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Gedichte
Die dichterische Matrix der Erfahrung und eine erneute Vergeblichkeit - Boško Tomaševićs neue Gedichte
Lyrik lebe vom Vergessen, sagt Hilde Domin in Wozu Lyrik heute? (1968), so wie Prosa vom Erinnern lebe: „Sie lebt von der Essenz statt vom Detail“. Vergessen werden im lyrischen Sprechen der Zufall der unmittelbaren, der „ersten“ Realität, die harten Fakten, die handfesten Begebenheiten, die unmittelbaren politischen und die historischen Wirklichkeiten, die Fragmente der Wirklichkeiten.
Bewahrt werden die inwendige Seite der Dinge und der Worte, ihre nach innen gerichtete Offenheit, ihr „Atemspielraum“, wie Hilde Domin sagt, ihre Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit, ihre Dunkelheit, die eine einladende ist, mehr als es die plakative Wirklichkeit der Welt, die gleißende Helligkeit des schneeigen Alaskas (S. 22) je sein könnte. Bewahrt wird also eine „zweite“ Realität, die unter einer fragmentierten Oberfläche liegende innere Realität. Zur ersten, zur eingeschränkten Wirklichkeit zählen die biographischen Fakten des Autors Boško Tomašević, seine Erfahrungen des Exils, eines serbischen Autors, der zur Zeit in Österreich lebt, seine Betroffenheit durch die politische Wirklichkeit, seine Alltagsrealität als Lyriker inmitten einer aus sprachlichen und inhaltlichen Gründen verständnislos reagierenden Umwelt. Zur zweiten, zur geweiteten, mehrschichtigen, nicht so offenbaren und also dunklen Realität zählen seine Erfahrungen des unendlich sich wiederholenden Suchens: nach dem zutreffenden, dem poetischen Wort, nach dem metaphysischen Ziel, nach dem Ausgang, der in sich den Startpunkt und den Endpunkt vereint, nach den Erinnerungen, nach ihrer Farbe, ihrem Geruch und ihrer emotionalen Intensität. Es ist diese zweite Realität, von der die Gedichte in seinem neuen Band Erneute Vergeblichkeit handeln.
Auf dem Cover steht zum Autor: „Zwischen 1994 und 2008 entstand eine weitere dichterische Matrix, die sog. Dichtung der Erfahrung, die in dem bisher unveröffentlichten Zyklus Erneute Vergeblichkeit eine Radikalisierung erfährt.“ Nicht gesagt wird auf dem Cover, welcher Impetus es denn sei, der die Worte immer wieder aufbrechen, sie suchen lässt, sie immer wieder, erneut, einen Anlauf machen lässt, und dies im Bewusstsein der Vergeblichkeit ihres Tuns. Ist Hilde Domins Antwort noch gültig?: „Indem das Gedicht dem Menschen hilft, er selbst zu sein, indem es ihm hilft, die eigene Erfahrung zu benennen und mitzuteilen, hilft es ihm, der Wirklichkeit Herr zu werden, die ihn auszulöschen droht. Denn sobald wir unsere Erfahrungen, und noch die unerträglichsten, genau benennen, leben wir sie von ihrem anderen Ende her, von dem menschlichen und nicht dem verdinglichten: als ob wir frei wären, sie anzunehmen oder abzulehnen. ... Ein Sprungbrett ist da, von dem gesprungen werden kann, wo sonst gestoßen würde. Atemraum für etwas wie Entscheidung.“ (Wozu Lyrik heute?) Hilde Domins Antwort ist eine Lesart, ein Lichtkegel auf dem Dunkel der Worte, eine Lesehilfe, mehr nicht. Aber eine sehr wertvolle.
Wie klingen Tomaševićs Verse im Originalton, auf Serbisch? Für Leser, die des Serbischen nicht mächtig sind, klingen die ins Deutsche übertragenen Verse so, als ob sie nicht melodisch sein wollten, als wollten sei keine Gesänge sein, sondern Litaneien, Mantras, manchmal Stoßgebete, in zirkulären Bewegungen sich artikulierende Meditationen, Reflexionen, Obsessionen, Fragen, so wiederkehrend wie die Perlen eines Rosenkranzes. Und so tröstlich. So wie die Schönheit eines Mantras sich einstellt bei der einhundertsten Wiederholung, so entfaltet sich die Schönheit dieser Verse in ihrer Obsessivität, ihren Wiederholungen, ihren spiegelverkehrten Variationen, in ihrer melodiösen Eintönigkeit, ihrem Dialogcharakter, in ihren Atempausen und abrupten Enden. Sprachlich fallen die vielen Substantivierungen auf (das Undurchsichtige, das Nirgendwo, die Mitleidigkeit des Todes), die zahlreichen Abstrakta (das Sein, das Sagen, das Ende, die Rückkehr, die Ankunft, das Treiben, das Dauern, das Nichts, das Schweigen, das Verschiedene/das Gleiche, die Leere, die Vergeblichkeit, Gott...). Die Konkreta vereinen sich zaghaft zu Bildketten wie Haus-Schwelle-Eltern oder Steppe-Fluss-Vögel und Nachtmahl-Brot-Wein-Kruzifix-Grab-Sarg. Ungewöhnlich und berührend sind die sprachlichen Bilder dort, wo Konkretes mit Abstraktem vebunden wird (die Rose meiner Einsamkeiten, der Himmel meiner Lasten, der kobaltene Körper meiner Heimat, in den großen Nächten schweigen Erlöserfische...) Mit Gebetstexten teilen viele Gedichte nicht nur die spirituelle Dimension, sondern vor allem ihren immanenten metaphysischen Dialogcharakter, der sich als intertextueller Dialog artikuliert: mit der großen, europäischen Dichtung (in wörtlichen Zitaten z.B. von Hilde Domin, Thomas Bernhard, Samuel Beckett, Paul Celan, Adam Zagajewski ..., in Variationen auf Themen z.B. von Samuel Beckett ...), mit der europäischen Geschichte (Lascaux, Holocaust ...), vor allem aber, wiederkehrend, mit der Tradition des christlichen Glaubens, mit ihrer ikonischen Sprache (so zitieren z.B. der Titel und der erste Vers eines Gedichts Psalm 103, v. 15-16 Wie Gras, er blüht wie die Blume des Feldes S. 8; das sündlose Brot S. 22, ... heiterer Himmel über dem alten Golgotha drei Kreuze/ und zwei Räuber echte Bösewichte mit spitzen/ Lanzen ... S. 20).
Drei ausgewählte Gedichte seien hier etwas näher beleuchtet.



