Kafkas Leben bestand aus Warten – in Berlin und anderswo
"Wenn es möglich wäre, nach Berlin zu gehen, selbständig zu werden, von Tag zu Tag zu leben, auch zu hungern, aber seine ganze Kraft ausströmen zu lassen statt hier zu sparen oder besser sich abzuwenden in das Nichts! Wenn Felice es wollte, mir beistehn würde!" Mit diesen wenigen Zeilen aus einem Brief Kafkas aus dem Jahre 1914 in das ganze Dilemma seiner letzten Lebensjahre umrissen. Ohne die Unterstützung seiner Geliebten Felice Bauer wagt er es nicht, sich von seiner Familie zu lösen, obwohl er es noch so sehr wünscht, er bedarf der Hilfe...
Postapokalyptisch, postutopisch und postpathetisch – neue Gedichte von Jean Krier
Wer frische Luft atmen will, braucht Jean Krier neues Buch Herzens Lust Spiele. So etwas hat man hierzulande noch nicht gelesen. Besser gesagt: so etwas liest man hierzulande nicht. Kein Wunder – der deutschsprachige Dichter lebt in Luxemburg. Dabei sind seine Texte gar nicht so froh und sorglos und dennoch strahlen sie bei aller Ernsthaftigkeit rundweg eine unbeschwerte, lebensbejahende Fröhlichkeit aus. Diese Fröhlichkeit ist fragil und aus vielen authentisch anmutenden Krisen gewachsen...
Gegangene Wege von Jandl weg auf Jandl zu – eine perlende Anthologie
Anlässlich der fünften Verleihung des seit 2001 biennal vergebenen und im steirischen Neuberg an der Mürz überreichten Ernst Jandl-Preises lud der unter anderem als Arthur Schnitzler-Herausgeber bekannte Dramaturg, Literatur- und Theaterwissenschaftler Reinhard Urbach alle bisherigen Autorinnen und Autoren sowie Jurorinnen und Juroren der Neuberger Lyriktage dazu ein, einem Gedicht von Ernst Jandl einen eigenen Beitrag gegenüberzustellen, der laut Rückseitentext des Bandes...
Heitere Himmel, schweigende Steine – Paul Celan in der Bretagne
Trébabu – ein Name, den man auf den meisten Landkarten von Frankreich vergeblich sucht. Klingt nach einem geheimnisvollen Ort, den man mit Märchengestalten wie dem Zauberer Merlin oder der guten Fee Melusine verbindet. Aber der Ort ist eher mit einer sehr realen Gestalt verbunden: dem Dichter Paul Celan, der als der bekannteste jüdische Nachkriegsdichter deutscher Sprache gilt. Er übersetzte das Grauen der Konzentrationslager in rätselhafte Poesie, die bei seinen Zeitgenossen nicht immer auf Verständnis stieß...
„stilleben mit verderblichen gütern“ - Daniel Falbs Gedichtband „Bancor“
„auf dem werksgelände leben. die in sich zurücklaufende quelle…. das herz zahlt die leber.“ Mit diesen Worten beginnt der Gedichtband „Bancor“ von Daniel Falb, der 2009 im Kookbooks Verlag publiziert wurde, und in diesem Vers scheint bereits ein Großteil des poetischen Konzepts des Autors begründet zu liegen. „auf dem werksgelände leben“ bezeichnet das Montierte, das den Texten Falbs zu eigen ist: Poesie als Skulptur aus zusammengeschweißten Versatzstücken. Kurzsätze, die nebeneinanderstehen...
Lyrische Erkundung der Gegend - „Nördlich von Rom“ von Charlotte Ueckert
Nach „Finnisch Singen“ (1989) und „Italienische Blätter“ (1999) ist der Gedichtband „Nördlich von Rom“ bereits das dritte Buch, das von Charlotte Ueckert in Zusammenarbeit mit dem Buchkünstler, Fotografen und Verleger Klaus Raasch entstanden ist. Nördlich von Rom hat Charlotte Ueckert sowohl ihre zweite Heimat als auch Inspiration für ihr lyrisches Schaffen gefunden. Sie setzt sich mit den Menschen auseinander, die dort leben und mit jenen, die dorthin gelangt sind. „Als Kind fuhr ich in die Berge / zur Erholung / aber richtig froh...
Die dichterische Matrix der Erfahrung und eine erneute Vergeblichkeit - Boško Tomaševićs neue Gedichte
Lyrik lebe vom Vergessen, sagt Hilde Domin in Wozu Lyrik heute? (1968), so wie Prosa vom Erinnern lebe: „Sie lebt von der Essenz statt vom Detail“. Vergessen werden im lyrischen Sprechen der Zufall der unmittelbaren, der „ersten“ Realität, die harten Fakten, die handfesten Begebenheiten, die unmittelbaren politischen und die historischen Wirklichkeiten, die Fragmente der Wirklichkeiten. Bewahrt werden die inwendige Seite der Dinge und der Worte, ihre nach innen gerichtete Offenheit, ihr „Atemspielraum“, wie Hilde Domin sagt...
