Fixpoetry

Wir reden über Literatur

Dreidel dreidel...

express!-Rahmenbeitrag
ein stream muss her
Statement

wir nehmen erstens zur kenntnis: da liegen gedichte vor, in denen es um den mond geht. (sagen wir nicht "die sich um den mond drehen" - das impliziert sofort die eine oder andere analogie, die uns die lektüre verunklären könnten - "...wie dieser sich um die erde dreht" u.ä.). der mond der dichter ist, wie wir eh wissen, ein mehrfach und widersprüchlich codierter topos, beinah eine universalchiffre. als sinnbildchen des jenseitigen, irrealen, natürlichen war er in den letzten paarhundert jahren austragungsort verschiedener kämpfe um utopie, um das verhältnis der äussern zum inneren, der ethik zur ästhetik, nátur und kúlltur und trallala und schlags nach in den registern der proseminararbeiten.

damit ist der mond nicht alleine, so geht es den lindenbäumen, den feldern, wäldern, gärten und gewittern, den blumen dieser oder jener farbe, diversen tieren, flüssen, landwirtschaftlichem gerät von sense bis traktor. was ihn, den mond, vor diesen anderen aber auszeichnet, ist, dass er trotz seines status als leitfossil für die literaturgeschichtler und -soziologen noch immer, wo er auftaucht, seiner alten kernkompetenz nachkommt und machtvoll zweifel am prinzip der verstehbarkeit evoziert, nebst nebulösen sehnsuchten und vagen andeutungen richtung körper-versus-geist, verführung, siehe oben. er tut das selbst noch da, wo diese seine topogenese just der gegenstand des textes ist. auch der als doppeltes zitat zitierte mond strahlt fahl auf irgendn ding; das macht dann wirkung.

will sagen: elke engelhardt ... (sind wir in diesem textformat hier eigentlich zweite personen miteinander, oder sind wir dritte? - ich bleib mal bei der dritten) ... elke engelhardt also verwendet die begriffe "unsagbar", "magisch" und "mystisch", wenn sie das gespräch über yevgeniy breygers auffallend umfangreichen gedichtband "flüchtige monde" eröffnet.

dabei spräche manches dafür, gerade dieses mond-buch als offensiv antimystischen gedichtband zu lesen - breyger verwendet keine der drei meines wissens denkbaren verfahrensweisen, mit denen "unsagbar"-"mystisches" üblicherweise ins gedicht geholt wird: weder erstens die "negative theologie", ob in listenform oder als beinahe-verstummen des textes; noch zweitens das (sprachliche oder sachliche) paradoxon, also die vorsätzliche kapitulation der sprache vor der eigenen ungeschicklichkeit; noch auch drittens die schlichte anbringung einer hinweistafel im text "das folgende bitte als mystisches raunen rezipieren".

nichts von alledem. statt dessen stellt sein buch einen durchwegs narrativ zu lesenden, wenn schon nicht "entschlüsselbaren" streifzug eben, siehe wiederum ganz oben, durch die geschichte der gesichter des mondes dar. wir können uns denken: individualgeschichte, klug montiert als geschichte einer gesellschaft oder einer tradition. wir können auch denken: lustig, das. hier zum beispiel:

vorwärts amphoren, trockene kostbare bären. empören
sich die wälder? sie siechen aus euch heraus.
fahnen voller protest, um ohren verschobene tonspuren,

finnen. falls ihr es seid, werdet ihr euch erkennen. doch das
seid ihr vor allem: geschlechtliche kiebitze ohne instanz.
gehaltlose teaser. zärtliche freude eilt euch voraus.

(...)