Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Paul Heyse* 1830† 1914

Der Mond hat eine schwere Klag’ erhoben

 

Der Mond hat eine schwere Klag’ erhoben
Und vor dem Herrn die Sache kund gemacht;
Er wolle nicht mehr stehn am Himmel droben,
Du habest ihn um seinen Glanz gebracht.
Als er zuletzt das Sternenheer gezählt,
Da hab es an der vollen Zahl gefehlt;
Zwei von den schönsten habest du entwendet,
Die beiden Augen dort, die mich verblendet.

 

„Prima la musica, dopo le parole“ (?)

 

- über das Verhältnis von Musik und Text, von Ton und Wort ist viel geschrieben, noch mehr gesagt worden. Wären die großen Gattungen Oper, Oratorium oder Kunstlied doch inexistent ohne jene Verschränkung.

Die idealistische Primärfrage aber, ob nun der Text vertont oder der Ton vertextet werden sollte, ist eine unter Musik- und Literaturwissenschaftlern durchaus beliebte, wenn auch ungelöste. Unterhaltsam ist sie zudem, wie das gleichnamige Streitgespräch zwischen Reich-Ranicki, Kaiser und Everding in Buchform unlängst bewies (2018, Westend Verlag). Abseits dieser Generaldebatte, jung und unwissend, vermochte ich diese Frage für mich jedenfalls stets zu beantworten: Zuerst die Musik.

Wuchs man wie ich in einem Musikerelternhaus auf und ist selbst überaus aktiv musizierend, scheint das natürlich wenig verwunderlich, rückblickend aber ist es mindestens interessant. Entstanden meine ersten lyrischen Berührungspunkte doch aus jenem omnipräsenten Bezug zur (klassischen) Musik heraus. Zumindest bei Gedichtvertonungen, im Gegensatz zu Opernlibretti, scheint die Reihenfolge klar zu sein: Der Text, das Gedicht wird vertont, kommt also zuerst. Als Kind und Jugendlicher ist man zum Glück unbedarft genug, diese rationale Herleitung nicht zu beherzigen. So hat sich bis heute mein absolut symbiotisches Grundgefühl bei der Verbindung von Text und Ton erhalten, das sich allerdings vonseiten der Musik her entdecken ließ. Daraus folgte die subjektive Schlussfolgerung, die mittlerweile zudem (Selbst-)Anspruch geworden ist: Musik und Lyrik sind Ausprägungen einer zugrundeliegenden gemeinsamen Klangwelt.

Dies lässt sich meiner Meinung nach kaum besser verdeutlichen als an dem gewählten Lied, Hugo Wolfs „Der Mond hat eine schwere Klag’ erhoben“ aus seinem „Italienischen Liederbuch“ nach Übersetzungen von Paul Heyse. Dieser spätromantische, auf volkstümlichen Liebesgedichten basierende Zyklus entstand zweizeitig (1890/91 und 1896) und ist bis heute eines der bekanntesten Werke des österreichischen Komponisten (*1860-1903), dessen weltliches Leben vor allem von Armut und Krankheit geprägt gewesen war. Die musikgeschichtliche Bedeutung seiner Lieder allerdings ist unumstritten, fanden in ihnen musikalischer Ausdruck und lyrische Bildsprache doch zu einer einzigartigen poetischen Einheit. Seine (in Wahrheit äußerst akribische) Arbeitsweise scheint dabei über die textinterpretatorische Ebene hinauszugehen, als habe er den Silben gleichsam ihre innersten Schwingungen abgelauscht.

An dieser Stelle sei die warme Empfehlung ausgesprochen, das „Liederbuch“ in seiner Gesamtheit anzuhören (z.B. Gerhaher/Erdmann/Huber, 2011, RCA Red Seal).  Genug der Worte. Aus „lesart“ wird „hörart“.

 

 

 

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