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Herausgeber: Johannes Beilharz

Am Ufer des Ganges

José Emilio Pacheco  
 

Am Ufer des Ganges harrte ich
über den Zeitraum von vier Jahrhunderten
auf den Leichnam meines Feindes.

Im Wasser sah ich die Reste von Reichen vorbeitreiben,
nicht aber die Überbleibsel meines Feindes.

Im Laufe der Zeit wurde ich Stein, Pflanze, Wurzel
und schließlich ein wenig treibender Müll,
den der Ganges auf seinen Wellen mit sich trug.

Welche Enttäuschung: niemals sah ich mich selbst in den Wassern,
niemals erkannte ich, dass ich mein Feind war.

(A la orilla del Ganges)

Aus dem Spanischen übersetzt von Johannes Beilharz. Das Gedicht stammt aus:José Emilio Pacheco, Los trabajos del mar, Poesía IV (1979-1989), 2011.

Der Mexikaner José Emilio Pacheco (1939-2014) gilt als einer der bedeutendsten lateinamerikanischen Lyriker der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter 2009 mit dem Premio Cervantes. Er lehrte an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM), der University of Maryland, der University of Essex und anderen Hochschulen in den USA, Kanada und Großbritannien. Von 1963 bis 2012 veröffentlichte er 16 Gedichtsammlungen, 3 Bände mit Erzählungen, 2 Romane sowie Übersetzungen von T. S. Eliot, Samuel Beckett, Marcel Schwob, Oscar Wilde und Tennessee Williams. In deutscher Sprache erschienen von ihm Kämpfe in der Wüste, ein Band mit Erzählungen (2000),und in Übersetzung von Tobias Burghardt Früher oder später / Tarde o temprano: Gedichte. Poemas 1964-2000 (2011).

 

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