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Hart auf Dart

Als Kind habe ich mal eine Dartscheibe aus Schaumgummi geschenkt bekommen und drei Dartpfeile mit scharfen Eisenspitzen. Die Dartpfeile waren dazu da, auf die Scheibe geworfen zu werden und nicht auf die Katze. Auch nicht auf die Schrankwand der Eltern und ebenso nicht, wie ich dann feststellen mußte, auf die Eltern. So wurde mir früh klar, daß die schönsten Dinge im Leben meistens verboten sind.

Ich habe dann mein häßlichstes Plüschtier genommen, einen Affen mit beweglichen Armen, auf den ich die Pfeile warf. Als meine Mutter zufällige Augenzeugin meines innigen Spiels wurde, sah sie das nicht mit Freude, sondern mit Freud. Sie machte sich Sorgen, ob ich eventuell eine sadistische Ader hätte. Ich verstand nicht, wie sie darauf kam. Nur weil es Spaß machte, mir genüßlich vorzustellen, wie es wäre, jemandem weh zu tun, mußte ich doch noch lange kein Sadist sein. Nüchtern betrachtet besaß ich durchaus auch die Anlage zu einem Psychopathen.

Ich bin dann Lyriker geworden. Schließlich war ich jahrelang unfreiwillig komisch gewesen, wie man auf etlichen Klassenfotos sehen kann, auf denen ich strenggescheitelt, mit dem grundsympathischen Blick eines Norman Bates aus „Psycho“ in die Kamera starrte. Das war Anfang der neunziger. Ein dicklicher Norman Bates in Holzfällerhemd und Cordhose, beides von Mutti aus dem Quelle-Katalog bestellt, in dem genügend Sachen angeboten wurden, um die zwischengeschlechtliche Sexualität wirksam zu verhindern. So hätte ich auch für das Plakat posieren können: Gib Aids keine Chance, bestelle bei Quelle.

Meine Dartscheibe aus Schaumgummi, die mal das Gesicht eines Lehrers, mal das eines blöden Mitschülers symbolisierte, zerfiel unter den tagtäglich auf sie abgegebenen Würfen. Doch mit dem Ende der Schulzeit, geriet mir Dart aus dem Blickwinkel. Ich kaufte meine Anziehsachen selbst und hatte sogar eine Freundin. Nur in manchen Kneipen, die „Zum schwarzen Herzog“ oder „Elf Meter“ hießen, weshalb ich dort auch nicht hineinging, gab es Männer, die immer noch die falschen Hosen trugen und Pfeile auf eine elektronische Dartscheibe warfen bis zum Leberversagen.

Neulich nachts dann, als ich Sport 1 anstellte, um herauszufinden, ob es die Sexy-Sportclips überhaupt noch gibt, wurde ich Zeuge eines seltsamen Spektakels. Vor einem stark alkoholisierten Publikum betrieben Männer, die aussahen, als hätten sie Obelix verschluckt, jenen Zeitvertreib mit den kleinen Pfeilen, welcher nun von den Kommentatoren als Sport bezeichnet wurde. Bei den Sexy-Sportclips läßt sich zumindest noch der Versuch erahnen, daß es sich um die Darstellung einer sportlichen Übung handeln könnte, beispielsweise Bodenturnen oder Nackttennis. Aber das sah eher nach einer Reha-Maßnahme aus. Leute, die den ersten Schlaganfall überlebt haben, versuchen ihre Hand-Hirn-Koordinierung zu verbessern, bevor sie der nächste Schlaganfall endgültig niederstreckt. Dart ist offenkundig ein Sport für Menschen, das heißt eigentlich waren es eher Engländer und Holländer, die in keinem anderen Sport auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätten. Kein Wunder also, daß ich mich dafür zu interessieren begann. Gleichwohl man es mir inzwischen nicht mehr ansieht, aber im Grunde bin ich ein dicker Darter gefangen im Körper eines schlanken, gutaussehenden Akademikers.

Ich öffnete, nachdem ich mir eine Zigarette angezündet hatte, mit dem Feuerzeug noch ein passendes Sportgetränk und sah fasziniert zu, wie immer wieder drei Pfeile im Tripel 20 landeten, 180 Punkte, ein Tusch erschallte, das Publikum sprang die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft setzend auf die Tische, und mir wurde klar: eine zutiefst tröstliche Botschaft erreichte die Menschheit, in der Verdauungspause zwischen Weihnachten und Neujahr. Egal, ob du dick bist, häßlich und zuviel Bier trinkst, und auch keinen sehr intelligenten Eindruck machst, du kannst es schaffen, du kannst Erfolg haben, obwohl alles dagegen spricht. Die Dartweltmeisterschaften sollte man in allen Bildungseinrichtungen Sachsen-Anhalts zeigen.

Phil Taylor zum Beispiel, der hat früher mal Klos zusammengebaut und Van Gerwen kommt aus Holland. Ich bin Lyriker in Halle. Wer wollte es verübeln, daß man mit seinen bescheidenen Möglichkeiten den Ehrgeiz entwickelt, dem zu entrinnen. Und kurz nach Silvester ist es dann passiert, ich habe mir eine professionelle Dartscheibe zugelegt. Weil meine Wände mit Büchern vollgestellt sind, befestigte ich die Scheibe an der Zimmertür – genau 1,73 m hoch, vom Boden bis zum Bulls Eye - und warf aus einem Abstand von 2,37 m mit Phil-Taylor-Pfeilen, tropfenförmigen Geschossen, die Wumm, Wumm Wumm, in die Scheibe einschlugen und deren Wucht von der Tür aufgenommen und resonanzverstärkt an das ganze Haus weitergeleitet wurde. Es war ein schönes, sattes Geräusch, bis es plötzlich klingelte.

Es war die Nachbarin, die ich nicht leiden konnte.

Sie sagte, „kommt das Klopfen aus ihrer Wohnung“.

„Öh wie, ich, ich darte.“

„Ach, ich wollte mich nur erkundigen, hätte ja sein können, daß jemand um Hilfe klopft. Ich habe nämlich eine Bekannte, die wohnt in Nietleben, wissen sie, da hat doch jemand stundenlang nach Hilfe geklopft. Das müssen sich mal vorstellen, vermutlich hingefallen, und Oberschenkelhalsbruch und ….“, hier muß ich abkürzen, denn so genau nahm ich ihr weiteres Geschnatter nicht wahr, um es im Detail wiedergeben zu können. Ich horchte erst wieder auf, als ich sie sagen hörte:

„Ich meine, sie werden ja wohl nicht stundenlang werfen wollen, oder.“

„Ähm?, ja, äh, nein.“

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, in kürzester Zeit das Niveau von Phil Taylor zu erreichen, wie soll das gehen, wenn die sich jetzt schon beschwert.

Sie sagte dann noch ziemlich wörtlich:

Sie müsse morgen früh raus!

Warum erzählte sie mir das? Wäre sie Schriftstellerin geworden, dann könnte sie immer ausschlafen. Als Arbeitnehmerin geht das natürlich nicht.

„Ja, kein Problem“, sagte ich. „Kommt wieder vor.“

„Was sagten sie.“

„Kommt nicht wieder vor.“

„Ach das ist lieb, ich wünsch ihnen noch einen schönen Abend.“

„Ebenso“, sagte ich, schloß die Wohnungstür und malte zwei kleine Kreise, einen senkrechten und einen wagerechten Strich, womit ich ihr Gesicht ziemlich gut getroffen hatte, auf die Scheibe.

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