Das Leichte und die Leichtigkeit - Erich Wolfgang Skwaras neuer Roman, Im freien Fall’
Warum? ist eine Kinderfrage, meinte Gottfried Benn. Warum nur liest man die ‚Kinderfrage’ sogleich als Abschätzung? Kennt die deutsche Lyrik Verse wie: ‚Ein Kinderherz haben, das ist es, ein Kinderherz’? Nur in der Übersetzung von Reiner Kunze, aus dem Tschechischen. František Halas wäre ein weniger strenger Gewährsmann in dieser Frage. Ihre Ambivalenz hat auch Erich Wolfgang Skwara nicht losgelassen, die letzten Jahre. Als wir uns in Paris zu einem Gespräch über seinen Roman Zerbrechlichkeit oder Die Toten der Place Baudoyer trafen...
Die Unsicherheit der eigenen Existenz – Gedichte von Steffen Jacobs
Es gibt Kritiker, die unterstellen der Poesie von Steffen Jacobs etwas Altväterliches, das sich – ihrer Meinung nach – nicht nur durch den Gebrauch traditioneller Formen wie Reim, Rhythmus und Metrik manifestiere, sondern vor allem durch den Duktus, das Sentenzhafte, die „Moral von dem Gedicht“, die oft wie ein Fazit seine Poeme beschließe. Etwas „pennälerhaft Altkluges“ hafte seinen Gedichten an, gestand mir sogar kürzlich der Teilnehmer eines Poesie-Seminars, dem ich seinerzeit Gedichte von Steffen Jacobs empfohlen hatte...
Die Wirklichkeit ist ein Käfig – für den Antihelden in Edo Popovićs Roman „Kalda“
„In den medizinischen Handbüchern stand ganz eindeutig geschrieben, dass die Infestation mit Krätze üblicherweise durch direkten persönlichen Kontakt übertragen wird, und ein persönlicher Kontakt wurde bei uns zu Hause nicht gepflegt.“ Trockener, abgeklärter und aufgeräumter kann man ein zerrüttetes Familienleben kaum beschreiben, als es Ivan Kalda, der Antiheld in Edo Popovićs defätistischen Roman „Kalda“ tut. In 40 Episoden blickt Kalda auf sein Leben zurück, dass, wenn es nach ihm gegangen wäre...
Wie Gedichte erzählen - Narratologische Analysen deutschsprachiger Gedichte
Wer sich für Erzähltheorie und den aktuellen Stand dieses Forschungsfelds interessiert, kommt mittlerweile kaum noch vorbei an der Reihe Narratologia. Hier werden zum einen die Ergebnisse eines der »zentralen Anliegen der internationalen Literaturwissenschaft« seit den sechziger Jahren bilanziert. Zum anderen zeigt sich Erzähltheorie hier als blühender Zweig der Literaturwissenschaft: Als Analyseinstrument hat die Erzähltheorie ihre Möglichkeiten nicht ausgeschöpft und erschließt sich weiterhin neue Anwendungsgebiete...
Beschriebenes Papier ist haltbarer als behauener Marmor – ein neuer Roman von Rainer Wedler ist erschienen
Die Verse Pindars und Dantes bedurften nicht der Erfindung des Druckes mit beweglichen Lettern um auf uns zu kommen. Und dieser Ewigkeitsatem wird auch fürderhin in gleichmäßigen Zügen hinstreichen über den Keuchhusten des „Weh-weh-weh“. Der Protagonist in Rainer Wedlers Roman „Die Leihfrist“ weiß darum. Er gehört zu jener Spezies, die ihr Leben symbolisch ordnen, indem sie ihre Bücher neu aufstellen. Die größeren Heere der gelebt-habenden Dichter umgebenden Leser-Schriftsteller. Dieser Roman bestätigt...
Unbequeme Einblicke in das Menschliche - im Roman von Amir Hassan Cheheltan
Ein Chirurg, der Jungfernhäutchen wieder zusammennäht, damit die Braut bei der Hochzeit „unberührt“ ist. Ein Wärter im berüchtigten Foltergefängnis Evin. Eine Junge Frau zwischen Tradition und Moderne. Aus dieser Dreiecksgeschichte strickt Amir Hassan Cheheltan einen Roman, der tief in die Probleme der iranischen Gesellschaft blickt. Amir Hassan Cheheltan lebt zur Zeit mit Hilfe eines Stipendiums des DAAD in Berlin. Erst vor zwei Jahren wurde ihm in Iran für sein Buch„Iranische Morgenröte“ der nationale Buchpreis verliehen. Als...
