Lyrik und Narratologie

Lyrik

Autoren:
Jörg Schönert, Peter Hühne, Malte Stein
Besprechung:
Carola Gruber
 

Lyrik

Wie Gedichte erzählen - Narratologische Analysen deutschsprachiger Gedichte

Wer sich für Erzähltheorie und den aktuellen Stand dieses Forschungsfelds interessiert, kommt mittlerweile kaum noch vorbei an der Reihe Narratologia. Hier werden zum einen die Ergebnisse eines der »zentralen Anliegen der internationalen Literaturwissenschaft« 1) seit den sechziger Jahren bilanziert. Zum anderen zeigt sich Erzähltheorie hier als blühender Zweig der Literaturwissenschaft: Als Analyseinstrument hat die Erzähltheorie ihre Möglichkeiten nicht ausgeschöpft und erschließt sich weiterhin neue Anwendungsgebiete.

Ein Dokument dieser anhaltenden Expansionsbewegung der Narratologie ist der von Jörg Schönert, Peter Hühn und Malte Stein vorgelegte Band Lyrik und Narratologie (2007). Er versteht sich als »Parallelaktion« 2) zum 2005 erschienen Band The Narratological Analysis of Lyric Poetry. Darin entwickeln Peter Hühn und Jörg Schönert einen theoretischen und methodologischen Ansatz zur narratologischen Untersuchung von Gedichten und wenden ihn auf ausgewählte englischsprachige Gedichte an. Diesen Ansatz übernimmt der jüngere Band für die Analyse deutschsprachiger Gedichte.
    
Eine Grundannahme der Autoren ist, dass lyrische Texte – ähnlich wie dramatische Texte – Reduktionsformen des Erzählens sind, deren »Reduktionsgrade im Anlegen möglicher Vermittlungsebenen« variabel sind. Das Anliegen des nun vorliegenden Bandes knüpft an diese Annahme in zweifacher Hinsicht an: Zum einen verstehen ihn die Autoren als praktische Anwendung der Erzähltheorie mit dem Ziel, »die Verfahrensweisen und die Fruchtbarkeit des narratologischen Ansatzes praktisch zu demonstrieren«. Das narratologische Instrumentarium soll also für die Lyrikanalyse profiliert werden und damit noch einmal seine Vielseitigkeit beweisen. Zum anderen ist der Band darauf angelegt, »mit Hilfe des narratologischen Instrumentariums die Besonderheiten narrativer Strukturen in der Lyrik herauszuarbeiten«.

»Erzählen« gilt den Autoren dabei als Kommunikationsakt, der Geschehensfolgen sinnkonstitutiv strukturiert und der sich dazu gestaffelter Vermittlungsinstanzen, insbesondere einer Erzählinstanz, bedient. Damit definieren die Autoren den Erzählvorgang in einer Mischkonzeption aus klassischem Erzählkonzept und strukturalistischem Narrativitätsbegriff, das sich in der Literaturanalyse etabliert hat: Demnach kennzeichnet sich Narrativität zum einen durch Vermittlung bzw. »Medialität«, zum anderen durch die zeitliche Abfolge, also durch »Sequentialität«. Die damit gemeinte »zeitliche Organisation und Verkettung einzelner Geschehenselemente und Zustandsveränderungen zu einer kohärenten Abfolge« ist aus Sicht der Autoren die primäre Bedingung für Narrativität.

Ähnlich wie der Parallelband gliedert sich »Lyrik und Narratologie« in einen kurzen methodologisch-theoretischen Teil zur Einleitung, einer Sammlung von Modellanalysen zu Gedichten verschiedener Epochen im Hauptteil und einer abschließenden Auswertung. Der Schwerpunkt liegt auf der praktischen Umsetzung der Methode, Gedichte bewusst als Erzählkonstrukte zu lesen. Zwanzig Gedichte haben die Herausgeber unter diesem Blickwinkel in ihren »Modellanalysen« untersucht.

Die Herausgeber verzichten bei der Textauswahl auf »offensichtlich narrative Gedichte wie Balladen und Romanzen oder wie Verserzählungen«. Ihre These lautet: Auch nicht offenkundig erzählende Gedichte, also »lyrische Texte im engeren Sinne«, weisen strukturelle Analogien zu Prosaerzählungen auf. Auch wenn die Strukturanalogie »zwischen Lyrik und Erzählliteratur […] als potentiell zu verstehen« sei, treffe sie doch für »eine erstaunlich große Zahl von Gedichten« zu. Und zwar für »Vertreter des Kanons deutschsprachiger Lyrik« – so lautet der Anspruch der Textauswahl.

Anders, als es der Untertitel des Bandes verspricht, reicht diese Auswahl nicht nur vom 16. Jahrhundert bis zum 20. Jahrhundert, sondern mit der Analyse von Ilma Rakusas »Limbo« sogar bis ins 21. Jahrhundert. Chronologisch sortiert setzen die Analysen mit einem »Lied« von Paul Schede ein, untersuchen Gedichte von Gryphius, Klopstock, Goethe, Hölderlin, Heine, Storm, C. F. Meyer, Hofmannsthal, Rilke, Benn, Celan und anderen. Insgesamt vier Autorinnen wurden in der Auswahl berücksichtigt: Droste-Hülshoff, Lasker-Schüler, Bachmann, Rakusa. Das thematische Auswahlkriterium, die deutliche »Selbstreflexivität oder Selbstthematisierung« der Gedichte, ist dabei so weit gefasst, dass es in den Hintergrund tritt.

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