Fixpoetry

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Kritik

Von der Fragwürdigkeit des Fraglosen

Hamburg

Als Fixpoetry vor zwei Jahren „Neue Schulen“ ins Leben gerufen hat, um Lyrikerinnen, die älter als 35 Jahre alt sind, ein Forum zu bieten, bescheinigte Grit Krüger in einer sensiblen und eingehenden Auseinandersetzung mit ihren Gedichten, Hung-min Krämer eine hingebungsvolle Beobachtungsgabe. „In klarer Sprache und mit scharfem Blick verleiht sie alltäglichen Begebenheiten Weite und Würde“, schrieb sie damals, und ich zitiere das hier, weil ich finde, dass es den Kern des nun im Elif Verlag vorliegenden Gedichtbandes „Alles außer Haiku“ sehr gut trifft. Ein Band, der erneut nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern auch in besonders gelungener Weise der Stimmung der Gedichte entsprechend gestaltet ist. „Die japanische Dichtung hat als Samen das menschliche Herz, und ihr entsprießen unzählige Blätter aus Wörtern“ Obwohl der Band den Titel „Alles außer Haiku“ trägt, hat Ümit Kuzoluk, der die Bücher des Elif Verlags illustriert, vielleicht dieses Zitat im Kopf gehabt, als er ein Foto von Stan Lafleur als Vorlage wählte, um davon ausgehend zu zeigen, wie sich die knospenden Zweige mit dem Licht und den Jahreszeiten verändern. Zweifellos sind Kuzoluks Illustrationen auch in diesem Band sensible Begleiter der Gedichte Hung-Min Krämers, die bei aller Themenvarianz, immer ganz und gar gegenwärtig sind. Ob Krämer von Liebe schreibt, von alten Eltern, oder dem eigenen Alter, von Schlaflosigkeit, oder der Notwendigkeit einer „Teilhabe am Kapitalismus“. Aus ihren Beobachtungen entstehen Bilder wie diese:

         Ein Herbstbild

         Ein sattelloser Schimmel, an der Hand geführt
         über einen schmalen Feldweg
         während der Widerschein der Sonne noch
         orange-grau verklingt.
         Ein Rabe, im Tiefflug, durch winterlich schwarzes Geäst.
         Eine Eisenbahnbrücke.
         Kondensstreifen zeichnen leuchtend die tangentialen Routen
         der Fluggesellschaften am Himmel nach.

Bilder, die im und vom Augenblick leben, die aber gleichzeitig das belanglos alltägliche so filtern, dass wir seine Schönheit und den unvergleichlichen Wert des einzelnen Augenblicks erkennen.

Hung-Min Krämer fügt ihren Beobachtungen stets etwas hinzu. Den liebevollen, oder zumindest wertfrei offenen Blick, der das Alltägliche in Erhabenes, das Gewöhnliche in eine außergewöhnliche Art von Schönheit verwandelt, ein sehr genaues Hinsehen, dem die winzigen Details nicht entgehen. Ihre Art zu sehen ermöglicht der Leserin weitere Facetten zu entdecken, die bislang unbemerkt geblieben sind, tiefer einzudringen in das Beobachtete. Auf dessen Grund immer wieder die Frage liegt, warum wir das, was wir sehen, gerade jetzt auf diese Art und Weise sehen. So geht Erkennen. Eine Veränderung der Sehgewohnheiten, die nach und nach andere Details an die Oberfläche treten lässt, sichtbar macht, was lange verborgen gewesen ist.

Unversehens wird der Alltag zu einer wundersamen Sammlung von Ausnahmetagen, voller Möglichkeiten für Ausnahmebeobachtungen, alles hat das Potential „elegisch“ anders zu sein. Selbst Plastikmüll kann unter Hung-Min Krämers Blick ästhetische Qualitäten entfalten, sogar in den sterilen Wartefluren der Ämter, findet sie den einen, fast magischen Moment. Der stets glaubwürdig bleibt, weil sie das Hässliche und Dreckige nicht ausspart. Krämer wahrt das Gleichgewicht ebenso, wie ihre Entscheidung das Besondere hervorzuheben, es offen zu legen, egal wie verborgen es ist.

Dabei kennt sie die Schwierigkeit, den Wert, die Fülle, einfacher Momente zu erkennen. Gerade darum kann sie überzeugend, humorvoll optimistisch davon erzählen:

         Momente

         Das Stehen auf Bahnsteigen ist
         eigentlich gar nicht schwer.
         Jedoch die wenigsten schaffen es.
         Auch ich hab es kürzlich
         nur durch Zufall getan.
         Das war ein schöner Moment.

Im dritten Kapitel „aber die Zeit bewegt sich nicht“ erzählen die Gedichte von Freude und Trauer, von der Gleichzeitigkeit von Vergänglichkeit, den vielen Seiten (und Schwierigkeiten) der Liebe und der Bedeutungslosigkeit der Zeit.

„Wenn man eigentlich nicht mehr traurig sein wollte
weil es genug ist
irgendwann
man müde ist von der Schwere der Schultern
und des Atmens
Die Zeit doch auch mal gekommen sein sollte
dann ist es
als würde sich Jeder und Alles bewegen
aber die Zeit bewegt sich nicht

Eine Bedeutungslosigkeit, die über zwei Seiten verfügt, sowohl tröstend als auch quälend. Egal von welcher Seite Krämers Gedichte erzählen, immer sind ihre Verse nachvollziehbar, geradezu spürbar wahr.

Ihre Poesie lebt von der Magie, sich zu wundern, Fragen zu stellen, und die Antworten gegebenenfalls gleich wieder in Frage zu stellen. Sie bilden einen entschiedenen und wohltuenden Kontrapunkt zu einer Haltung, die „fraglos versteht“, hinnimmt, statt sich hinzugeben.

So gelingt das Sammeln von Momenten, die fortwährende Arbeit am Glück.

Den Selbstverständlichkeiten, in denen wir uns häufig so fraglos einrichten, stellt Krämer immer wieder das zutiefst fragwürdige Wunder in der Welt zu sein, entgegen, damit berührt sie ihre Leser, lenkt ihren Blick von der grauen Selbstverständlichkeit eines eintönigen Alltags auf die vielfältig funkelnden Facetten aus denen das, was auf den ersten Blick und oberflächlich betrachtet grau erscheint, gemacht ist. Jeder Splitter ist eine Frage wert, hinter der sich das Glück verbergen kann, ebenso wie zuweilen schmerzhafte Erkenntnis.

Denn festhalten lässt sich das Glück ebenso wenig wie der Moment, aus dem es gemacht ist.

Die Gedichte breiten sich aus, wie Zweige im Wind, vom Schatten ins Licht, sanft gewiegt und manchmal wehrlos geschüttelt.

Es sind in ihrer bestechenden Klarheit Gedichte, die uns die Augen und Ohren öffnen, die Sinne wecken, das Fraglose wieder in Frage stellen. Gedichte, die beleben.

Hung-min Krämer
Alles außer Haiku
Elif Verlag
2019 · 102 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-946989-14-1

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