen, dem EJ und dem D. seine eigene spanische Wand bauen, hinter der hervorlugend man unter Umständen noch besser erahnt, was gemeint ist. Zu wissen, dass D. Deinzendorf ist und EJ Ernst Jandl, ist keinesfalls Vorraussetzung für ein Begreifen dieser Gedichte.
Hier geht es nicht um Wissen. Hier geht es ums Gespür.
Die Essenz von Erlebtem, was im Nachhinein übrig bleibt, ist (sogar für Mathematiker, glaube ich) die Stimmung, eine Atmosphäre. Sie kann diffus sein, wie hinter einem Dunstschleier, aber auch präzis, durch den Feldstecher der Zeit in Fokus gebracht. Diejenige, die uns hier das Handgelenk hält, damit wir beim Schauen nicht zittern, ist eine, die weiß, was es mit der Zeit auf sich hat. ...weil das Jahr ich meine die Schritte des Jahrs die immer/mehr sich beschleunigenden Schritte des Jahrs: Innenräume/des Jahrs sich VERKNOSPEN , heißt es im titelgebenden Gedicht, verfasst am 20.11. 2008.



