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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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Kritik

„Der Jäger liebt den Gassenhauer“

Hamburg

Mal ehrlich, wann haben Sie das letzte Mal einen Gedichtband von Anfang bis Ende gelesen? Diese Frage dürfte selbst Lyriker in Verlegenheit bringen. Charles Bukowski vielleicht? Damals, als der noch zu den Geheimtipps zählte und die zerlesenen Schwarten aus dem Maro Verlag von Hand zu Hand gingen. Ist ja auch keine Schande, jedes Gedicht beansprucht  seinen Raum und seine Zeit, und manches verursacht Migräne, noch ehe man die klandestine Botschaft verdaut hat. Wer es einfacher haben will, greift lieber gleich nach Kästner oder Tucholsky, weil moderner Poesie, mitunter zu Unrecht, der Ruf des Hermetischen vorauseilt.

           Peter Salomons neuer Gedichtband „Die Jahre liegen auf der Lauer“ gehört zu jenen glücklichen Ausnahmen, die man nicht wieder zur Seite legt, weil der Autor nicht nur sein Handwerk beherrscht – das sei vorausgesetzt –, sondern auch etwas mitzuteilen hat. Das Leben eines 65jährigen hat eben doch ein paar mehr Scharten und Brüche aufzuweisen als das eines hochgejubelten Debütanten. Und wer gar fürchtet, das Renteneinstiegsalter sei für diesen Lyriker Anlass zu behaglicher Rückschau, wird staunen über die unverschämte Frische seiner oft balladesken Kunst-Stücke.

           Peter Salomon, in Berlin geboren, lebt seit 40 Jahren in Konstanz. Diese beiden Städte bilden die Pole seiner poetischen Landnahme. Studiert hat er Jura in Freiburg/i.Br., danach viele Jahre als Rechtsanwalt gearbeitet. Als Lyriker, Herausgeber und Essayist war und ist Salomon immer auch politischer Autor, einer, der sich einmischt und boshafte Glossen zum Zeitgeschehen, manchmal auch in Reimen, verfasst. Unter seinen literarischen Ahnherren finden wir Georg Heym und die Expressionisten neben der amerikanischen Beat-Generation, hier vor allem Frank O’Hara. Slam-Poetry und Rap gelten ihm als der wesentliche Beitrag der jüngeren Generation zur  Lyrik (siehe „Autobiographische Fußnoten“, Eggingen 2009).

           Die neuen Gedichte Salomons – entstanden zwischen 2005 und 2011 – beginnen mit einer Kindheitsepisode. In „Bubi Scholz und Thomas Mann“ begegnet er an der Hand seines Vaters dem Boxer Bubi Scholz und dem Schriftsteller Thomas Mann. Travemünde, Sommer 1953: der Vater – Sportmediziner – setzt den Jungen einer Peinlichkeit aus, die ihn noch Jahre später beschämt. Der 6jährige soll mit dem Boxer ein paar Schläge tauschen und versagt jämmerlich. Thomas Mann dagegen war von Fotografen umringt und „hatte große Warzen und Knollen im Gesicht.“ Das Fazit dieser Begegnung lautet: „Bubi Scholz gefällt mir aber besser-“ Dass sich hier bereits Salomons sexuelle Prägung andeutet, mag eher ein Kuriosum sein, doch die Gedichte, die das freizügige Leben der Schwulenszene in den Siebziger Jahren zum Thema haben, lesen sich als unbeschwerte Fortsetzung davon. Salomons schwule Liebesgedichte sind glücklicherweise frei von Pathos und Sentimentalitäten. „In dieses Buch hat Frank gebissen.“ – so beginnt eines der schönsten, dessen Titel „Gezählte Tage“ eine Hommage an Peter Huchel ist. Auch Huchels Buch „Die neunte Stunde“ wird zitiert, diesmal „Als Untersetzer benutzt/ Für Flasche und Glas.“  Die Erklärung, warum der Gedichtband überhaupt in Reichweite lag, ist typisch salomonisch: „Vom harten Sex/ Bekam ich Depressionen./ Durch Gedichtelesen/ Wurden sie gemildert -“.

