Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

"Impeach Lyrik now!"

Hamburg

Kurzfassung: Es handelt sich um lustige Landschaftsgedichte, sehr sehr punk, sehr sehr meta, manche bestehend "bloß" aus gedruckten Buchstaben, manche aus collagierten Schnipseln (der Klappentext dazu: "(…) z. B. zufällige Vorkommnisse von Distichen innerhalb der letzten Ausgabe der Financial Times Deutschland (…)"), manche aus Lego-, Barbie-, Playmobil-Figuren, angeordnet und abfotografiert im Grünen. Der Band bietet gebildeten Humor bzw. Gebildeten-Humor, ohne aber bildungsbesoffen zu sein, d.h.: Was daran lustig ist, das erschließt sich uns auch, wenn wir nicht jeden, oder auch nur jeden zweiten, LitWiss-Fachschaftswitz als solchen erkennen, und der Bonus-Track bleibt also erfreulicherweise ein solcher. Das Zitat1 auf dem Backcover verheißt:

"Es ist ein großer Abgesang auf das schöne Buch alten Zuschnitts, kein Gedichtband, sondern eher ein Gedankenbuch, harte Rhapsodie."

Konstantin Ames scheint jedenfalls getreu der Maxime zu handeln, jede Permutation seines Materials durchzuführen, die sich "im Vorbeigehen" noch mitnehmen lässt – Servierbeispiel:

Man fängt so  an/ders.

–  ohne dabei übertriebene Rücksicht auf konzentrierte Materialorganisation o.ä. zu nehmen. Das ist auch gut so, denn der "ernste Kern" des Buchs – die faktische Kleinheit, Lächerlichkeit, Partikularität der europäischen (Stadt-) Landschaften angesichts jener "großen Ideengebäude", mit denen sie von allerhand Ideolog(i)en in Eins gesetzt und zu Erinnerungslandschaften ausstaffiert werden (sollen) – wäre lyrisch wie humoristisch eher unergiebig. Das Spielerische erweist sich dagegen als die wahre Ideologiekritik – und ist von Ames durchaus absichtlich in diese Funktion gesetzt, wie an mehreren Stellen ausgestellt wird. Das geht von

Jedem Direktor sein eigenes
Gleiwitz. RTEs Gleiwitz
heißt Rotterdam. RTE ist
natürlich keine Abkürzung für
Ratte und reimt sich so ziemlich
auf RT, es fehlt nicht mehr viel.

            (Gefahr eines Augenreims<< 13.03.2017)

bis zu jener Assemblage, wo das Foto mit mit den Ortsschildern "Repente" und "Heimland" so überschreiben ist –

Factus est es gibt kein Bild dazu, doch Freundlichkeit,
Lump.

und folgendermaßen unterschrieben:

Klumpenweise. Blond ist die Schneise
            deiner braunen Freundin Lyrik.

… Das Ganze gipfelt schließlich in der der sechs Seiten langen (na sagen wir dazu:) Ballade "Man wird nur Ärger kriegen oder zu nah am Feld des Schweigens ernten", die den Besuch einer Dichterlesung in Berlin verhandelt, unter besonderer Beachtung (a) der U-Bahnfahrt dorthin, (b) der Schrecklichkeit aller jener Sachverhalte, von denen Pierre Bourdieu schreibt, am Beispiel jüngerer deutscher "Bürgerkinddichter" und (c) der unerträglichen Gleichzeitigkeit human/itär/er Katastrophen und literarischer Belanglosigkeiten auf ein und dem selben Erdball. Der Text liest sich besonders unterhaltsam und bietet eine beinah kabarettistische Zuspitzung seines Gegenstands, an der allerdings auszusetzen ist, dass sie notwendig der doch arg pauschalen Denunziation der

Bürgerkinddichter

als

talentlos

bedarf. Freilich, wir kennen den Typus und können Ames' mit Gusto vorgebrachter Verachtung wohl folgen  –

Die Veranstaltung ("Verstaltung" eingetippt, hui) verläuft
erwartet. Bürgerkinder geben sich unabhängig. Das geht
immer schief und gipfelt im Satz einer Reinkarnation von
Schreiber Bartleby als Pfau: "Mein Schreiben ist mir zu
kostbar, als dass ich davon leben wollte." Leider ist dieser
Satz zu lang, um ihn einem oppositionellen Künstler in
einem autokratisch regierten Staatsterrorismus-Territorium
auf die totgeschossene oder zerfolterte Stirn zu ritzen.
Vollendete Dekadenz. Kann weg.

(…)

Das Publikum von
Dichterabenden von Jetzt war genauso schon vor hundert Jahren
bereits bei den Völkerschauen anwesend. Warum also nicht
saufen? (…)

– und wir registrieren auch die Bemühung, selbst beim hier-groben Zulangen noch eher die solchen als die solchen zu fassen zu bekommen –

(…) Es ist ein
Fehler, Bürgerkinddichter zu sein. Es ist kein Fehler, ein
Dichter zu sein.

–, aber im Abgleich mit der Höhe, auf die jener Text gelangt –

Abkürzung. Abb. Trump ist Lyrik. Stilgelb. Impeach
Lyrik now! (…)

– und seinem schwebenden Schluss –

Solang es Stimmen gibt, solange wird das so sein.
Immer. Ärger.

– wird es uns erlaubt sein, die holperige Startbahn als solche zur Kenntnis zu nehmen, ja?

"sTiL.e(dir)" ist empfehlenswert, weil es sich viel erlaubt. Gerade durch die Zurückweisung allzu ernsthaft-wichtigtuerischen Gehabes – die Entkoppelung von Bildungszeug und Spießerei – kommt Ames in die Lage, ihm (anscheinend) Ernstes zu verhandeln.

PS: Es sei ggf. noch die technische Anmerkung gestattet, dass die in manchen Fußnoten vermerkten Links (wohl zu Bildern) mittlerweile ins Nichts von 404-er Fehlermeldung weisen.

PPS: Die gotische Fußnotenschrift allerdings – sehr nett.

  • 1. mit der leider ungenannten Quelle
Konstantin Ames
sTiL.e(dir) Sämtliche Landschaften, Welt
Klever Literatur
2018 · 84 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-903110-34-2

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