Fragen des Seins, des Denkens und des Schreibens – Gedichte von Boško Tomašević
Inwieweit lassen sich Lyrik und Philosophie vereinen? Der 2005 erschienene Gedichtband des serbischstämmigen Philosophiedozenten und Lyrikers Tomašević weist schon durch seinen programmatischen Titel sehr genau auf seinen thematischen Schwerpunkt hin: „Celan trifft H. und C. in Todtnauberg“. Mit H. ist zum einen Heidegger gemeint, der in Todtnauberg im Schwarzwald seine Hütte stehen hatte, als Denk- und Rückzugsort gewissermaßen; zum anderen aber auch Hölderlin, zumal dessen Bildnis als Profil-Porträt aus dem Jahr...
Eine Art Verliebtsein in das Menschsein – Fotografien von Gotthard Schuh
Die Fotografien von Gotthard Schuh sind von malerischer Schönheit und der einzigartiger Sinnlichkeit. Die Atmosphäre seiner Aufnahmen ist ebenso historisch wie soziologisch aufgeladen und berichtet nicht nur von den weltpolitischen Wendepunkten, sondern auch von der gelebten und erlebten Geschichte. Seine Bilder erinnern mal an Eugène Atget und mal an Henri Cartier-Bresson, haben ebenso etwas von den Aufnahmen eines Robert Capa wie auch eines Martin Munkácsi...
Das gebrochene Genie und die schriftarme Zeit - Rainer Maria Rilkes Briefe an Hertha Koenig
Wer ist dieser Dichter, dessen Lyrik sich oberflächlich so kindlich - leicht der Realität zu entsagen scheint? Wer ist jener begabte Schriftvirtuose, der wie kein anderer den Spagat zwischen traumhafter Innerlichkeit und katastrophaler Außenwelt leisten musste? Es ist kein geringerer als Rainer Maria Rilke. Obgleich das von Krieg und nationalstolzen Allmachtsphantasien gebeutelte Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits aus den Fugen zu geraten scheint, verbergen Rilkes Gedichte ein nahezu romantisiertes Weltpanorama. Kein Wort, das...
Dem Meer abfotografiert – Gedichte von Petra Ganglbauer
Der Titel von Petra Ganglbauers neuem Gedichtband, "Die Überprüfung des Meeres", hat mich dazu verleitet, zu überprüfen, ob ihre Lyrik eine expressionistische (oder postexpressionistische) ist. Ich nehme es vorweg, diese Lyrik ist – jedenfalls für mich – expressionistisch: Fern von formalen Vorgaben, dafür befasst mit einer Vielzahl an Themen – mögen sie poetisch sein oder nicht – mit der Ästhetik, der Liebe, der Natur, ja auch mit dem Meer. Sozusagen gleichberechtigt kommt die Ästhetik des Hässlichen zum Zug. In expressionistischer...
Die Variation der Variation - Aphorismen von Elazar Benyoëtz
Der Jerusalemer Autor Elazar Benyoëtz hat inzwischen über 30 deutschsprachige Aphorismenbände vorgelegt. Enthielten die ersten dem Debüt 1969 vornehmlich „Einsätze“, so wechseln sich in den späten kürzere und längere Textformen ab. Zudem lässt Benyoëtz seit Treffpunkt Scheideweg (1990) in Zitaten die Stimmen religiöser, philosophischer und sprachkritischer Denker wie Ludwig Wittgenstein, Fritz Mauthner, Margarete Susman oder Paul Engelmann zu Wort kommen...
Das enigmatische Überkreuztsein der Zeit – Marc Mielzarjewicz fotografiert Ruinen in und um Leipzig
Verschlossene Türen und Stacheldraht konnten nie dauerhaft verhindern, daß urbane Subkulturen sich ungenutzte Räume erobern, und daß der kreative Teil derer, die sich herumtreiben in den aufgegebenen Bereichen der Welt, in den Ruinen unbelästigt Galerien ihrer Streetart und Undergroundkunst ablegen. Hier ist Anarchie. Hier sagt niemand mehr was, außer der Natur, die hereinkriecht mit Winden und Efeu. Das fasziniert uns. Hier läßt sich alles neu beginnen, weil alles zu Ende ist...
Durchaus eine Art von Poesie – Fotografien von Annie Leibovitz
„Desire is hunger is the fire I breathe“, heißt es in einer Textzeile der von Annie Leibovitz porträtierten Patti Smith. Im Hintergrund lodert ein Benzinfeuer, das die Sängerin zu versengen droht und doch steht sie es – schweißgebadet – durch, bis der richtige Shot gelingt und uns aus dem Bild die Patti Smith anschaut, die sie selbst noch nicht kannte. Vielleicht ist es dieses kleine Geheimnis, das uns die Fotokunst von Annie Leibovitz entschlüsseln lässt, dass es ihr gelingt, die Porträtierten etwas von sich preisgeben zu lassen, das ihnen selbst...
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