           Im Gedicht „Die falsche Übersetzung“ nimmt Salomon ein beim Bildungsbürger beliebtes Wittgenstein-Zitat zum Anlass, um sich gleichermaßen über die Schwätzer und über sich selbst lustig zu machen. Das ist überhaupt einer der Vorzüge dieses Lyrikers: Er spielt nicht den Besserwisser und scheut sich nicht davor, für die Banalitäten des Lebens auch banale Worte zu finden. „So erschrecke ich darüber/ Daß ich meine Knochen nicht höre.“ endet das Gedicht „Eine Selbstprophezeiung, die sich nicht erfüllt hat“, oder wenn er vom „Tätowierer in Wanne-Eickel“ erzählt, dessen sehnlichster Wunsch es ist, „Location-Scout in der Hauptstadt Berlin“ zu werden, heben sich triste Lebensrealität und sehnsuchtsvoller Lebensentwurf in resignierender Macho-Pose auf. Salomons Selbstverständnis als Dichter gehört auch zu den Zielscheiben seiner Spottlust: „Für meine Fans“ heißt ein Gedicht, das den Dichter als „Homosexuellen und Halbchinese“ in die „ultimative Hallo-Lach-Show“ an die Seite der besten „deutschen Comedians“ katapultiert. „Kein Schutzumschlag aus Celanpapier!“ soll es sein, denn Celanpapier, taugt allenfalls dazu, den Obstkuchen vor Wespen zu schützen („Die Wespen und der Dichter“).

           Konstanz, die „Bodenseemetropole“, von der Salomon nicht loskommt, kriegt gleich mehrfach ihr Fett weg. In einer an Platen geschulten Ghasele, deren wiederkehrende Reimzeile „Der Regen wird den ganzen Tag nicht enden.“ die Struktur gibt, heißt es lapidar „Heut leb ich gern als schadenfrohes Aas“, weil den Touristen die Flanierlaune verdorben ist. Die Steigerung von Tourist ist Konsumist, und mit beiden kennt Salomon kein Pardon. Da geht ihm schon manchmal der Revoluzzer durch, wenn er – Benns Gedicht „Reisen“ parodierend – Kapitalismuskritik nach Brechtschem Muster in Reime setzt. Wo der Kalauer als saloppes Stilmittel eingesetzt wird, bleibt einem mitunter das Lachen im Hals stecken, so in dem Gedicht über einen Selbstmörder „Der Tod am Strick als Kalauer“ oder in „Die Gedenkminute“: „Die Zahl der Opfer ist hoch./ Man kommt nicht vom Fernseher weg.“

           Nonsensverse, die mit „Haikie“, mit „Waffelngänge“ oder als „Nonsenf“ überschrieben sind, zeigen Salomon in bester Spiellaune und nehmen ein Genre aufs Korn, das sich gern kontemplativ präsentiert, obwohl es oft nur lyrischen Dünnschiss produziert: „Haikus sind Kacke!/ Na hinten an der Sohle!/ Winterregen fällt.“ („Am ersten Tag im neuen Jahr“). Und was das Altern betrifft, das ja selbst den Großmeister Benn melancholisch werden ließ, so kann man getrost sein. Salomon ist darauf vorbereitet. Das Alter hat nämlich auch Vorzüge: „Erst seit ich alt bin kann ich/  Auf dem Rücken schlafen.“ („Rückenlage“), das zweistrophige Titelgedicht setzt noch einen drauf: „Die Jahre kann man nicht aufschlitzen/ So bleibt im Bauch die Lebenstrauer./ Der Jäger liebt den Gassenhauer/ Und vom Hochsitz runterspritzen.“ Wer also immer noch meint, Gedichte seien nur was für blutarme Legastheniker oder Autisten unter „www.dichtung-fuer-fans.wuerg.“, der darf sich bei Salomon eines Besseren belehren lassen.

Peter Salomon
Die Jahre liegen auf der Lauer
Edition Isele
2012 · 90 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-861425502

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