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Annie Ernaux' Mutterbuch "Une Femme" erscheint zum zweiten Mal auf Deutsch
Hamburg

„Une Femme“ heißt das Buch, in dem sich die französische Bestseller-Autorin Annie Ernaux an Leben und Tod ihrer Mutter erinnert. Sonja Finck hat in ihrer wortgetreuen deutschen Neufassung, die nun im Suhrkamp Verlag vorliegt, den Titel mit „Eine Frau“ übersetzt, und das ist gut so.

Geht es doch hier um eine beispielhafte Frau, um eine Frau von vielen, um eine Frau, wie sie jeder kennen könnte, nicht aus Filmen, nicht  aus Hochglanzmagazinen, sondern aus der Nachbarschaft, aus der eigenen Familie. Im Buch wechselt Ernaux allerdings vom Allgemeinen zum Besonderen und nennt eine solche Frau durchgängig „meine Mutter". 1906 wird diese als viertes von sechs Kindern in eine Arbeiterfamilie der nordfranzösischen Kleinstadt Yvetot geboren und somit in eine mittellose, bildungsferne Schicht. Sie ist intelligent, verlässt jedoch, wie alle anderen, im Alter von zwölf Jahren die Schule, wechselt in die Fabrik, stolz, weder Dienstmädchen noch Magd zu sein, sondern „Arbeiterin, aber anständig.“ Sie geht nicht mit den Jungen in den Wald, sondern zur katholischen Messe. Sie ist auf ihren Ruf bedacht, der doch von Anfang an beschädigt ist:

„Sie ahnte nicht, dass ihre kurzen Röcke, ihr Bubikopf, ihr „frecher Blick“ und vor allem die Tatsache, dass sie mit Männern zusammenarbeitete, verhinderten, dass man sie als das betrachtete, als das sie gelten wollte, ein ,achtbares junges Mädchen'.“

Die Ehe ist in ihren Kreisen die Rettung: Mit Anfang zwanzig heiratet sie einen bedächtigen, sieben Jahre älteren Arbeiter. Er ist sparsam und trinkt nicht. Das ist wichtig, denn das Milieu ist geprägt durch Armut und Alkoholismus. Als Besitzerin eines Krämerladens mit angeschlossener Kneipe gelingt ihr ein gewisser gesellschaftlicher Aufstieg. Mehr noch will sie für ihr Kind erreichen - nur ein Kind soll es daher sein. Tochter Annie besucht das Lyceum, studiert, wird Lehrerin, heiratet einen bürgerlichen Mann, bekommt zwei Söhne. Die Mutter, verwitwet und verrentet, zieht zur Tochter, betreut die Enkel, erkrankt an seniler Demenz, erhält einen Platz in einem Altersheim, wo sie stirbt.

Soweit in Kürze der Inhalt des rund 90 Seiten schmalen Buchs, das in einer schmucklos-sachlichen, an Roland Barthes und Maurice Blanchot geschulten Schreibweise gehalten ist und mit folgenden Worten endet:

„Dies ist keine Biographie und natürlich auch kein Roman, eher etwas zwischen Soziologie und Geschichtsschreibung. Meine Mutter, die in ein beherrschtes Milieu hineingeboren worden war, das sie hinter sich lassen wollte, mußte erst Geschichte werden, damit ich mich in der beherrschenden Welt der Wörter und Ideen, in die ich auf ihren Wunsch hin gewechselt bin, weniger allein und falsch fühle.“

Die Autorin, die ein Buch über ihre Mutter schreibt, schreibt somit zugleich ein Buch über sich selbst. Tatsächlich umkreist Ernaux hier wie in all ihren Büchern auch das eigene Leben. Ist doch die „Ethnologin ihrer selbst“ ein Superstar des französischen Autobiographie-Booms. Als ihr 2008 im Original publiziertes Buch „Les Années“ 2017 auf Deutsch unter dem Titel „Die Jahre" erschien, verglich man sie  – wie übrigens auch Karl Ove Knausgard - mit Marcel Proust. Richtig daran ist nur, dass es in allen drei Fällen um Lebenserinnerungen geht. Aber weder Knausgards kunstlose Selbstentblößungen noch Ernaux’ autobiographische Berichte ähneln Prousts Monumentaldichtung „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit".

