Fixpoetry

Wir reden über Literatur

verhülle deinen himmel / zeus als tretschwan

express!-Rahmenbeitrag
ein stream muss her
Statement

protokollarisches I: ich blende die subtexte der kommentarspalte jetzt aus, sonst kenn' ich mich nicht mehr aus hier.

protokollarisches II: können wir uns drauf einigen, elke und yevgeniy, dass der begriff "verstehen" in der literatur ggf an die technik-soziologinnen weiterzureichen wäre, äquivalent zum abbildbegriff und was in der bildenden kunst im einzelnen mit ihm geschah, nachdem der fotoapparat erfunden ward? was wird aus dem text, was aus dem produkt buch unter solchen und unter solchen bedingungen? welches bedürfnis erfüllt er / es hier, welches da? (je nach vorliebe lässt sich an dieser stelle dann (a) wehklagen oder (b) jubilieren, dass unser feld, im gegensatz zur bildenden kunscht, nicht um einen markt für mehr oder weniger origanale "originale" herum organisiert ist ...)

wo waren wir? ach ja ...

... waren tief im kapitel "PFLANZENFAMILIEN", bestehend aus vierzehn unnummerierten gedichten, von denen eines elke als problemlos politisch lesbar gegenübertritt (oder politisch-in-zweiter-ableitung, gut, soll sein), während ein anderes, das mit der blumenhochzeit, sie nervt. verstehe ich in grenzen, will sagen: ich mag am zweiteren text die wendung von wegen

geficktem motorstaub

nicht; sie wirkt, als hätte sie entweder us-amerikanische schimpfkultur (=nähere schauplatzbestimmung?), oder eine zusätzliche vorhin-wurde-gebumst-konnotation, oder beides, ins gedicht locken sollen, doch da ihr, der wendung, die verführungskräfte erlahmten, zerrte sie die beiden widerspenstigen objekte der begierde eben an den haaren herbei ... gegen den rest der blumenhochzeit hab ich dagegen wenig einzuwenden: weibchen weg, und unter sehr genau bestimmten umständen, und leer so leer das zimmer ... wett macht den äh fickstaub dann für mich der

tretschwan

der "er" sein will,

um zumindest einen see zu kennen.

... die nachwehen eines lohengrin-clubmix am sommerlichen baggerloch also – da bin ich sehr dafür. daraufhin sehe ich mich im restlichen kapitel um, ohne eine so bestimmte frage vor augen zu haben wie elke, und bemerke:

ei der daus, das kapitel heisst ja PFLANZENFAMILIEN, und es kommen aber gar nicht in allen texten pflanzen vor; manchmal sind es nämlich tiere, in einem fall gar bloß ein truck, dem aber immerhin

dumme[n] pfoten

bescheinigt werden; allen gedichten des kapitels dagegen gemeinsam ist, dass sie sofort gehorsam sich auftun, wenn wir sie (auf unterschiedliche weisen) als texte über gruppendynamiken von irgendwelchen leuten lesen, die am belebten bildmaterial niederschlag und/oder entsprechung finden; es fällt dann eine allgemeine atmosphäre der mühsamen selbstdistanzierung und rastlosigkeit auf, eine aufbruchstimmung, die wir genauer bestimmen wollen; sagen wir "provinzpunks letzter sommer im dorfe, bevor er nach leipzig aufbricht, um am dll zu inskribieren" (oder so) ... der letzte text des kapitels geht dementsprechend so:

die weissagung wird sich bewahrheiten.
meine hände werden enorme feuer entfachen.
feuer, weit über die hecken der nachbarsgärten,
hinaus ins wahre gebüsch.

meine kiemen werden expodieren, nichts
wird bleiben. alles ruhen. du wirst es merken, ja,
wirst mich ansehen ohen augen, das wird hart.
vögel werden sich paaren im licht der laternen,

sie werden neue vögel gebären.
das ist der alltag der beinahvögel-zyklopen,
so sheen sie uns durch ihre plastikfernrohre.
daher ihre ängste.

zwischenfrage - was wären das für beinahevögel, die, statt eier zu legen, "gebären"? wir wissen zwar, die anforderungen der metapher triumphieren im zweifelsfall über die erkenntnisse carls von linné, aber trotzdem... ach egal. weiter im text:

ich werde meinen drucker einschalten,
einen fahrplan ausdrucken in ihre volieren.
du wirst mich nicht fahren lassen, du wirst
sagen: bleib bei mir und wirst es so meinen.

die beseelten tiere und pflanzen, die da kreuchen und fleuchen im kapitel, sie legen jenes allegorische lesen nahe, das elke anhand der fünf käfer schon vorgeführt hat; evozieren märchen und verzauberung à la tieck-novellensammlung (womit das vorkommen in einem buch über "flüchtige monde" gerechtfertigt wäre), evoziert damit leider auch fantasy als gewaltsames herbeizwingen des märchenmodus in bewusstseinsstufen, da er für meine begriffe nichts veroren hat ...

... siehe etwa das schon von elke zitierte geopolitische käferballett, dessen zierliche anschaulichkeit die leichte einordenbarkeit von sachverhalten besingt, die eben nicht sooo klar einzuordnen, überblicken, abzuhaken sind; seine wirkung lebt von einer scheinkatharsis der rezipienten, die sich mit käfer 2 oder käfern 1, 3, 4, 5 identifizieren und denken dürfen: "der stand der dinge ist zwar scheisse, aber immerhin *das* ist in seiner gänze erkennbar." - wo doch genau dieses nicht zutrifft. solches ficht nun die käferlein in ihrem text nicht an (über das dogma der auferstehung kannstú streiten, über ein gelungenes altarbild nicht); wird das gedicht aber, wie schon diskutiert wurde, als politische rede rezipiert, muss man's dazusagen. (natürlich passt, so reflektiert ist der verfasser, die künstliche vereinfachung sowohl zum hallraum "tieck" alsauch zum textserviervorschlag "aufbruch des dorfpunks in die weite welt". das bild ist in sich stimmig. lassen wirs dabei.)