Und doch schreibt Ernaux in „Eine Frau“, ihr Vorhaben wäre „literarischer Art, denn es geht darum, nach einer Wahrheit über meine Mutter zu suchen, die nur durch Worte gefunden werden kann. (Was bedeutet, weder Fotos noch meine Erinnerungen noch Erzählungen von Verwandten können mir diese Wahrheit liefern.) Gleichzeitig will ich sozusagen unterhalb dessen bleiben, was gemeinhin als Literatur gilt.“

Einzuwenden ist, dass auch Erinnerungen und Erzählungen in Worte gefasst sind, ja, dass „Eine Frau“ selbst ein Buch der Erinnerungen und Erzählungen ist. Wiederholt erklärt die Autorin, sie versuche, ihre Mutter in ihrer „gesellschaftlichen Stellung zu verorten. Diese Form des Schreibens, die mir in die Richtung der Wahrheit zu gehen scheint, hilft mir, aus der Einsamkeit und Dunkelheit der individuellen Erinnerung herauszutreten, indem ich nach einer allgemeineren Bedeutung suche. Aber ich spüre, wie sich etwas in mir dagegen sträubt, etwas, das sich reine Gefühlsbilder meiner Mutter bewahren möchte, Wärme oder Tränen, ohne ihnen einen Sinn zu geben.“

Fraglich ist, ob „reine Gefühlsbilder“ per se sinnlos sind. Fraglich ist auch, ob etwas von allgemeinerer Bedeutung mit „Wahrheit“ gleichgesetzt werden kann. Hinzu kommt, dass es in diesem Buch zentral um die individuelle Erinnerung geht. In diesen wie in vielen anderen Textabschnitten ihres Mutterbuchs bemüht sich Ernaux darum, das eigene Schreiben zu verrätseln:

„Anfangs glaubte ich, dass ich schnell schreiben würde. Tatsächlich verbringe ich viel Zeit damit, über die Anordnung dessen nachzudenken, was ich sagen will, über die Auswahl und Reihenfolge der Wörter, als gäbe es eine ideale Anordnung, die allein eine Wahrheit über meine Mutter auszudrücken vermag – auch wenn ich nicht weiß, worin diese besteht -, und für mich zählt beim Schreiben nichts anderes als genau diese Anordnung zu finden."

Um die Anordnung von Wörtern geht es jedoch in jedem Text - egal, ob er "unterhalb" von Literatur bleibt oder nicht. Es entsteht der Eindruck, dass Ernaux versucht, mit trivialen Überlegungen, die tiefgründig anmuten sollen, das eigene Schreibprojekt aufzupeppen. Und der Erfolg gibt ihr Recht: Ihre Bücher begeistern nicht nur die Massen, sondern auch die Literaturkritik, die sie als experimentelle, anspruchsvolle und zugleich publikumsnahe Autorin würdigt, als eine der bedeutendsten französischen Schriftstellerinnen unserer Zeit.

Dabei kippt ihre vielgepriesene, distanziert-objektive Schreibweise in „Eine Frau“ immer wieder um in emotionale Betroffenheit, die zu unverhältnismäßigen Vergleichen führt – beispielsweise wenn Ernaux behauptet, sie schreibe

„so neutral wie möglich, auch wenn manche Sätze ("hoffentlich passiert dir kein Unglück!") alles andere als neutral sind, im Unterschied zu anderen, abstrakteren („eine Ablehnung des Körpers und der Sexualität“ zum Beispiel). Wenn ich mich an diese Sätze erinnere, überkommt mich dasselbe Gefühl der Mutlosigkeit wie mit sechzehn, und flüchtig verwechsele ich die Frau, die mein Leben am stärksten geprägt hat, mit afrikanischen Müttern, die ihren Töchtern die Arme auf dem Rücken festhalten, während eine Beschneiderin die Klitoris entfernt."

„Une Femme“ ist in Frankreich 1988 erschienen, Regina Maria Hartigs erste deutsche Fassung 1993 im Fischer Taschenbuch Verlag unter dem Titel „Das Leben einer Frau“ und 2007 als „Gesichter einer Frau“ bei Goldmann, dem Spezialverlag für absatzorientierte Literatur wie „Fifty Shades of Grey“. Verwischen im Zeichen der Buchmarktkrise die Verlagsprofile? Oder lässt Suhrkamp, der Spezialverlag für Avantgarden, Ernaux’ Bücher nun in rascher Folge übersetzen, weil ein anderer Hausautor und Superstar der französischen Autobiographie-Welle, der Soziologe Didier Eribon, in seinem 2016 ebenfalls um viele Jahre zeitversetzt auf Deutsch erschienenen Bestseller "Rückkehr nach Reims" für sie geworben hat? 

Vielleicht gibt es aber für Suhrkamps Vorgehen einen anderen Beweggrund: Ist doch der Erfolg von Büchern, wie Ernaux sie schreibt, vorhersehbar, weil sie ein hohes Maß an Identifikation bieten, leicht lesbar sind und intellektuellen Mehrwert versprechen. Jedoch löst die Autorin mit ihrem Mutterbuch dieses Verspechen nicht ein, da es eher bloße Milieuschilderungen enthält denn reflektierte Beobachtungen. Somit liegt „Eine Frau“ nicht nur "unterhalb" von Literatur, wie Ernaux selbst eingesteht, sondern auch unterhalb des Anspruchs, den sie an das eigene Schreiben stellt. Gekauft, gelesen, diskutiert wird das Buch sicherlich gleichwohl – oder vielleicht gerade deshalb.

Annie Ernaux
Eine Frau
Übersetzung: Sonja Finck
Suhrkamp
2019 · 88 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-518-22512-7

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